Lebenserinnerungen


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Heft 38 (Februar 2012) der "Blauen Reihe -  Schriften zur internationalen Politik",
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)

Heft 38 ist vergriffen und kann nicht mehr bestellt werden


Günther Scharfenberg

Irak - der letzte Einsatz
Als Botschafter zwischen Politik und Außenwirtschaft (1982-1987)

Inhalt

Vorwort

 

„Der letzte Einsatz“ – die Irak-Erinnerungen Günther Scharfenbergs haben mich gefesselt, von der ersten bis zur letzten Zeile. Kein Wunder, denn er schreibt über eine Zeit, in der auch ich im Irak tätig war. Günther Scharfenberg war Botschafter, als ich in den Jahren von 1983 bis 1985 in der Politischen Abteilung der Botschaft in Bagdad arbeitete, zunächst als Zweiter, dann als Erster Sekretär. Aber es gibt noch einen zweiten Grund, weshalb ich diese Memoiren verschlungen habe: Dass dieser „letzte Einsatz“ in eine Zeit fiel, in der der DDR nur noch wenige Jahre beschieden waren, verleiht den Erinnerungen ein besonderes Gewicht. Sie sind in gewisser Weise ein Stück Zeitgeschichte. Sie sind ein Mosaikstein, der das Bild der DDR in ihrer letzten Dekade durch einen detaillierten Zeitzeugenbericht bereichert.

Der Autor bietet weit mehr als Episoden aus dem diplomatischen Dienst und exotische Informationen über den Irak. Wir lebten ja nicht auf einer außenpolitischen Insel. Im Irak waren zahlreiche DDR-Unternehmen aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen tätig, die etliche Projekte auf vielen Baustellen realisierten. Im April 1984, der Spitzenzeit dieser Aktivitäten, manifestierte sich immer deutlicher, dass sich die zunehmenden wirtschaftlichen und innenpolitischen Probleme der DDR auch deutlich auf die Projekte im Irak auswirkten. Nicht zuletzt darüber berichtet Günther Scharfenberg. Dabei erzählt der Autor strikt aus dem Blickwinkel der damaligen Zeit. Er widersteht der Versuchung, Nachwende-Erkenntnisse in seine damalige Sicht auf die Dinge zu schmuggeln. Zugleich liegt ihm nostalgische Schönfärberei fern. Es ist ein gradliniger Bericht, der die Züge seines Arbeitsstils trägt, wie ich ihn über gut zwei Jahre erlebte.

Eine Kostprobe dieses Stils bekam ich gleich am ersten Tag unseres gemeinsamen Weges. Der Kalender zeigte den 18. September 1983. An jenem Tag reiste ich mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern zum ersten Mal nach Bagdad aus. Als wir auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld zum Abfertigungsschalter kamen, standen dort bereits Günther Scharfenberg und seine Ehefrau Meike sowie andere DDR-Ehepaare, die nach Bagdad wollten. Günther Scharfenberg sah uns kommen, blickte mich kurz an und stellte uns der Gruppe vor: „Das ist Volker Panecke, der neue Zweite Sekretär der Politischen Abteilung unserer Botschaft mit seiner Familie.“ Ich war verblüfft und angenehm berührt. Denn wir waren uns lediglich einmal kurz im Außenministerium begegnet.

Diese Episode illustriert eine wichtige Eigenschaft Günther Scharfenbergs. Er ist genau und korrekt, und er ist auf Begegnungen und Gespräche immer gut vorbereitet. Wochen nach diesem 18. September entdeckte ich während einer Dienstbesprechung bei ihm den „Zettelkasten“ auf seinem Schreibtisch, einen Kasten mit Karteikarten, für jeden Tag eine. Auf diesen machte er sich Notizen und vermerkte, bei welcher Gelegenheit er zu welchem Thema nachhaken wolle. Ich hatte viel mit Günther Scharfenberg zu tun. Zunächst war ich für den Bereich Protokoll zuständig, dann stieg ich stärker in die Presse- und Kulturarbeit ein, die mir angesichts meiner früheren Tätigkeit als Redakteur bei der außenpolitischen Wochenzeitung „horizont“ sehr nahe war. Ich habe das Bild vor Augen, wie er in den Kasten greift, eine Karteikarte zieht und seinen Gesprächspartner anblickt: „Ach ja, eine Frage habe ich da noch.“ Bei der Vielfalt seiner unterschiedlichen Aufgaben war solch ein Informations- und Erinnerungssystem unverzichtbar. Mit der Verantwortung für zeitweilig mehr als 1.400 DDR-Bürger stand er – neben seinen diplomatischen Verpflichtungen – faktisch einer mittleren Gemeinde vor.

Nicht zuletzt muss man sich vor Augen führen, dass sämtliche Tätigkeiten der DDR-Bürger, ob im diplomatischen, handelspolitischen oder wirtschaftlichen Bereich, unter den Bedingungen des Krieges erfolgten. Der Irak befand sich seit Jahren im Krieg mit dem Iran, was natürlich Auswirkungen auf alle Sphären des täglichen Lebens hatte. Ständig wurde unter der Leitung des Botschafters die Sicherheitslage analysiert. Die Verantwortung war enorm. Wir hatten sehr viele Ehepaare mit Kindern in Bagdad. Es gab einen Kindergarten und eine Schule, die bis zur sechsten Klasse reichte. Meine ältere Tochter, Katharina, wurde 1984 in Bagdad eingeschult. Ihre Zeugnisse aus dieser Zeit tragen den Vermerk „Botschaftsschule Bagdad“. Da gab es beispielsweise das so genannte „20-Familien-Haus“, ein hohes modernes Gebäude, in dem nur DDR-Bürger lebten. Sieht man mal von dem dazugehörenden großen Schwimmbecken ab, hätte es auch in Berlin-Marzahn stehen können. Das Leben der DDR-Bürger im Ausland war in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild dessen, was man von Zuhause gewohnt war. Für unsere Bürger war es normal, dass ihnen ihr Staat rundum Fürsorge angedeihen ließ. Die daraus resultierende Erwartungshaltung richtete sich im Irak nun automatisch an „die Botschaft“. Die hatte sie vor dem Krieg zu bewahren. Das konnte die Botschaft freilich nur sehr bedingt. Aber wir bemühten uns, die Menschen zu beruhigen und ihnen das Gefühl zu geben, dass wir rechtzeitig die richtigen Entscheidungen treffen würden. Auch dazu gibt Günther Scharfenberg interessante Einblicke.

Sehr informativ und erhellend sind die Ausführungen des Autors zu den Ursachen, dem Verlauf und den Erscheinungsformen des Krieges. Damals unterstützten die USA und ihre Verbündeten den Irak gegen den Iran. Diese Politik folgte einem facettenreichen geopolitischen Kalkül. Hauptziel war es, die Ausbreitung der islamischen Revolution zu verhindern. Der Irak sollte die fundamentalistische Bewegung aufhalten bzw. schwächen, weshalb man das Regime Saddam Husseins großzügig mit Militärtechnik versorgte. Ich erinnere mich gut an den Besuch Donald Rumsfelds im Dezember 1983 in Bagdad. Im irakischen Fernsehen wurde gezeigt, wie er von Saddam Hussein empfangen wurde. Das war „ganz großer Bahnhof“. Damals war Rumsfeld Sonderbotschafter der USA für den Irak. Fast zwanzig Jahre später, Anfang des Jahres 2003, Rumsfeld war nun in der Bush-Regierung Verteidigungsminister, tat er sich als einer der schärfsten Befürworter einer amerikanischen Invasion des Irak und des Sturzes Saddam Husseins hervor. Wenn ich heute in den Nachrichten höre, wie sehr die USA den wachsenden Einfluss Teherans auf den Irak beklagen, kann ich nur mit den Schultern zucken. Mit dem von den USA herbeigeführten Machtwechsel in Bagdad wurden exakt jene iranfreundlichen religiösen und politischen Kräfte an die Macht gebracht, deren Stärkung und Ausbreitung man damals mit Hilfe des Regimes von Saddam Hussein verhindern wollte. Günther Scharfenberg berichtet sehr anschaulich über die damalige Situation.

Auch die Ausführungen über das Eisenbahnprojekt „Bagdad–Al Qaim–Akashat“, kurz „Akashat“ genannt, verdienen besondere Erwähnung. „Akashat“ war ein Problemfall, in dem zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten der DDR-Volkswirtschaft zum Ausdruck kamen. Der Botschafter hatte den Auftrag, sich persönlich um dieses Sorgenkind zu kümmern. Aufgrund der von Günther Scharfenberg geschilderten Probleme mit dem Parteisekretär war ich inzwischen „abkommandiert“ worden, diesen zu unterstützen. Auch ich kümmerte mich nun hauptsächlich um „Akashat“. Dabei kam mir zugute, dass meine Frau als Juristin für dieses Projekt arbeitete. Aus Berlin reiste eine „Akashat“-Delegation nach der anderen an, Generaldirektoren, Staatssekretäre, Minister und sogar Politbüromitglieder. Es war bewundernswert, wie schnell sich der Botschafter in die Eisenbahnmaterie eingearbeitet hatte und sich in dem Kreis jener Delegationen behaupten konnte. Auch dank seines „Zettelkastens“ kannte er sich in der Problematik gut aus.

Vor der „Wende“ traf ich Günther Scharfenberg im Sommer 1988 das letzte Mal. Ich war erschüttert, als er mir von den Vorwürfen erzählte, denen er sich nach seiner Rückkehr aus Bagdad ausgesetzt sah. Er schreibt über diese für ihn schmerzliche Zeit am Ende dieses Heftes. Wir beide waren Optimisten. Wir glaubten an die Reformierbarkeit des Systems der DDR. Keiner von uns ahnte, dass die DDR schon ein Jahr später in Agonie verfallen und nur ein weiteres Jahr darauf nicht mehr existieren würde. Günther Scharfenberg und ich korrespondieren regelmäßig. Genau, korrekt und geradlinig, dabei ist er geblieben. In diesem Stil, der für ihn auch eine Frage der Selbstachtung ist, wie er über sich selbst sagt, blickt er auf „den letzten Einsatz“ zurück.

            Volker Panecke                                                                                 Januar 2012

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