Südafrika


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Umkhonto we Sizwe - Speer der Nation"

Vor 50 Jahren begann der bewaffnete Kampf in Südafrika

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: Zeitschrift "afrika süd", Heft 6/2011

In der Nacht des 16. Dezember 1961 wurden einige Städte in Südafrika von Explosionen erschüttert, Büros des Apartheid-Regimes zerstört und Hochspannungsmasten geknickt. Auf Plakaten in der Nähe der Anschlagsorte proklamierte eine bisher unbekannte Organisation Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation - MK) den Kampf für Mehrheitsherrschaft und Freiheit für alle Südafrikaner. Damit hatte der bewaffnete Befreiungskampf begonnen.

Im Jahr zuvor hatten das Massaker von Sharpeville, die anschließende Verhängung des Ausnahmezustandes mit dem Verbot des Afrikanischen Nationalkongresses ANC und anderer Organisationen sowie die massive Verschärfung der Repressalien die bisherige Politik des gewaltlosen Widerstandes gegen die Apartheid in Frage gestellt. Das zeigte sich Ende Mai 1961, als ein dreitägiger Streik gegen die Proklamation Südafrikas zur Republik vom Regime im Keim erstickt wurde. Nelson Mandela, Vizepräsident des ANC, sprach erstmals öffentlich vom Ende des gewaltlosen Widerstandes.

Dabei war der Übergang zum bewaffneten Kampf im ANC nicht unumstritten. Nach heftigen Diskussionen fiel Mitte 1961 die Entscheidung, der gewaltlose Widerstand sollte nicht aufgegeben, den ANC-Mitgliedern aber freigestellt werden, Formen des bewaffneten Kampfes in einer separaten Organisation zu entwickeln. Freiwillige des ANC und der bereits seit 1950 verbotenen Kommunistischen Partei gründeten Umkhonto we Sizwe, die Führung übernahm Nelson Mandela.

Der 16. Dezember für den Beginn des Kampfes war bewusst gewählt worden – die Buren erinnerten an diesem „Gelöbnistag“ an einen wichtigen Sieg 1838 bei der Unterwerfung der schwarzen Bevölkerung. Der Kampf beschränkte sich zunächst auf Sabotageakte gegen Regierungsbüros und Infrastruktureinrichtungen. Strenges Gebot war, keine Menschenleben zu gefährden. Die ersten Aktionen waren wenig spektakulär, einige scheiterten an dilettantischen Fehlern, die Plakate wurden von der Polizei schnell eingesammelt. Wichtig war die Symbolik. Bald wurde der Kampf ausgeweitet in Richtung eines Guerillakrieges, nun wurden auch Güterzüge und Zuckerrohrplantagen attackiert. Die Regierung reagierte mit Anti-Terror-Gesetzen und verstärkten Repressionen. Bei der Verhaftung des untergetauchten Mandela 1962 kannte man seine Rolle in MK noch nicht. Doch 1963 fielen der Polizei fast die gesamte Führung des MK und Pläne für einen Guerillakrieg, „Operation Mayibuye“,in die Hände. Im Rivonia-Prozess gab es lebenslange Haft für Mandela und seine Genossen.

Auch wenn seine erste Phase gescheitert war, wurde der bewaffnete Kampf fortgesetzt. Dem ANC ging es auch um die Unterstützung in Afrika, wo eine Reihe von Staaten den sich radikal gebärdenden Panafrikanistischen Kongress PAC favorisierten. MK war damals – trotz der voreiligen Erklärung eines Exil-Vertreters – formell noch nicht der bewaffnete Flügel des ANC und wurde erst später de facto integriert. Nach dem Rivonia-Prozess und der Zerschlagung der Führungsstrukturen im Lande konzentrierten sich ANC und MK auf den Ausbau einer Exil-Infrastruktur, auf internationale Unterstützung und militärische Ausbildung für MK-Kader in afrikanischen und in sozialistischen Staaten. Schwierig war die Infiltration dieser Kämpfer nach Südafrika, das von einem Cordon sanitaire kolonialer und Siedlerregimes umgeben war.

Erste militärische Operationen

Nach der Ausbildung Hunderter von Kämpfern im Exil gab es im ANC Diskussionen zur Taktik des bewaffneten Kampfes. Im Exil in London favorisierte man den Aufbau illegaler Strukturen im Lande. Exilführer in Tansania, wohl auch unter dem Druck ungeduldiger und tatendurstiger MK-Rekruten, beschlossen jedoch militärische Operationen nach Südafrika hineinzutragen. 1967/68 überquerten Kämpfer einer gemeinsamen Einheit von ANC und der Zimbabwe African People‘s Union (ZAPU) den Sambesi. Das „Luthuli-Detachment“ des MK sollte durch Südrhodesien bis Südafrika vorstoßen. Diese „Wankie/Sipolilo-Operation“ scheiterte in schweren und verlustreichen Kämpfen mit rhodesischen Truppen, war jedoch eine wichtige erste militärische Kraftprobe. Pläne einer Infiltration von Kämpfern in Südafrika auf dem Seeweg nach kubanischem Vorbild wurden verworfen.

MK gelangen Ende 1969 in Südafrikas Großstädten spektakuläre propagandistische Aktionen mit Flugblattbomben und versteckten Lautsprechern, die von der Existenz des ANC kündeten. Regionale MK-Kommandostrukturen in Nachbarländern Südafrikas sollten die Infiltration von Kämpfern unterstützen. Die Legitimität des bewaffneten Kampfes zur Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker im südlichen Afrika erhielt zunehmend internationale Anerkennung, mehrheitlich auch in der UNO. Einen Rückschlag erfuhr der ANC 1969, als Tansania die dort befindlichen MK-Kämpfer zeitweise des Landes verwies.

Neue Kampfbedingungen ergaben sich Mitte der 1970er Jahre mit dem Kollaps des portugiesischen Kolonialreiches und der Unabhängigkeit Angolas und Mosambiks. In Südafrika gingen nach dem Soweto-Aufstand 1976 Tausende Jugendliche ins Exil, um sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen – aus ihnen wurde das „June 16th Detachment“ von MK formiert. Vor allem in Angola entstanden Ausbildungscamps. Zahlreiche Kämpfer erhielten eine spezialisierte Ausbildung in sozialistischen Ländern. Neben der Sowjetunion war das auch die DDR, die bereits Anfang der 1960er Jahre einzelne Kämpfer ausgebildet und seit 1967 die Unterstützung für den bewaffneten Kampf afrikanischer Befreiungsbewegungen verstärkt hatte. In einem geheimen Camp beim mecklenburgischen Städtchen Teterow wurden bis Ende der 1980er Jahre mehr als 1.000 MK-Kämpfer ausgebildet.

Das Apartheidregime schlägt zurück

In den 1970er Jahren verstärkte MK seine Operationen in Südafrika selbst – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Schwerpunkt war die „bewaffnete Propaganda“ mit gezielten Attacken auf Apartheidinstitutionen mit großer Symbolik - Stützpunkte von Polizei und Armee, Regierungsgebäude, Infrastruktureinrichtungen. Es gab offene Gefechten mit der Polizei. Seit 1980 griffen MK-Spezialeinheiten strategische, darunter auch ökonomische Einrichtungen an – die Erdölraffinerie Sasolburg und den Militärstützpunkt Vortrekkerhoogte. 1982 explodierten Sprengsätze im Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt. 1983 erschütterte eine Bombenexplosion das Luftwaffenhauptquartier und die Zentrale des Militärgeheimdienstes mitten in Pretoria.

Pretoria reagierte wie gewohnt. Südafrikas Luftwaffe hatte bereits frühzeitig Angriffe auf MK-Stützpunkte und ANC-Einrichtungen in der Region geflogen. Bombenanschläge auf einzelne Führungskräfte des ANC nahmen zu. Kommandounternehmen südafrikanischer Spezialtruppen in Nachbarländern, bei denen neben ANC-Kämpfern und südafrikanischen Flüchtlingen auch Zivilisten dieser Staaten getötet wurden, verschärften die Situation in der Region. Es war dieser Druck Südafrikas, der zum Nkomati-Abkommen mit Mosambik 1984 führte - ein schwerer Rückschlag für MK in diesem Operationsgebiet.

Die Kabwe-Konferenz des ANC 1985 orientierte verstärkt auf Militäroperationen auch im ländlichen Südafrika, auf einen Volkskrieg und die Konfrontation mit Armee und Polizei in „weißen“ Gebieten. Neue Möglichkeiten ergaben sich seit 1984 mit dem Aufstand in den Townships. Trotz der Verhängung des Ausnahmezustands in Südafrika 1985 konnte MK seine Operationen verstärken, auch gegen militärische Ziele in vornehmlich weißen Gebieten. Von 1984 bis 1988 stieg die Zahl der MK-Angriffe von jährlich 44 auf über 300. Seit den späten 1980er Jahren verfügte MK aufgrund politischer Veränderungen im Bantustan Transkei dort über eine stabile Basis in ländlichen Gebieten.

Krieg der Nadelstiche

Militärisch blieb es ein Krieg der Nadelstiche. Von 10-12.000 im Ausland ausgebildeten Kämpfern kam nur ein kleiner Teil in Südafrika zum Einsatz. Frust und Enttäuschung darüber, die Lebensbedingungen in den Camps, südafrikanische Giftanschläge und Bombenangriffe, die gezielte Einschleusung von Agenten schufen Probleme, die durch repressive Maßnahmen innerhalb von MK nur noch verschärft wurden. Es kam schließlich zu Revolten in den Camps Viana und Pango in Angola mit Toten und Verwundeten. Südafrikas Wahrheits- und Versöhnungskommission hat später Menschenrechtsverletzungen des ANC konstatiert. Die Organisation selbst hatte diese Vorgänge bereits zuvor durch eigene Kommissionen untersucht und - ungewöhnlich für eine Befreiungsarmee - einen Verhaltenskodex eingeführt.

Wichtig war die strikte Unterordnung von MK unter die politische Organisation des ANC, in den 1980er Jahren formulierte ein Politisch-Militärischer Rat seine Strategie. Auch dem Einfluss von ANC-Präsident Oliver Tambo, formal war er MK-Oberkommandierender, ist es zu verdanken, dass sich – in einer Welt eskalierender Terroranschläge, darunter auch solcher des Apartheidregimes - Angriffe von MK gegen sogenannte weiche Ziele in Grenzen hielten. Wo es sie gab, waren es oft eigenmächtige Entscheidungen lokaler Kommandeure. Einige Angriffe – wie die erwähnte Bombenattacke im Zentrum von Pretoria – waren umstritten. Als der Einsatz von Minen gegen Fahrzeuge im Grenzgebiet zu Simbabwe verstärkt auch zivile Opfer forderte, wurde er 1987 eingestellt.

1987-89 kämpfte MK in Angola an der Seite von Regierungstruppen gegen von Südafrika unterstützte UNITA-Rebellen. Zeitgleich begann mit der Operation Vula der Aufbau einer streng geheimen MK-Untergrundstruktur in Südafrika. Parallel liefen damals bereits Geheimgespräche des ANC mit der Regierung in Pretoria. Im komplizierten Prozess einer Verhandlungsregelung war die Rolle des MK ambivalent. Mittelfristig war ein militärischer Sieg unrealistisch, aber der bewaffnete Kampf hatte enorme psychologische Wirkungen auf den Widerstand in Südafrika. Der Mythos Umkhonto we Sizwe ist bis heute von einer nostalgisch verklärten Aura umgeben.

Kaderschmiede des ANC

In den dramatischen Entwicklungen 1990, Verhandlungen begannen im Mai, wurde erst im August die Suspendierung, nicht Einstellung des bewaffneten Kampfes durch den ANC verkündet. Die Operation „Vula“ lief weiter – als Absicherung im Falle des Scheiterns der Verhandlungen. Angesichts der Erfahrungen mit dem Apartheid-Regime war das Misstrauen groß, die Fähigkeit zum bewaffneten Kampf blieb ein wichtiges politisches Druckmittel. Die zweigleisige Strategie des ANC beinhaltete neben zielorientierten Verhandlungen auch die Beibehaltung militärischer Kapazitäten zur Selbstverteidigung, zumal sich 1990 – 1994 die politische Gewalt innerhalb des Landes noch einmal enorm verstärkte.

Der bewaffnete Kampf von MK war nicht unumstritten, kontinuierlich gab es zudem Auseinandersetzungen um Strategie und Taktik. Die Vorstellung eines siegreichen Einmarsches in Pretoria ist wohl frühzeitig fallengelassen worden, es galt die Priorität des politischen Kampfes. Unterschiedliche Interpretationen des bewaffneten Kampfes und seines Erfolges finden sich auch bei der historischen Aufarbeitung dieses Themas. Wurde die Apartheid auch nicht auf dem Schlachtfeld überwunden, so sehen sich auch die Kämpfer von MK als Sieger. Der Großteil der Kämpfer im Exil kehrte 1991-92 nach Südafrika zurück. Angaben zur Größe von MK differieren beträchtlich. 1995 wurden 28.000 Mann registriert. Davon war 1994 ein Teil in die neu gegründete Streitkräfte SANDF integriert worden, ihr Anteil lag mit knapp 12.000 Mann bei 16 Prozent.

Die Verluste im Kampf gegen einen hochgerüsteten Gegner, der von stabilen staatlichen und ökonomischen Strukturen aus operierte, waren hoch gewesen. Eine Mauer der Erinnerung im Freedom Park (Freiheitspark) in Tshwane verzeichnet die Namen. Zugehörigkeit zu Umkhonto we Sizwe, insbesondere zu den Kommandostrukturen, gilt bis heute als etwas Elitäres. MK war immer auch eine „Kaderschmiede“ des ANC. Der Anteil ehemaliger MK-Führer in Spitzenfunktionen von Staat und Gesellschaft, inzwischen auch in der Wirtschaft Südafrikas heute ist beträchtlich. Der 16. Dezember, einst Gelöbnistag der Buren und dann Gründungstag von MK, ist auch im neuen Südafrika ein Feiertag – der Tag der Aussöhnung. Nicht für alle ehemaligen MK-Kämpfer gibt es Grund zum Feiern, viele von ihnen sind arbeitslos und kämpfen um die Anerkennung ihrer Rentenansprüche.

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