Abrüstung / Atomwaffen / Lateinamerika


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Thielicke, Dr. Hubert:

Alfonso Garcia Robles - Botschafter, Außenminister, Friedensnobelpreisträger

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "WeltTrends" Nr. 81 - Nov./Dez. 2011

Am 14. Februar 1967 wurde Weltgeschichte geschrieben im Außenministerium Mexikos, das im Stadtteil Tlatelolco der mexikanischen Hauptstadt liegt. Die Vertreter von 14 lateinamerikanischen Staaten unterzeichneten den „Vertrag über das Verbot von Kernwaffen in Lateinamerika“, später nach dem Ort nur kurz „Vertrag von Tlatelolco“ genannt. Nach dem Antarktisvertrag von 1959 sollte damit erstmals ein riesiges bevölkertes Gebiet der Erde von atomaren Waffen freigehalten werden. Die UN-Generalversammlung würdigte den Vertrag im gleichen Jahr in ihrer Resolution 2286 (XXII) als „ein Ereignis von historischer Bedeutung in den Bemühungen um die Nichtverbreitung von Kernwaffen sowie zur Förderung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“.

Dass dieser Vertrag zustande kam, war in großem Maße das Verdienst eines herausragenden Diplomaten – des mexikanischen Botschafters Alfonso Garcia Robles. Von 1964 bis 1970 leitete er das mit der Vorbereitung der Verhandlungen befasste Gremium, die Verhandlungen selbst und schließlich auch die erste Generalkonferenz der zur Umsetzung des Vertragswerkes gegründeten Organisation für das Verbot von Kernwaffen in Lateinamerika (OPANAL). Seine zielstrebige Verhandlungsführung, verbunden mit einer Vielzahl von inhaltlichen Vorschlägen, brachten ihm den Beinamen „Vater“ des Vertrages von Tlatelolco ein.

Garcia Robles wurde 1911 in Zamora geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Mexico City, Paris und Den Haag trat er 1939 in den diplomatischen Dienst seines Landes ein. Erste Erfahrungen auf diplomatischem Parkett sammelte er an der Botschaft in Schweden und im Sekretariat der Vereinten Nationen. Von 1962 bis 1964 war er Botschafter in Brasilien, danach bis 1970 Staatssekretär im Außenministerium.

Die Abrüstungsfragen waren ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit als Ständiger UN-Vertreter Mexikos in New York von 1971 bis 1975. So trug er wesentlich zum Zustandekommen einer umfassenden UN-Studie über kernwaffenfreien Zonen bei. Unermüdlich verfocht er das Konzept der regionalen Kernwaffenfreiheit als entscheidenden Beitrag der Nichtkernwaffenstaaten zur Befreiung der Welt von diesen Waffen der Massenvernichtung. Nicht zuletzt unter seinem Einfluss betonte Mexiko 1975 als Ziel dieser Bemühungen, „schrittweise die Zonen der Welt auszuweiten, in denen Kernwaffen geächtet sind, bis die Territorien der Staaten, die auf ihrem Besitz beharren, zu unter Quarantäne gestellten verseuchten Inselchen werden“.

Den Höhepunkt seiner diplomatisch-politischen Laufbahn bildete die Tätigkeit als Außenminister Mexikos 1975 bis 1976. Anstatt danach den wohlverdienten Ruhestand anzutreten, ließ er sich 1976 zum Vertreter Mexikos auf der Genfer Abrüstungskonferenz ernennen. Hier und in den jährlichen Abrüstungsdebatten der UN-Generalversammlung widmete er sich mit großem Engagement der nuklearen Abrüstung. Nachdrücklich setzte er sich insbesondere für weit reichende Kernwaffenreduzierungen der beiden Supermächte und den Abschluss eines nuklearen Teststopp-Vertrages ein, der schließlich 1996, fünf Jahre nach seinem Tod, zustande kam. Auf der 1. UN-Sondertagung über Abrüstung (1978) spielte er eine wichtige Rolle bei der Ausarbeitung und Verabschiedung des Schlussdokumentes der Konferenz, das die Ziele, Prinzipien und Maßnahmen des Abrüstungsprozesses definiert. Als Vorsitzender eines Komitees der Genfer Abrüstungskonferenz versuchte er in den nächsten Jahren, diese grundsätzlichen Maßnahmen in Form eines Umfassenden Abrüstungsprogramms zu konkretisieren.

Hartnäckig und mit großer Eloquenz verfocht er seine Positionen, was ihn in den 1980er Jahren zum wahren Doyen der Gruppe der nichtpaktgebundenen Staaten auf der Genfer Abrüstungskonferenz und zu einer herausragenden Gestalt der Abrüstungsdebatten in Genf und New York machte. Für seinen unermüdlichen Einsatz für die Abrüstung wurde Garcia Robles schließlich 1982 gemeinsam mit der schwedischen Politikerin Alva Myrdal mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Seine Nobel Lecture widmete er dem Vertrag von Tlatelolco, der inzwischen zu einem wichtigen Vorbild für weitere Abkommen wurde, die heute fast die gesamte südliche Hemisphäre und Teile der nördlichen von Kernwaffen frei halten. Wohl jeder, der Garcia Robles kannte und die Ehre hatte, mit ihm – ob in Genf oder New York – zusammenzuarbeiten, wird ihn in Erinnerung behalten als einen in den Zeiten des Kalten Krieges gegen die Gefahr eines Kernwaffenkrieges engagierten Diplomaten bester Schule.

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