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Thielicke, Dr. Hubert:

Ground Zero in Kasachstan

Konferenzbericht zu „International Forum for a Nuclear-Weapon-Free World“, Astana, Kasachstan, 12. bis 13. Oktober 2011; „20 Jahre Schließung des Atomtestgeländes Semipalatinsk – Schritte und Initiativen hin zu einer Welt ohne Atomwaffen“, Berlin, 19. Oktober 2011.

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "WeltTrends" Heft 81 - Nov./Dez. 2011

Etwa 500 Regierungsvertreter, Parlamentarier und Nichtverbreitungsexperten erörterten am 12. Oktober in der kasachischen Hauptstadt Fragen einer kernwaffenfreien Welt und verabschiedeten eine entsprechende Deklaration. Am 13. Oktober besuchten sie das ehemalige sowjetische Atomtestgelände in Semipalatinsk. Eine Woche später führten die Botschaft der Republik Kasachstan in Deutschland und der Wostok Verlag gemeinsam mit der Vereinigung von Ju­risten gegen Kernwaffen (IALANA) und pax christi in Berlin ein Symposien aus Anlass des 20. Jahrestages der Schließung von Semipalatinsk durch.

Im Mittelpunkt des Astana-Forums standen Schritte zur Erreichung einer kernwaffenfreien Welt, zum Inkrafttreten des Umfassenden Kernwaffenteststoppvertrages und zur Schaffung kernwaffenfreier Zonen. In seiner Eröffnungsrede betonte Präsident Nursultan Nazarbajev, dass vor 20 Jahren mit Semipalatinsk weltweit erstmals ein Testgelände geschlossen wurde. Angesichts des heftigen Widerstands des sowjetischen militärisch-industriellen Komplexes sei das durchaus nicht einfach gewesen, auch die damalige Führung unter Präsident Gorbatschow hätte widersprochen. Im Verlaufe von 40 Jahren fanden in dem Gebiet mehr als 450 nukleare Versuche statt, davon über 120 oberirdische. Mehr als 300.000 Quadratkilometer wurden atomar verseucht, was etwa der Größe Deutschlands entspricht. Mit über 110 ballistischen Raketen und 1.200 Kernsprengköpfen verfügte Kasachstan nach dem Zerfall der Sowjetunion über das viertgrößte Kernwaffenarsenal, und übertraf damit die Kernstreitkräfte von China, Frankreich und Großbritannien zusammengenommen. Bis Mitte der 1990er Jahre wurden diese Waffen mithilfe Russlands und der USA demontiert. Mit dem Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag und dem umfassenden Teststoppabkommen sowie der Mitwirkung bei der Schaffung einer kernwaffenfreien Zone in Zentralasien demonstrierte das Land sein großes Interesse an einer weltweiten nuklearen Abrüstung. Präsident Nazarbajev bekräftigte seinen Vorschlag, eine universelle Deklaration über eine kernwaffenfreie Welt auszuarbeiten. Kasachstan sei an der friedlichen Nutzung der Kernenergie interessiert. Immerhin verfüge es über ein Viertel der Weltreserven an Uran, ein großes wissenschaftliches Potenzial und eine kernenergetische Infrastruktur. Es sei bereit, die Internationale Bank der IAEO für Kernbrennstoff aufzunehmen.

In seiner Botschaft an die Konferenz hob UN-Generalsekretär Ban Kimoon die welthistorische Bedeutung der Schließung von Semipalatinsk hervor und erklärte: „Let us move from ground zero to global zero.“ Semipalatinsk sei ein Symbol für eine kernwaffenfreie Welt. Auch US-Präsident Obama würdigte in seiner vom stellvertretenden Energieminister Daniel Poneman vorgetragenen Grußbotschaft die aktive Rolle Kasachstans und die Zusammenarbeit beider Staaten bei der Nichtverbreitung von Kernwaffen. Zu aktuellen Fragen der Nichtverbreitung und des Verbots der Kernwaffenversuche äußerten sich auch IAEO-Generalsekretär Yukiya Amano und der Exekutivsekretär der Organisation des Teststoppvertrages Tibor Tóth. In der „Deklaration über eine kernwaffenfreie Welt“ wird betont, dass heute günstige Bedingungen für Fortschritte in dieser Richtung bestehen. Gefordert werden Verhandlungen über weitere Schritte zur Reduzierung der Kernwaffen und zur Schaffung neuer atomwaffenfreier Zonen. Alle Staaten, die das noch nicht getan haben, werden aufgerufen, den umfassenden Teststoppvertrag zu ratifizieren; bis zu seinem Inkrafttreten sollte freiwillig auf nukleare Tests verzichtet werden.

Auf der Berliner Veranstaltung verwies der kasachische Gesandte Adilbek Alzhanov auf die großen gesundheitlichen Schäden im Umkreis des Atomtestgeländes; die Krebsrate sei in der Region außerordentlich hoch. Mehr als 1,5 Millionen Menschen seien von der nuklearen Strahlung betroffen, davon jeder Zehnte in das Register der potenziellen Strahlenopfer eingetragen worden. Etwa 75.000 seien bisher an den Folgen gestorben. Gemeinsam mit zwei anderen Zeitzeugen berichtete er über persönliche Erfahrungen hinsichtlich der Strahlungsfolgen im Umfeld von Semipalatinsk. Insbeson­ere Japan hätte sein Land bisher medizinisch sehr unterstützt, berichtete der kasachische Botschafter Nurlan Onzhanov. Gehofft werde, dass Deutschland hier auch hilft. Noch Anfang der 1990er Jahre hätten einige ausländische Besucher sein Land aufgefordert, die sowjetischen Kernwaffen zu behalten, um weltpolitisch mitbestimmen zu können. Mit seinen Beschlüssen über die Schließung des Testgeländes und den Kernwaffenverzicht habe Kasachstan jedoch seine Souveränität demonstriert. Bei seinem Besuch in Teheran vor vier Jahren hätte Präsident Nazarbajew sich eindeutig gegen den Erwerb von Kernwaffen und für die ausschließlich friedliche Nutzung der Kernenergie ausgesprochen. Die Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler (Die Linke) äußerte sich enttäuscht über die bisher zu schwachen Ergebnisse im Gefolge der Prager Rede von Obama. Mit ihrem Beharren auf der Erstanwendung von Kernwaffen und dem Streben nach einem Raketenschild sei die NATO noch immer im Denken des Kalten Krieges verhaftet. Die letzten US-Atombomben müssten aus Deutschland abgezogen werden. Das forderten auch Reiner Braun (IALANA) und Christine Hoffmann (pax christi), die sich ebenfalls für eine Konvention zum Kernwaffenverbot aussprachen.

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