Geschichte der Außenpolitik der DDR


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Pfeiffer, Otto:

"Die DDR und Spanien 1949 - 1975" (Interview)

Interview, veröffentlicht in: Tim Haberstroh: "Die DDR und das Francoregime. Außenpolitik zwischen Ideologie und Pragmatismus", Schkeuditzer Buchverlag 2012, Schriften der Förderpreisträger der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V.

Quelle: Autor

Im Januar 1973 nahmen Spanien und die DDR zueinander diplomatische Beziehungen auf. Wie und wann haben Sie davon erfahren? Waren Sie darüber überrascht oder hatten Sie das erwartet?

Damals war ich in der Presseabteilung des MfAA tätig. Regelmäßig wurde dort auf dem Dienstweg über den Fortgang der Verhandlungen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit den verschiedenen Staaten informiert, so auch mit Spanien. Nach meiner Erinnerung könnte es die ersten Informationen über die Verhandlungen in Warschau etwa im November 1972 gegeben haben.

Das war insofern keine Überraschung, als ja die prinzipielle Absicht bestand, mit allen europäischen Staaten (und darüber hinaus) die Beziehungen aufzunehmen (Ich bin mir aber nicht sicher, ob es auch Initiativen gegenüber Portugal gegeben hat). Überraschend war allenfalls, wie schnell es zu der Vereinbarung mit Spanien kam. Nach meinem Eindruck hatten sich die Spanier in Konsultationen vergewissert, dass die Anerkennung der DDR durch die Westmächte unmittelbar bevorstand und dann selbst ganz schnell reagiert. Der damalige Außenminister López Bravo wurde nach einem Besuch in Paris in der Presse mit dem Ausspruch zitiert: „Die letzten werden die ersten sein.“

In einem Artikel beschreiben Sie, dass Sie ihre Diplomarbeit ursprünglich über Spanien schreiben wollten. Haben Sie sich nach Ihrem Abschluss mit Spanien beschäftigt und wurden daher nach Madrid gesandt? Wissen sie etwas über die Gründe für die Wahl von Peter Lorf als Botschafter?

Spanien war bis dahin nie Gegenstand meiner Tätigkeit im MfAA. Privat habe ich der Entwicklung dort - schon wegen der Beschäftigung mit der spanischen Sprache – sicher mehr Aufmerksamkeit zugewandt als anderen westeuropäischen Ländern. Die Quellenlage dafür war in der DDR allerdings eher prekär. Überhaupt musste ich auch bei meiner späteren Einarbeitung für die Arbeit in Madrid feststellen, dass Spanien und Portugal in der Abteilung Westeuropa von der Zeit an recht stiefmütterlich behandelt worden waren, als die Kräfte auf diejenigen Länder konzentriert wurden, mit denen sich unterhalb der offiziellen Ebene rege faktische Beziehungen entwickelt hatten. Bis zum Ende der 1960er Jahre wurde für die Herstellung offizieller Beziehungen zu Spanien keine Perspektive gesehen.

Die Kenntnis der Sprache und die Erfahrungen im spanischsprachigen Land Kuba waren sicher Argumente für meine Entsendung. Außerdem wurde mit der „Anerkennungswelle“ die Personaldecke im Bereich Westeuropa ziemlich dünn. In die anderen Botschaften dieses Bereichs wurden vor allem Diplomaten entsandt, die diese Länder im MfAA schon jahrelang intensiv bearbeitet hatten. Die gab es für Spanien nicht, so dass von außen – in meinem Falle aus der Presseabteilung – Personal herangezogen werden musste.

In die Entscheidungsprozesse bezüglich der Botschafterauswahl war ich natürlich nicht eingebunden. Für Peter Lorf als Botschafter sprachen sicherlich die Vielseitigkeit seiner außenpolitischen Kenntnisse aus seiner Tätigkeit als Journalist in leitender Position beim Neuen Deutschland und als Leiter des Bereiches Presse und Information im MfAA, seine Erfahrungen als ND-Korrespondent unter den schwierigen Bedingungen der Arbeit in Bonn und seine spanischen Sprachkenntnisse.

Wie war die Botschaft aufgestellt, wie viele Mitarbeiter gab es? Was war Ihr persönlicher Aufgabenbereich?

Die Madrider Botschaft war – was den politischen Bereich betrifft - die kleinste in Westeuropa. Neben dem Botschafter gab es einen I. und einen III. Sekretär. Das technische Personal beschränkte sich auf einen Chiffreur und ein weiteres Ehepaar (Kraftfahrer/Hausmeister und Sekretärin).

Frühzeitig wurde eine HPA aufgebaut, zuerst von einem Handelsattaché und bald von einem Handelsrat geleitet.

In meine Zuständigkeit als Stellvertreter des Botschafters im Range eines I. Sekretärs fielen die Innen- und Außenpolitik Spaniens und die konsularischen Angelegenheiten. (Der III: Sekretär bearbeitete Presse und Kultur.)

Wie gestaltete sich die konkrete Zusammenarbeit mit den spanischen Behörden, wie intensiv waren die Kontakte?

Die Zusammenarbeit verlief vorwiegend protokollarisch korrekt und sachbezogen, am intensivsten mit dem Außenministerium, aufgrund des niedrigen Niveaus der faktischen Beziehungen aber mit den meisten Behörden nur sporadisch. Problematisch wurde es, wenn Interessen der BRD berührt wurden. Ob es z. B. gelungen wäre, die Einordnung der DDR-Botschaft in die offizielle Protokollliste alphabetisch korrekt vor der BRD-Botschaft durchzusetzen, kann im Nachhinein nicht beurteilt werden, da man in sich in Berlin für das Zugeständnis entschied, die DDR unter „R“ (für República …)führen zu lassen. Die spanische Seite war sonst – vor allem in der ersten Zeit - sichtlich bemüht, die Normalität der Beziehungen zu unterstreichen, da sie die diplomatischen Beziehungen zur DDR als eine Art Pilotprojekt für Beziehungen zu anderen Staaten des Ostblocks betrachtete, an deren Normalisierung man interessiert war. Dabei hat man mitunter auch solche Anliegen entgegenkommend behandelt, die nicht unbedingt den Linien der spanischen Außenpolitik entsprachen. So wurden ganz reibungslos Charterflüge der Interflug im Auftrag des Solidaritätskomitees der DDR mit Solidaritätsfrachten nach Conakry (Guinea) über die Kanarischen Inseln und die damals noch spanische Westsahara genehmigt, obwohl klar sein musste, dass diese Flüge der Befreiungsbewegung von Guinea-Bissão zugute kamen, sich also gegen das mit Franco-Spanien befreundete Diktaturregime in Portugal richteten.

Auch Sicherheitsfragen (z. B. Sicherheit der Botschaft) waren im Interesse der DDR regelbar. Wurden vermeintliche Sicherheitsinteressen Spaniens berührt, war das schon schwieriger (Unterlassung der Information der Botschaft bei Inhaftierung eines DDR-Bürgers wegen Fotoaufnahmen in Madrid).

Können Sie etwas über die Ziele der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen sagen? Welche politischen, ökonomischen oder kulturellen Absichten verfolgte man in Spanien?

Im Vordergrund stand die Absicht, alle europäischen Staaten in den Helsinkiprozess einzubinden. Das war abgestimmte Politik der Warschauer Vertragsstaaten. In der Tat hat Spanien auch seinerseits versucht, sich bei der KSZE im Rahmen der „Neutralen und Nichtpaktgebundenen“ durch eigene Initiativen aufzuwerten und den Prozess der angestrebten Normalisierung der Beziehungen zu den Staaten des Ostblocks voranzubringen.

Es gab darüber hinaus die Erwartung, die Herstellung diplomatischer Beziehungen zu Franco-Spanien könnte die Normalisierung der Beziehungen der DDR zu konservativen Regimes in Lateinamerika erleichtern, wo die DDR große Außenhandelsinteressen hatte (z. B. Brasilien). M. E. hat sich diese Erwartung nicht erfüllt.

Ökonomisch versprach sich die DDR bessere Bedingungen für den Zugang zum spanischen Markt für ihre Exporte, um Valuta für die seit langem getätigten Importe vor allem von Zitrusfrüchten zu erwirtschaften.

Es war keine demonstrative Präsenz der DDR in Spanien vorgesehen. Distanz zum Regime sollte gewahrt werden. Austausch auf kulturellem und sportlichem Gebiet gab es ausgesprochen wenig und im Prinzip nur, wenn er auch kommerziell für die DDR interessant war (z. B. ein Gastspiel der Leipziger Oper, ein Fußball-Freundschaftsspiel einer DDR-Auswahl gegen den FC Barcelona zu dessen 75. Gründungsjubiläum 1974). Solche Ereignisse wurden in der DDR-Presse allenfalls kurz nachrichtlich erwähnt.

Entstanden Probleme in den offiziellen Beziehungen  durch die Verbindungen der SED zur Kommunistischen Partei Spaniens? Gab es auch über die Botschaft Kontakte zur Opposition in Spanien?

Die Botschaft war in die Pflege der Beziehungen SED-KP Spaniens nicht eingebunden. Von offizieller spanischer Seite wurde diese Frage nicht angesprochen.

Die Botschaft hatte praktisch zu allen existierenden bzw. sich formierenden politischen Parteien der Opposition – zumindest zu wichtigen Einzelpersönlichkeiten aus diesem Kreis – Kontakte, ausgenommen ultralinke Kräfte, aber einschließlich der Reformkräfte des Regimes. Etwa die Hälfte der Mitglieder der ersten beiden Regierungen nach Franco zählte zum Kontaktkreis der Botschaft aus jener Zeit.

Die schmale Personaldecke der Botschaft verhinderte allerdings eine regelmäßige Kontaktarbeit außerhalb der Hauptstadt. Bemerkenswerte Ansätze hatte es lediglich in Barcelona gegeben (zu nationalistischen Politikern, linken Oppositionellen, der Presse und Sportverbänden).

Ich habe in den Archiven wenig Dokumente der Botschaft aus der Anfangszeit gefunden.  Gab es eine Art Zurückhaltung von einer der beiden Seiten?

Das widerspiegelt nur den niedrigen Stand der faktischen Beziehungen, an deren demonstrativem Ausbau die DDR nicht interessiert war (s. o.). Auch die spanische Seite hielt sich zurück, da es in extrem falangistischen Kreisen tiefe antikommunistische Vorbehalte gegen die Normalisierung der Beziehungen zu den Staaten des Ostblocks gab. Die an der Normalisierung interessierten Kräfte argumentierten dagegen, mit der DDR habe man ja „eigentlich einen deutschen und nicht einen kommunistischen Staat anerkannt“.

Im Oktober 1975 wurden die diplomatischen Beziehungen nach der Hinrichtung von fünf Regimegegnern unterbrochen.  Hatte die Botschaft etwas mit dem Entscheidungsprozess zu tun oder kam dies eher überraschend für Sie? Gab es neben den Hinrichtungen noch andere Gründe für den Abbruch der Beziehungen?

Die Botschaft hat ständig über die innenpolitische Lage und die wahrnehmbaren Reaktionen dritter Staaten auf diese Entwicklung informiert. Die Entscheidungen wurden jedoch in der Zentrale getroffen. Nachdem sich auch einige west- und nordeuropäische Staaten (sehr deutlich die Niederlande) kritisch positioniert hatten bzw. die Unterbrechung der Beziehungen erwogen (Schweden), war der Schritt der DDR keine Überraschung. Ihm war außerdem – eine Woche zuvor - die demonstrative Einberufung des DDR-Botschafters zur Berichterstattung nach Berlin vorausgegangen.

Ich gehe davon aus, dass die DDR für den Fall, dass auch andere Staaten die Beziehungen unterbrechen würden, nicht in deren Nachtrab hatte agieren wollen. Zudem hatte es besonders aus Kreisen der ehemaligen Spanienkämpfer immer Kritik an Beziehungen zum Franco-Regime gegeben.

Verblieben nach dem Abzug des Botschafters noch Mitarbeiter in der Botschaft, gab es danach noch Kontakte unterhalb der Botschafterebene?

Die Syrische Arabische Republik übernahm die Vertretung der Interessen der DDR. Formell als Abteilung der syrischen Botschaft verblieb ein Mitarbeiterstab unter dem Handelsattaché in Madrid in den Diensträumen der bisherigen DDR-Botschaft. Nach weniger als einem Jahr kehrte auch der Handelsrat zurück und übernahm die Leitung der Gruppe.

Alle Diplomaten des politischen Bereichs wurden abberufen. Offizieller Verkehr mit spanischen Regierungsstellen musste durch die syrische Botschaft abgewickelt werden. Die HPA und die ihr unterstellten Technisch-Kommerziellen Büros arbeiteten mit ihren jeweiligen Partnern mehr oder weniger normal weiter.

Offensichtlich versuchte die spanische Seite, den diplomatischen Akt der DDR zunächst herunterzuspielen, um eine Nachahmung durch andere zu vermeiden. So wurde einem BRD-Korrespondenten die Version suggeriert, die DDR-Botschaft sei zwar formell geschlossen worden, aber sonst bliebe alles beim alten.

Nach Francos Tod wurde wegen des Schrittes der DDR die Wiederaufnahme der Beziehungen solange hinausgezögert bis die diplomatischen Beziehungen zu allen anderen Staaten Osteuropas hergestellt waren. Außerdem bestand die spanische Seite im politischen Bereich auf einem „Neubeginn, auch personell“, wodurch der Wiedereinsatz des Botschafters und des I. Sekretärs ausgeschlossen wurde. Selbst gegen den III. Sekretär gab es Widerstand.

Gibt es sonst noch Interessantes aus Ihrer Zeit in der spanischen Botschaft zu berichten?

Die Botschaft befand sich in der zwiespältigen Situation, dass die Führung der KP Spaniens offiziell gegen die diplomatischen Beziehungen zum Franco-Regime Stellung bezogen hatte. Diese Kritik wurde aber von Parteimitgliedern besonders aus intellektuellen und künstlerischen Kreisen nicht geteilt. Sie und andere der KP nahe stehende Sympathisanten waren an Kontakten zur Botschaft interessiert und erwarteten intensivere Aktivitäten der DDR in Spanien. Sie werteten offizielle Beziehungen der Regierung zu sozialistischen Staaten eher als Scheitern des Antikommunismus des Regimes.

Bemerkenswert und eigentlich überraschend war die Gesprächsbereitschaft und Offenheit bürgerlicher oppositioneller Kreise uns gegenüber. Eigene antikommunistische Vorbehalte wurden offensichtlich im Interesse der Überwindung des faschistischen Regimes zurückgestellt.

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