UNESCO / Geschichte der Außenpolitik der DDR


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

Publikationen von Mitgliedern des VIP

                (die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren, Hinweise an die Autoren bzw. Meinungsäußerungen bitte per E-Mail an VorstandVIP@aol.com))

zurück zur Startseite                                    zu weiteren Publikationen


Neugebauer, Dr. Bernhard:

"UNESCO-Leben in der DDR von 1956 bis 1990"

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: Mitteilungsblatt des Berliner Komitees für UNESCO-Arbeit e.V./ November 2011

Über einen Zeitraum von 35 Jahren gab es im östlichen deutschen Staat eine anerkannte Tätigkeit auf den Wirkungsfeldern der UNESCO. Die Gründung einer Kommission für UNESCO-Arbeit im August 1955, präsidiert vom damaligen Rektor der Humboldt-Universität, Albert Neye, ging auf das Drängen vieler Wissenschaftler und Künstler Ostdeutschlands zurück, Zugangschancen zu UNESCO-Programmen zu öffnen und Wege zur Partizipation am internationalen Leben zu erschließen. Aus außenpolitischer Sicht sollte damit zugleich der von der Regierung der DDR gestellte Antrag auf Mitgliedschaft in der UNESCO flankiert werden.

Diese Kommission bemühte sich vergeblich um Kontakte mit dem UNESCO-Sekretariat. Die Ablehnung des ersten Mitgliedsantrages der DDR im Dezember 1955 durch den Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen versperrte weitere geregelte Kontakte mit der UNESCO. Trotzdem gelang es, Informationsmaterial und Dokumente wie auch UNESCO-Publikationen in größerem Umfange zugänglich uj, machen, und die Kommission konnte damit den Wünschen von Wissenschaftlern, Künstlern und Kulturschaffenden entsprechen.

Versuche, mit der Deutschen UNESCO-Kommission der Bundesrepublik Deutschland in ein offizielles Beziehungsverhältnis zu kommen, blieben infolge des Ausschließlichkeitsanspruchs ohne Ergebnis.

Die Aufnahme der DDR in die UNESCO erfolgte erst 1972. Im Jahre 1973 wurde gemäß UNESCO-Verfassung die UNESCO-Kommission der DDR gebildet. Die Förderung der friedlichen internationalen Zusammenarbeit auf den Gebieten der Erziehung, Wissenschaft und Kultur war statutengemäß festgeschrieben. Ein breites Spektrum sinnvoller Ausschöpfung wissenschaftlicher, kultureller und Bildungspotenziale eröffnete sich. Die Mitglieder der Kommission nahmen mit großem Engagement ihre Arbeit auf. In Fachsektionen und Arbeitsgruppen entfaltete sich ein breit gefächeltes Leben.

Die UNESCO-Kommission leistete, gestützt auf ein kleines, effektives Sekretariat eine umfangreiche und vielseitige Arbeit. Anregungen und Entwürfe für die Zwei­jahresprogramme und Sechsjahrespläne der UNESCO, Projektvorschläge zu aktuellen wie langfristigen Anliegen der UNESCO sind initiiert worden. Die „jiddischen Kultur­tage" und die „Bewahrung der Kultur der sorbischen Minderheit" hat die Kommission projektiert.

Zusammenarbeit in Europa

Es liegt auf der Hand, dass für die UNESCO-Kommission die europäische Kooperation ein besonderes Anliegen darstellte. Neben den langjährigen Kontakten zu ost­europäischen gewann die Zusammenarbeit mit den nordeuropäischen, der österreichischen, der französischen und weiteren west- und südeuropäischen Kommissionen einen besonderen Stellenwert.

Mit der UNESCO-Kommission der Bundesrepublik Deutschland hat sich vor allem in den 1980er Jahren eine über das übliche Maß der staatlichen Beziehungen und Kontakte hinausgehende Form der Zusammenarbeit und Abstimmung entwickelt.

Die 10. Konferenz der UNESCO-Kommissionen der europäischen Region in Ost-Berlin im April 1989 unter der Präsidentschaft der DDR-Kommission ist ein Beispiel für die vorbehaltlosen und neuen Ansätze einer europäischen Zusammenarbeit im Rahmen der UNESCO und zwischen den nationalen Kommissionen. Initiiert durch die französische, nordeuropäischen, die österreichische, die sowjetische und die beiden deutschen UNESCO-Kommissionen ist, in Übereinstimmung mit der Strategie der UNESCO und den Anliegen der europäischen Region, im Konsens ein Empfehlungs- und Aktionskatalog angenommen worden.

Federico Mayor, der damalige Generaldirektor der UNESCO, bezeichnete auf dieser Tagung das kooperative Zusammenwirken der europäischen UNESCO-Kommissionen als Schritt in eine neue Dimension der Einbindung der europäischen UNESCO-Kommissionen in die Organisation, die beispielgebend und initiierend auf andere Regionen ausstrahlen soll. Die Generalkonferenz der UNESCO würdigte im November 1989 die Ergebnisse der Berliner Konferenz und empfahl den UNESCO-Kommissionen der anderen Regionen, diese neuen Kooperationsangebote zu nutzen.

Der Berufsbildungskongress

Eine besondere Rolle spielte der internationale Kongress der UNESCO für die Entwicklung und Verbesserung der beruflichen Bildung in der DDR im Juni/Juli 1987. Er war der Ausgangspunkt für viele neue Aktivitäten der UNESCO und führte zur Einrichtung eines internationalen Zentrums für Berufsbildung. Dieses Zentrum leistet eine weltweit anerkannte Arbeit.

UNESO-Clubs und Projektschulen

In der DDR gab es partiell Anstrengungen, UNESCO-Clubs und UNESCO-Projektschulen ins Leben zu rufen. Bemühungen in Rostock und Dresden brachten kein kontinuierliches Wirken. In Weimar hingegen gab es einen aktiven Arbeitskreis, der in der Universität und in der Stadt hohes Ansehen genoss.

Zwei UNESCO-Projektschulen, eine in Köpenick - die Salvadore-Allende-Oberschule - und eine in Görlitz, zeichneten sich durch viele Unternehmungen aus.

Wende und Zusammenwachsen

Mit der Wende in der DDR im Herbst 1989 und der Bildung der De-Maiziére-Regierung im April 1990 begann der letzte Teil des Wirkens der UNESCO-Kommission der DDR. Die Beziehungen und die Zusammenarbeit zwischen den beiden deutschen Kommissionen nahmen nunmehr - frei von so vielen politischen Barrieren - einen völlig anderen Charakter an.

Im Mai/Juni 1990 führten Gespräche und Kontakte zwischen den Vorsitzenden der beiden Kommissionen, ihren Generalsekretären und den Experten auf Fachebene zu vielen neuen Aktivitäten. Zwischen den Vorsitzenden wurde ein Zeitabschnitt gemeinsamer Tagungen, Beratungen und Initiativen außerhalb und innerhalb der der UNESCO konzipiert, die das Zusammenwachsen der beiden Kommissionen zum Ziel hatte.

Treffend charakterisierte dieses Ziel der Vorsitzende der deutschen UNESCO-Kommission, Peter Canisius, in seiner Begrüßungsansprache auf dem Festakt zu deren 40jährigem Bestehen in der Paulskirche in Frankfurt am Main am 11. Juni 1990. Er stellte fest:

„Mit dem Vorsitzenden der UNESCO-Kommission der DDR bin ich mir einig darin, dass unsere internationalen Aktivitäten in Zukunft verstärkt im Vordergrund unserer Arbeit stehen müssen, damit niemand das Zusammen­wachsen der beiden deutschen Staaten als eine Bedrohung empfinde. Und dieses zu erreichen, nämlich zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd in globaler Verantwortung zu vermitteln und zu handeln, halte ich für eine der schwierigsten Aufgaben der nahen Zukunft."

Die Zeitabläufe des Jahres 1990 und die Entscheidungen der Volkskammer der DDR führten dazu, dass die UNESCO-Kommission der DDR im September 1990 ihre Tätigkeit beendete. Auf einer Abschlusssitzung am 17. September 1990 zog das Präsidium gemeinsam mit den Vorsitzenden der Fachsektionen eine Abschlussbilanz.

Zwischen den Sekretariaten der beiden Kommissionen wurde eine Übergabe aller von der UNESCO-Kommission der DDR geführten Projekte, Planungen und Verpflichtungen vollzogen. Die Deutsche UNESCO-Kommission übernahm etwa 50 Planungen, die zu Ende bzw. weiter geführt wurden. Somit ist zumindest wertvolles Sachgut und Fachwissen für die deutsche UNESCO-Arbeit nutzbar gemacht worden.

Dr. Bernhard Neugebauer war Vorsitzender der UNESCO-Kommission der DDR von 1979 bis1983 und von 1986 bis 1990

(zum Seitenanfang)