Balkan / Albanien


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Vorträge von Mitgliedern des Verbandes

(die Verantwortung für die Beiträge liegt bei den Autoren)

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Bock, Prof. Dr. Siegfried:

"Einheit in der Vielfalt? - Grundlagen und Voraussetzungen eines erweiterten Europas"

Internationales Kolloquium zur Förderinitiative der Volkswagenstiftung vom 22. bis 24. Januar 2004 im Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig

Vortrag zum Projekt "Albanische Identität im Spannungsfeld zwischen nationaler Eigenstaatlichkeit und europäischer Integration"

Dankenswerterweise hat die Volkswagenstiftung ein Projekt unter dem Titel: Albanische Identitätssuche im Spannungsfeld zwischen nationaler Eigen-staatlichkeit und europäischer Integration" gefördert. Es wurde im Rahmen des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht, Berlin, von Herrn Peter Schubert bearbeitet. Leider ist Herr Schubert, der ein ausgezeichneter Kenner der albanischen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen war, vor wenigen Wochen verstorben. Sein ganzes berufliches Leben war eng mit Albanien verbunden. Er hat in den fünfziger Jahren in Tirana studiert und seine berufliche Laufbahn 1990 als Botschafter der DDR in Albanien beendet. Vielfältige Kontakte zu diesem Land, begünstigt durch seine exzellenten Kenntnisse der albanischen Sprache, haben sich in den sich daran anschließenden Jahren als gute Voraussetzungen für die Bearbeitung seines Forschungs-Projektes erwiesen. Die von Herrn Schubert angefertigte Studie wird in Kürze in einer von der Universität der Bundeswehr Hamburg betreuten Publikationsreihe veröffentlicht.

Gegenstand des Forschungsprojektes waren Formen und Wege der Suche nach albanischer Identität im Zusammenhang einerseits mit der gegenüber anderen Balkanstaaten nachholenden Entwicklung der Staatenbildung und andererseits mit der Einbeziehung in den Prozess der europäischen Integration. Ausgangspunkt dabei war, dass die Bandbreite der allgemeinen Bestimmung kollektiver bzw. individueller Identität unter Gesichtspunkten nationaler, ethnischer, historischer, politischer, sozialer, kultureller, religiöser und mentaler Determinanten eine Konzentration auf das Spezifische in der albanischen Identitätsbestimmung erfordert. In der Vergangenheit ließ sich das vor allem aus dem Fehlen eines einheitlichen Staates, der Langlebigkeit patriarchalisch-archaischer Sippenordnung, einer religiösen Vielfalt und des Zusammenhaltes unter Bedingungen fast ununterbrochener Fremdbestimmung bzw. selbst gewählter Isolation ableiten. Mit dem Aufbruch in Überwindung einer besonders rigiden Diktatur in Albanien nach 1990 und dem Aufbegehren der Albaner gegen die Missachtung ihrer Recht im Kosovo bzw. in Makedonien vollzieht sich Identitätssuche heute im Spannungsfeld zwischen nationaler Einheit und sozialem, ökonomischem und kulturellem Wandel auf dem Weg in eine reformorientierte, demokratische Gesellschaft. Die in Albanien allgemein akzeptierte Losung "Rückkehr nach Europa" ist die Metapher für eine Zukunft im integrierten Europa, ist Vision und Aktion zugleich unter Prämissen, die die Verankerung in einem geographisch-historisch bestimmten Kulturkreis zwischen Okzident und Orient nicht aufheben können.

Auf das Mutterland Albanien bezogen steht nationale Eigenstaatlichkeit, folglich auch nationale Identität, nicht in Frage, soweit sie nicht durch innere Krisen erschüttert wird. Auf dem Prüfstand steht vielmehr der Reifegrad der Reformprozesse, um zu den eigenen Identitätswurzeln neue Identitätsmerkmale aus der Teilhabe an der europäischen Integration hinzuzugewinnen. Die ungelöste Statusfrage des Kosovo und das Ringen um gesicherte Rechte der Albaner in den anderen ehemaligen jugoslawischen Territorien geben allerdings der ethnisch-politischen Komponente Vorrang vor demokratisch-reformerischen und integrativen Faktoren.

Während sich die ethnisch-kulturelle Identität in vielfältigen Bindungen Albaniens zu den Landsleuten im Kosovo bzw. in Makedonien oder Montenegro widerspiegelt und die Merkmale einer regionalen albanischen Identität aufweist, ist in politisch-administrativer Hinsicht von zunehmender Eigenprofilierung der einzelnen Siedlungsgebiete auszugehen. Damit sind zugleich neue Fragen für das Zusammenleben in der Region aufgeworfen. Unter dem Gesichtspunkt sozial-politischer Unterschiede sind Spannungen unter den Albanern nicht ausgeschlossen, die ihre Rückwirkung auf die Identitätsbestimmung haben.

In Rechnung zu stellen ist die Veränderlichkeit von Identitäten. Die komplizierte Umbruchsphase in der Region bewirkt auch Identitätskrisen unter den Albanern. Nur deren Überwindung und die Bereitschaft, eine Symbiose überkommener Identitätsmerkmale mit neuen Normen und Werten in Wahrnehmung nationaler und internationaler Interessen herzustellen, wird für die Albaner letztlich Wege zur europäischen Integration erschließen. Gegenwärtig muss man davon ausgehen, dass zwischen den Albanern des Mutterlandes und ihren Brüdern in den angrenzenden Siedlungsgebieten stark differierende Sichten, die aus historischen und aktuellen Lebensbedingungen resultieren, bestehen. Deren Aufhebung oder weitere Ausprägung wird wesentlichen Einfluss nicht nur auf die albanische Identitätsbestimmung, sondern auf die zukünftige Entwicklung im Balkanraum insgesamt und dessen Einordnung in die europäische Integration haben.

Der Identitätsbegriff bedarf heute mehr denn je einer zeitgemäßen Definition. Der Rückgriff auf verdrängte kollektive Identitäten, die sich insbesondere im Widerstand gegen das "Andere" oder den "Anderen" ausprägen, hält den neuen Herausforderungen nicht stand. Es entsteht die Notwendigkeit der Ausprägung neuer kollektiver Identitäten unter den Bedingungen der nationalen Formierungs- und sozialen Transformationsprozesse. Gerade das Beispiel Albanien macht deutlich, dass nicht alle Menschen, die zur selben Zeit leben, auch in der selben Zeit leben. Dabei handelt es sich nicht um eine selbstverschuldete Ungleichzeitigkeit, die eigenständige Prioritätensetzung bei der Definition der kollektiven und individuellen Identitäten rechtfertigt und noch weniger Anlass sein sollte, fremde Modelle und Werte einfach aufzupfropfen.

Der Ausbruch ethnisch-nationaler Konflikte, den wir in den vergangenen beiden Jahrzehnten in dieser Balkanregion erlebt haben, stimuliert geradezu die Identitätssuche, die sich insbesondere als historischer Nachvollzug nationaler Formierungsprozesse darstellt.

Den Albanern haftet das Stigma des zu spät gekommenen, des benachteiligten, immer wieder von außen bedrohten und überdies getrennten Volkes an, dem es nicht vergönnt war, sich in einem einheitlichen Nationalstaat nach ethnisch-geographischen Gesichtspunkten zu vereinen. Das führt auch dazu, dass die Identitätssuche vorrangig auf das Nationale fixiert ist und damit die Gefahr einschließt, zunächst mehr Abgrenzung als Integration herbeizuführen. Und schließlich vollzieht sich die albanische Identitätssuche in einer Gesellschaft, die sich ihrer neuen nationalen und sozialen Ziele noch nicht sicher und mit ihrer Geschichte im Reinen ist. Das albanische Nationalgefühl entwickelte sich vorrangig im Geiste einer von außen bedrohten Schicksalsgemeinschaft als im Verständnis eines aufgeklärten Bürgerbewusstseins. Wobei der Glaube an gemeinsame Wurzeln die Albaner in der Vergangenheit mehr als heute, wo individuelle soziale Interessen in Überwindung der ererbten Rückständigkeit dominieren, verband.

Die historischen Wurzeln albanischer Identität, die bis in die Gegenwart Wirkung haben, deuten auf einen Komplex widersprüchlicher Entwicklungen hin, die verspätete sozialökonomische und nationalkulturelle Formierung, die Abhängigkeiten und Rückständigkeiten ebenso einschließen wie deformierte gesellschaftliche Entwicklungsprozesse in einer verkürzten bürgerlichen wie forcierten realsozialistischen Geschichtsperiode.

Im gegenwärtig in Albanien ablaufenden geistigen Prozess geht es um die Lösung des Widerspruches zwischen überliefertem Nationalismus und europäischer Integration, zwischen überkommenen Gewohnheiten und Werten der Demokratie, zwischen übersteigerten patriotischen Emotionen und zivilisatorischer Öffnung. Das berührt sowohl die Strategien der verschiedenen politischen Kräfte als auch die Wahrnehmung der Individuen.

Alle Untersuchungen bestätigen, dass der Kampf um das tägliche Überleben den Glauben vieler Albaner an höhere nationale Werte geschmälert hat. Das bezieht sich auch auf die Beantwortung der Frage, ob die nationale Frage, also die staatliche Einheit aller Albaner, die Lebensfrage der Albaner ist. Als Gruppeninteresse ist das verbale Bekenntnis zum Zusammenschluss aller Albaner Bestandteil jeglichen Politikansatzes der Parteien und Organisationen von der äußersten Linken bis extrem rechts. Unterschiedlich ist nur die Bestimmung des Ausmaßes für ein Zusammengehen aller Albaner und der Wege dahin. Der Herstellung nationaler Einheit im Rahmen der ethnischen Grenzen stehen aber neben den äußeren bedeutende innere Barrieren entgegen, die durch die langjährige Trennung und den unterschiedlichen Entwicklungsstand bestimmt sind.

Identitätssuche und Identitätsverluste sind Begleitumstände des komplizierten Transformationskomplexes in Albanien mit seinen politischen und mentalen Brüchen. Der Sprung von einer jahrzehntelangen Isolierung, nicht erlebter Demokratie und unerprobten Freiheiten in eine pluralistische Gesellschaft mit antiautoritären Parametern stellt für die Masse der Albaner einen Akt der Selbstfindung auf politisch, ökonomisch, sozial und mental unbefestigtem Terrain dar.

Für viele bildet die Annäherung an Europa einen psychologischen und materiellen Ersatz für die Kommandowirtschaft der Diktatur in der

Hoffnung, dass sich ohne großes eigenes Zutun das Tor für Arbeit, Investitionen und schließlich auch für eine neue nationale Identität als emanzipiertes Volk öffnen werde.

Die Hinwendung Albaniens zur Einbeziehung in die europäische Integration hängt immer stärker mit der Generationsfrage zusammen. Es gewinnt die "Internetgeneration" arbeits- und lernbereiter Menschen an Einfluss. Durch grenzüberschreitende Kommunikation und Integration werden neue Normen geschaffen, die die schrittweise Annäherung an das westliche Wertesystem begünstigen und damit ethnisch-nationale Fesseln sprengen. Es ist dies auch die Generation, die am ehesten einen Wandel von der byzantinisch-orientalischen Mentalität in eine neue europäisch-offene Identität vollziehen kann.

Natürlich kann das nicht heißen, die biologische Ablösung der älteren Generationen als den Königsweg der albanischen Nation nach Europa zu betrachten. Das schließt schon der Zeitfaktor aus. Warum sollte Albanien erneut zu den zu spät Gekommenen gehören? Dafür gibt es keinerlei Rechtfertigung. Auch für Albanien gilt, sich jetzt und in absehbarer Zukunft auf den Weg nach Europa zu machen und sich der europäischen Integration anzuschließen.

Dabei bedarf ein Faktor besonderer Aufmerksamkeit. Weitgehend resultierend aus der Tatsache, dass Albanien außer der Geburtenhäufigkeit in allen anderen Entwicklungsparametern in der europäischen Rangfolge am Ende steht, kommt dem ökonomischen und sozialen Erwartungshorizont der Menschen bezüglich der Einbeziehung in die europäische Integration besonderer Stellenwert zu. Es bedarf großer Anstrengungen, diese Erwartungen im Inneren auf ein realistisches Maß zu reduzieren und diesem Problem von außen mit Sensibilität und Verständnis zu begegnen, um Enttäuschungen auf beiden Seiten zu vermeiden.

Abschließend sei auf einen weiteren Aspekt der albanischen Entwicklung hingewiesen, der im Zusammenhang mit der Vielfalt der europäischen Entwicklung Beachtung verdient. Albanien könnte ein Beispiel dafür sein, wie eine Nation auf dem Weg nach Europa eine Entwicklungsphase überspringt. Ohne Schaffung eines ethnisch einheitlichen albanischen Nationalstaates könnte sich unter Einbeziehung aller albanischen Siedlungsgebiete eine Region herausbilden, die in hohem Maße in ökonomischer und kultureller und teilweise auch in politischer Hinsicht vernetzt ist und die unterhalb der Ebene der Nationalstaaten, die weiterhin die Hauptform der europäischen Integration darstellen wird, einen strukturellen Rahmen für Verständigung und Kooperation innerhalb der europäischen Einheit abgeben könnte.