Südafrika

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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"100 Jahre ANC – Identität und Herausforderung"

 Quelle: Autor, zuerst gekürzt veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 07./08.01.2012 unter dem Titel: "Südafrika gehört allen ...")

Afrikas älteste politische Organisation, der Afrikanische Nationalkongress (ANC) Südafrikas, wird 100 Jahre alt. Bereits im Dezember feierten ANC-Mitglieder in den Straßen von Johannesburg - Sangomas, traditionelle Heiler, zündeten Räucherwerk, Veteranen des Befreiungskampfes beschworen tradierte Werte. Offiziell wird der Jahrestag am 8. Januar in Mangaung begangen, dem früheren Bloemfontein.

Dort wurde der ANC 1912 gegründet. Die koloniale Aufteilung Afrikas war weitgehend abgeschlossen. In Südafrika war 1910 die weiße Herrschaft in einer Südafrikanischen Union konstituiert worden, ohne die schwarze Bevölkerungsmehrheit zu befragen, die lange Widerstand geleistet hatte. Noch 1906 wurde eine letzte militärische Rebellion zerschlagen.

Nun meldete sich 1912 die Mehrheit zu Wort. In einer Schule in Bloemfontein gründeten Häuptlinge sowie Vertreter der schwarzen Mittelschicht den South African Native National Congress (SANNC), der 1923 in ANC umbenannt wurde. Ziele waren die Einheit der Afrikaner, die Verteidigung ihrer Rechte und Freiheiten gegen zunehmende rassistische Diskriminierung, gegen die Einschränkung grundlegender Menschenrechte. SANNC-Generalsekretär Solomon Plaatje beklagte, Schwarze würden zu Parias im eigenen Land, wo per Gesetz der Großteil des Bodens Weißen zufiel. Die neue Organisation setzte zunächst auf Appelle und Petitionen und versuchte 1919 sogar, ihre Forderungen auf der Versailler Konferenz vorzutragen.

Die Kooperation mit der Kommunistischen Partei Südafrikas verschaffte dem ANC seit den 1930er Jahren verstärkt Zugang zu schwarzen Arbeitern und Kleinbauern. In der 1944 entstandenen ANC-Jugendliga schärften künftige Führer wie Nelson Mandela, Walter Sisulu und Oliver Tambo ihr Profil. Sie beeinflussten bald entscheidend den ANC.

Als 1948 in Südafrika die rassistische Apartheid zur Staatspolitik erhoben und durch ein Gesetzeswerk verankert wurde, antworteten der ANC und andere Organisationen mit Boykott, Streiks und zivilem Ungehorsam. Höhepunkt des gewaltfreien Widerstandes einer sich formierenden Volkskongressbewegung war 1955 die Freiheitscharta, die ein nichtrassistisches Südafrika forderte: „Südafrika gehört allen, die dort leben, Schwarzen und Weißen.“ Das Apartheid-Regime antwortete mit einem Hochverratsprozess gegen Führer der Bewegung und mit verschärften Repressionen. Als das Sharpeville-Massaker 1960, der Ausnahmezustand und ein Verbot des ANC und anderer Organisationen dem friedlichen Widerstand kaum noch Raum ließen, optierten ANC und Kommunistische Partei für bewaffnete Aktionen als Teil des politischen Kampfes.

Das Regime verschärfte seinen Terror und konnte Führungsstrukturen des ANC zerschlagen. Der bemühte sich daraufhin vom Exil aus um den Aufbau einer schlagkräftigen Organisation. Die Untergrundarbeit im Lande blieb schwer und verlustreich. Die Gefängnisinsel Robben Island mit prominenten ANC-Führern wurde zum Symbol des Kampfes, aber auch zur „Universität“ für ANC-Kämpfer.

Der ANC erhielt Unterstützung von sozialistischen und afrikanischen Staaten sowie durch die weltweite Solidarität progressiver Kräfte. Internationale Sanktionen schränkten den Spielraum des Apartheid-Regimes ein, dessen Probleme im Lande selbst zunahmen. Nicht zufällig kam es 1976 zum Soweto-Aufstand, nachdem mit der Unabhängigkeit Angolas und Mosambiks der Einflussbereich Pretorias geschrumpft war. Der ANC erhielt danach großen Zulauf Jugendlicher für den bewaffneten Kampf.

Befreiungskampf und innerer Widerstand, internationale Solidarität und Sanktionen sowie das Scheitern des rassistischen Konzepts selbst beschleunigten die Krise des Apartheid-Regimes. Als sich diese Entwicklung zuspitzte, verkündete Südafrikas Präsident de Klerk 1990 überraschend die Wiederzulassung der verbotenen Organisationen, die Freilassung politischer Gefangener und politische Rechte für alle. Der ANC kehrte nun auch legal nach Südafrika zurück.

Es war der Beginn vom Ende der Apartheid, nicht durch revolutionären Wandel, sondern als Verhandlungslösung mit vielen Kompromissen, stets gefährdet durch politische Gewalt. Das „südafrikanische Wunder“, die Vermeidung eines Bürgerkrieges, war dem Verhandlungsgeschick des ANC, seiner Unterstützung durch die Massen und der Versöhnungspolitik Mandelas zu danken. Die Kompromissbereitschaft war jedoch nicht unumstritten im ANC.

Freie Wahlen brachten 1994 dem ANC die politische Macht. Der sozioökonomische Transformationsprozess erweist sich angesichts weltweiter neoliberaler Dominanz als langwierig. Ursprüngliche soziale Ziele des ANC sind in weite Ferne gerückt. Trotz einiger Verbesserungen blieben Erwartungen der Bevölkerungsmehrheit auf eine grundlegende Veränderung ihrer Lebensverhältnisse bisher weitgehend unerfüllt.

Der ANC ist ein Sammelbecken politisch und sozial heterogener Kräfte, geprägt durch innere Differenzierungsprozesse und Machtkämpfe. Korruption und Vetternwirtschaft kontrastieren mit den Werten der alten Befreiungsbewegung. Nach einem harmonischen Wechsel an der Spitze von Mandela zu seinem Nachfolger Thabo Mbeki 1997/99 kam es 2007 zum offenen Machtkampf zwischen Mbeki und Jacob Zuma, der tiefe Risse in der Partei hinterließ.

Nach 100 Jahren ANC ist die Bilanz ambivalent. Der ANC sieht seine Gründungsaufgabe erfüllt: Einheit, Rechte und Freiheit für alle Südafrikaner. Diese Aufgabe und die Geschichte des Befreiungskampfes waren für den ANC identitätsstiftend und sind mit der Überwindung der Apartheid als historische Leistung unumstritten. Die ANC-Führer Albert Luthuli und Nelson Mandela erhielten dafür den Friedensnobelpreis. Heute sieht sich der ANC, der als Regierungspartei mit fast zwei Drittel Mehrheit dominiert, neuen komplizierten Herausforderungen gegenüber. Südafrikas künftige gesellschaftliche Entwicklung und die Rolle des traditionsreichen ANC dabei werden auch davon abhängen, wie es der von Auseinandersetzungen gebeutelten Organisation gelingt, die Einheit der Partei zu wahren und deren Charakter und Profil zu schärfen.

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