Südafrika / Geschichte der Außenpolitik der DDR


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Schleicher, Ilona:

"Solidarität gegen Apartheid: Graswurzel versus staatlicher Auftrag?"

Vortrag am August-Bebel-Institut Berlin am 31.05.2012 in der Veranstaltung "Graswurzelbewegung vs. staatlicher Auftrag?". Die Veranstaltung war Teil der Reihe "Solidarität über Grenzen" der Friedrich-Ebert-Stiftung und des August-Bebel-Instituts aus Anlass des 100. Gründungstages des ANC

Quelle: Autorin

Fragen zur Fragestellung

Die Gegenüberstellung „Graswurzel“ – diese Charakterisierung bezieht sich auf die westdeutsche Solidaritätsbewegung - versus „staatlicher Auftrag“– damit ist die ostdeutsche Solidarität gegen die Apartheid gemeint – ist zu Recht mit einem Fragezeichen versehen. War die Solidarität von Bürgern der DDR mit dem Anti-Apartheidkampf lediglich ein Handeln im Auftrag des Staates DDR oder - richtiger - der alles beherrschenden Partei SED? In welchem Verhältnis standen Staatspolitik und Solidarität in der DDR? In welchem nationalen und internationalen Kontext hat sie sich entwickelt? Wer waren die Akteure? Welche Inhalte, Formen und Ergebnisse hatte sie? Antworten erfordern eine differenzierte Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte und die Einbeziehung der unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen von Menschen, die dort gelebt haben.

Beginnen will ich mit einer Episode aus meinem eigenen Leben: Es war im Herbst 1963. Ich war gerade FDJ-Mitglied und Schülerin der 9. Klasse der EOS Gräfenhainichen geworden. Bei uns waren in regelmäßigen Abständen vor dem Unterricht „Zeitungsschauen“ zu aktuellen Ereignissen üblich. Während einer solchen „Zeitungsschau“ tauchten zwei Mitglie­der FDJ-Leitung auf und stellten uns zwei Kontrollfragen. Das passierte ab und zu, wir haben das natürlich nicht besonders gemocht. Bei besonders guten Antworten schlug die FDJ-Leitung eine Belohnung des/der betreffenden Schülers/Schülerin vor: den Eintrag einer „1“ im Fach Staatsbürgerkunde. Diesmal lauteten die Fragen: „Was ist unter Apartheid zu verstehen?“, „Wer ist Nelson Mandela?“ Es war die Zeit des Rivonia-Prozesses, ich hatte darüber in der „Jungen Welt“, der Tageszeitung der FDJ, gelesen. Die dramatischen Ereignisse in Südafrika, die Inhaftierung der Führer des ANC im Sommer 1963 und die Todesgefahr, in der sie nun schwebten, haben mich damals offenbar ziemlich bewegt. Jedenfalls wusste ich sehr gut Bescheid und wurde mit einer „1“ in Staatsbürgerkunde belohnt – meine erste Zensur in diesem Fach überhaupt. Wir haben, organisiert durch die FDJ, dann mit viel Eifer Unterschriften für die Freilassung von Mandela und seine Gefährten gesammelt.

Wie ist diese Episode in der Rückschau einzuordnen? Als „Druck von oben und politisch-ideologische Indoktrination“ oder „Förderung des Solidaritätsgedankens“; als „Verordnung von Solidarität“ oder schlicht „menschliche Solidarität“? Für mich selbst war diese Episode ein prägendes Erlebnis in meiner Jugend, die Solidarität für ein freies Südafrika ist zu einem wichtigen Teil des Lebens geworden. Dabei sah ich mich im Unterschied zu den Anti-Apartheid-Aktivisten in der Bundesrepublik, für deren Engagement ich größte Hochachtung empfinde, nicht im Gegensatz sondern in Übereinstimmung mit der Politik meines damaligen Staates. Dennoch habe ich mich als Historikerin kritisch mit der DDR-Solidarität auseinandergesetzt, auch anhand der Solidaritätskampagne während des Rivonia-Prozesses. Zum besseren Verständnis zunächst eine kurze Einführung in die DDR-Solidarität.

Grundlagen und Akteure der DDR-Solidarität

 Zu den politischen und ideologischen Grundlagen

Die Solidarität mit antikolonialen und antirassistischen Befreiungsbewegungen, darunter mit dem ANC, entsprach außenpolitischen Prinzipien und Verfassungsgrundsätzen der DDR. Sie war Staatspolitik auf der Grundlage der sozialistischen Ideologie. Die Solidarität berief sich auf historische Traditionen der Arbeiterbewegung und – dies sei an diesem Ort hervorgehoben – nicht zuletzt auf die der Sozialdemokratie unter August Bebel. Sie ist schließlich auch als Reaktion auf die Erfahrungen mit Krieg und Rassenwahn während der Nazi-Diktatur zu verstehen. Es sei daran erinnert, dass nach 1945 nicht wenige ehemalige antifaschistische Widerstandskämpfer Verantwortung in der internationalen Politik der DDR übernommen haben. Für sie war der tradierte Wert Solidarität ein hohes Gut, das jedoch in starkem Maße durch den Kalten Krieg und politisch-ideologische Dogmen geprägt wurde.

Die Verantwortungsträger in der DDR entschiedenen sich frühzeitig für die Zusammenarbeit mit dem ANC. Das hatte natürlich sehr stark mit den Beziehungen der Sozialistischen Einheitspartei (SED) und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) zur South African Communist Party (SACP) bzw. zum South African Congress of Trade Union (SACTU), mit denen der ANC eine Allianz gebildet hatte, und entsprechenden politisch-ideologischen Gemeinsamkeiten zu tun. Nicht weniger wichtig war, dass sich der ANC seit 1912 zu einem anerkannten Interessenvertreter der rassistisch unterdrückten Bevölkerungsmehrheit Südafrikas entwickelt hatte. Die 1955 in Kliptown angenommene Freiheitscharta für ein demokratisches, nichtrassistisches Südafrika hatte dies nachdrücklich bestätigt. Es hob sich deutlich von abenteuerlich-radikalen Forderungen anderer Gruppierungen ab.

Akteure der Solidarität

Akteure der Solidarität waren auf der von der SED dirigierten staatlichen sowie auf der Ebene gesellschaftlicher Organisationen und Institutionen, die ebenfalls Beschlüssen der Partei unterworfen waren, tätig. Sie sind auch in nicht-staatliche Institutionen, in den Kirchen und unter ihrem Dach entstehende unabhängige Solidaritätsgruppen zu finden. Entscheidend jedoch waren die vielen Menschen, die unabhängig von Weltanschauung und Einstellung zum Staate DDR angesichts realer Geschehnisse in der Welt ein Gefühl der Solidarität für die Opfer von Kolonialismus, Rassismus und Krieg entwickelten.

Für die Solidarität waren auf staatlicher Ebene insbesondere das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) sowie die Ministerien für Volksbildung, für Hoch- und Fachschulbildung, für Gesundheitswesen, für Materialwirtschaft und das Staatssekretariat für Berufsbildung wichtig. Hinzu kamen im nichtzivilen Bereich die Ministerien für Verteidigung und für Staatsicherheit.

Unter den gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen spielte das Solidaritätskomitee der DDR eine besondere Rolle. Seine Gründung im Juli 1960 erfolgte entsprechend eines Beschlusses des SED-Politbüros zur Afrikapolitik. Mit dem antikolonialen Aufbruch in Afrika wuchs in der DDR die Hoffnung, dort die „Hallstein-Doktrin“ und den Alleinvertretungsanspruch der BRD durchbrechen und internationale Anerkennung erlangen zu können. Die Werte- und Prinzipien geleitete Solidarität mit den Befreiungsbewegungen erhielt durch diese Interessenlage eine zusätzliche hohe Motivation. Sie war in diesem Kontext bis in die 1970er Jahre hinein stark von der deutsch-deutschen Konfrontation geprägt. Mit dem Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialsystems Mitte der 1970 Jahre wurde die Möglichkeit gesehen, dem Westen im südlichen Afrika eine strategische Niederlage in der Systemauseinandersetzung zuzufügen. Die Unterstützung der Befreiungsbewegungen entsprach deren Anliegen und Bedürfnissen und zugleich den Erwartungen vieler Länder der „Dritten Welt“ gegenüber der Sowjetunion und deren Verbündeten.

Das Solidaritätskomitee wurde vom Außenministerium angeleitet und zunehmend stärker der Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED untergeordnet. Es war ein Instrument zur Umsetzung der Außenpolitik in einem wichtigen Teilbereich – der Entwicklung von Beziehungen zu Befreiungsbewegungen und der Organisierung von Solidarität mit ihnen. Das Komitee wurde nie eine gesellschaftliche bzw. Massenorganisation mit eigenen Strukturen und Basisgruppen in der Bevölkerung und erst recht keine Nichtregierungsorganisation, wie sie offene, demokratische Gesellschaften hervorbringen. Der absolute Wahrheits- und Machtanspruch der SED zog eine administrative, zentralistische Organisierung der Solidarität nach sich. Der Herausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen und Aktivitäten waren systembedingt enge Grenzen gesetzt. Es ist eine tiefe Kluft zwischen den undemokratischen Verhältnissen in der DDR und ihrem Anspruch, Verfechterin des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu sein, zu konstatieren. Vor allem darin besteht die Ambivalenz der DDR-Solidarität. Die großen Potenzen, die in der weitgehenden Übereinstimmung vieler Ostdeutscher mit einer Außenpolitik lagen, die sich gegen Kolonialismus, Rassismus und Apartheid richtete, konnten sich deshalb nicht so nachhaltig entfalten, wie dies in einer demokratisch verfassten Gesellschaft möglich gewesen wäre.

Dennoch: Die internationale Solidarität wurde von sehr vielen Menschen aktiv mitgetragen. Dies auszublenden hieße, die ostdeutsche Bevölkerung noch im Nachhinein zu entmündigen. Außerdem: Viele von denen, die im Staat und in Strukturen gesellschaftlicher Organisationen tätig waren, handelten in ihrem Selbstverständnis nicht als seelenlose Apparatschiks im staatlichen Auftrag, sondern als Menschen, denen der Wert Solidarität viel bedeutete.

Das Solidaritätskomitee wurde zur Drehscheibe der Solidarität mit Befreiungsbewegungen. Seine stärkste gesellschaftliche Stütze bei der Organisierung von Solidaritätsaktionen und der Sammlung von Spenden war der FDGB. Aber auch die Zusammenarbeit mit der Freien Deutschen Jugend (FDJ), dem Demokratische Frauenbund Deutschlands, dem Verband der Journalisten, der Deutsch-Afrikanische Gesellschaft und andern Organisationen war von großer Bedeutung für die Verwurzelung der Solidarität in der Bevölkerung.

Formen und Inhalte der Solidarität

 1.         Internationale Isolierung Apartheid-Südafrikas

Das Außenministerium unterstützte frühzeitig öffentlich Dokumente der UNO, der Bewegung der Nichtpaktgebundenen und der Organisation der Afrikanischen Einheit gegen Kolonialismus und Apartheid. Aber auf internationalem diplomatischen Parkett blieben die Möglichkeiten der DDR-Außenpolitik infolge der Hallstein-Doktrin auch auf diesem Gebiet zunächst begrenzt.

Hier sprangen das Solidaritätskomitee, der FDGB und andere Organisationen ein. Ihre Vertreter nutzten Konferenzen der internationalen Solidaritätsbewegung und andere internationale Treffen dazu, die prinzipielle Haltung der DDR gegen Kolonialismus und Apartheid hervorzuheben. Immer verwiesen sie dabei auf den Kontrast zwischen der solidarischen Parteinahme der DDR einerseits und der Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit Südafrika andererseits. Die DDR sollte als der wahre Freund der afro-asiatischen Staaten und Befreiungsbewegungen portraitiert und die Bereitschaft zu ihrer Anerkennung gefördert werden.

Zu einem Testfall für die Prinzipienfestigkeit der DDR-Politik wurde die Frage des Handelsboykottes gegenüber Südafrika. Seit Anfang der 1960er Jahre forderten Vertreter von SACP und ANC von ihren Partnern in Ostberlin, dass die DDR dazu öffentlich Stellung bezieht und die Handelsbeziehungen zu Südafrika einstellt. Darüber kam es zu einem handfesten internen Konflikt zwischen Außenpolitikern und Außenwirtschaftlern der DDR, die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts.

Worum ging es? Für ostdeutsche Außenhandelsunternehmen war das Land am Kap ein attraktiver Markt. Er war für Erzeugnisse aufnahmefähig, für die hier durchschnittliche Weltmarktpreise erzielt werden konnten. Die DDR ihrerseits bezog vor allem das in der Landwirtschaft dringend benötigte Fischmehl zu Preisen, die unter dem Weltmarktdurchschnitt lagen. Deshalb gewannen die Argumente der Außenpolitiker gegenüber den Außenhändlern erst an Gewicht, als Sanktionen gegen Südafrika Mitte 1963 auf die Tagesordnung des UN-Sicherheitsrates gesetzt wurden. Vor allem aber hatten dazu westliche Pressemeldungen über angebliche Waffenlieferungen aus der DDR – es handelte sich um Jagdwaffen aus Suhl - nach Südafrika beigetragen. Die Furcht vor einem Imageschaden war groß.

Die Außenpolitiker hoben hervor, dass es „angesichts imperialistischer Manöver“ wichtig sei, „dass die afrikanischen Völker ihre wahren Freunde, die sozialistischen Länder, erkennen. Die geringsten Blößen, die sich die Deutsche Demokratische Republik in ihrer Haltung zur Südafrika-Frage gibt, werden ohne Zweifel sofort von den Bonner Machthabern ausgenutzt, um den Kampf der Afrikaner von sich abzulenken und die Deutsche Demokratische Republik gegenüber den afrikanischen Völkern zu verleumden. In Wahrung der Prinzipien des proletarischen Internationalismus und im Interesse des Ansehens der DDR unter den afrikanischen Ländern ist daher eine Revision des gegenwärtigen Zustandes notweig.“[1]

Die Außenpolitische Kommission des SED-Politbüros veranlasste schließlich die Einstellung des direkten Handels mit südafrikanischen Firmen. Der indirekte Handel wurde allerdings nicht explizit ausgeschlossen, wie dies ursprünglich vom MfAA empfohlen worden war, und auch die Kontrolle durch das Außenministerium war gestrichen worden. Im Juli 1963 verkündete der Außenhandelsminister öffentlich die Einstellung des Handels mit Südafrika.

Der Boykottbeschluss verdient also durchaus kritische Anmerkungen. Eine Bewertung hat zu berücksichtigen, dass für die wirtschaftlich schwache und selbst von westlichen Embargomaßnahmen betroffene DDR durch die Einstellung direkter Handelsbeziehungen beträchtliche ökonomische Verluste entstanden, insbesondere bei der Erwirtschaft der stets knappen Devisen. Als eine solidarische Leistung für die südafrikanische Befreiungsbewegung ist die Einstellung des direkten Handels mit Südafrika wohl in jedem Fall anzusehen.

Nach Abschluss des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und der DDR und der Aufnahme beider deutschen Staaten in die UNO erweiterten sich die Möglichkeiten der DDR-Diplomatie. 1975 wurde die DDR in den UN-Sonderausschuss gegen Apartheid berufen. Ostdeutsche Diplomaten waren in unterschiedlichen Gremien der Weltorganisation, darunter im Waffenembargo-Komitee des Sicherheitsrates gegen die Apartheid aktiv. Sie arbeiteten mit Vertretern des ANC, der bei der UNO seit 1972 Beobachterstatus genoss, eng zusammen. 1978 richtete der ANC in Berlin (Ost) eine quasi-diplomatische Vertretung ein, die beim Solidaritätskomitee akkreditiert war.

2.         Freilassung politischer Gefangener

Die Solidarität mit den Rivonia-Angeklagten 1963/64 in der DDR war Bestandteil einer breiten internationalen Kampagne. Sie wies hinsichtlich ihrer Organisierung und Zielsetzung zugleich ganz spezifische Züge der DDR-Solidarität auf:

Die inhaltliche Orientierung und politische Zielsetzung wurden von MfAA und SED vorgegeben. Es war ein Beschluss der SED-Führung notwendig, damit das vom Solidaritätskomitee und gesellschaftlichen Organisationen gemeinsam erarbeitete Gesamtkonzept in die Tat umgesetzt werden konnte.

Das eigentliche Ziel der Kampagne, die Rettung der ANC-Führer, wurde so stark durch die außen- und innenpolitische Interessen der DDR überlagert, dass dies sogar von ANC-Vertretern kritisch angemerkt wurde. Es ging nicht nur um die Überwindung der internationalen Blockade. Die DDR sollte zugleich – wenige Jahre nach dem Mauerbau – im Bewusstsein ihrer Bürger als die fortschrittliche gesellschaftliche Alternative auf deutschem Boden legitimiert werden. Die Solidarität mit dem gerechten Kampf gegen Apartheid und dem antikolonialen Freiheitsstreben der Völker würde, so die Hoffnung, die Identifikation der Ostdeutschen mit ihrem Staat fördern.

Ein wichtiges Instrument für die Auslandspropaganda und für den erhobenen Alleinvertretungsanspruch auf alles Progressive in der deutschen Geschichte und wurde die „Entlarvung“ der Zusammenarbeit der BRD mit Südafrika und Portugal. 1964 gab das Solidaritätskomitee die „Denkschrift über die militärische und atomare Zusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Südafrika“ heraus. Die Entlarvungskampagne ist ein typisches Beispiel dafür, wie im Kalten Krieg berechtigte Kritik und stichhaltige Fakten mit Propaganda vermischt wurden und wie sehr Feindbilder die Sprache beherrschten. Die westdeutsche Anti-Apartheidbewegung, die sich in den 1970er Jahren engagiert und mutig zu Wort meldete, sah die Auseinandersetzung mit der Politik der BRD gegenüber Südafrika als einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie hatte dafür offensichtlich gute Gründe.

Die Steuerung der Solidaritätskampagne für die in Todesgefahr schwebenden ANC-Führer erfolgte zentral durch das Solidaritätskomitee. Sie erreichte durch die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Organisationen sowie mit den Medien breite Bevölkerungskreise in Betrieben, Wohngebieten, Schulen. Von großem Gewicht waren Stellungnahmen bekannter Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens, aus Kunst und Kultur. Neben Manfred Krug und Anna Seghers wären hier die Namen vieler Prominenter zu nennen.

Als 1966 Abram Fischer, Verteidiger der Rivonia-Angeklagten und SACP-Führer vor Gericht stand, organisierte das Solidaritätskomitee ebenfalls eine Protestbewegung. Allerdings wurde sie mit Rücksicht auf den eskalierenden Krieg in Vietnam bewusst in engem Rahmen gehalten.[2] Der zentralistische Apparat fühlte sich augenscheinlich überfordert, Solidarität für beides zu organisieren. Man stelle sich vor, es hätte in der DDR eine pulsierende, sich selbst organisierende Zivilgesellschaft gegeben, sie hätte möglicherweise die dafür nötige Energie aufgebracht! Und vielleicht hätten sich 1990 ja auch genügend couragierte Bürger zum Protest zusammengefunden, als im Wendeeifer über Nacht der Namen „Nelson Mandela“ von einer Schule in Ilmenau entfernt wurde.

3.         Materielle Unterstützung

Hilfslieferungen des Solidaritätskomitees

Anfang der 1960er Jahre wurden die Führungsstrukturen des ANC in Südafrika fast völlig zerstört. Oliver Tambo und andere ANC-Aktivisten begannen vom Ausland her, den ANC wieder aufzubauen. Internationale Solidarität wurde damals für den ANC überlebenswichtig.

Im dramatischen Jahr 1963 vereinbarte eine ANC-Delegation mit dem Solidaritätskomitee materielle Hilfe in einer neuen Dimension. Da das Komitee keine Devisen zur Verfügung hatte, stellte es zunächst Waren zum Verkauf in Tansania für die Finanzierung der Arbeit des ANC zur Verfügung: Uhren, Transistorradios und Textilien. Zur Versorgung der Flüchtling in Tansania und Sambia, später auch in Mosambik und Angola, wurden mit Spenden finanzierte Hilfslieferungen mit Nahrungsmitteln, Textilien, Ausstattungsgegenständen, Medikamenten u.a. auf den Weg gebracht. Dazu arbeitete das Solidaritätskomitee eng mit dem Ministerium für Materialwirtschaft, es gab dort einen Solidaritätsbeauftragten, sowie mit Lieferbetrieben in der DDR zusammen. Bis 1975 betrug der Umfang der Solidaritätsgüter fast 4 Mio Mark. Nach dem SowetoAufstand 1976 wuchs der Flüchtlingsstrom dramatisch, größere Hilfe wurde notwendig. Ihr Umfang belief sich 1976-1989 einschließlich der Güter für das Solomon Mahlangu Freedom College (SOMAFCO) und das Dakawa Trainings Centre in Tansania auf ca. 36,4 Mio Mark.[3] Und das trotz zunehmender Atemnot der DDR-Volkswirtschaft und der immer dünner werdenden Warendecke.

Ausbildung und Entsendung von Fachkräften in Flüchtlingslagern

Angesichts der 1955 in Südafrika eingeführten diskriminierenden Bantu-Education war Bildung für den ANC eine wichtige Waffe im Kampf gegen die Apartheid. Spenden ermöglichten weit über 300 SüdafrikanerInnen eine berufliche Ausbildung in der DDR auf der Grundlage von Verträgen zwischen Solidaritätskomitee und ANC. Das Staatssekretariat für Berufsbildung koordinierte die erforderlichen Ausbildungskapazitäten. Ausbildungsberufe waren u.a. Schneider, Tischler, Landmaschinen- und Traktorenschlosser, Klempner/Installateur, Schweißer, Drucker, Bautischler, Elektromonteur.[4]

Auch die Zahl der vom Solidaritätskomitee zu betreuenden Studierenden – Kooperationspartner war das Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen - wuchs seit Mitte der 1970er Jahre. Sie betrug in den Jahren 1983 bis 1988 jährlich 43 bis 52 Studenten. Darüber hinaus finanzierten u.a. der FDGB, der Journalistenverband das Studium von Südafrikanern an ihren Bildungseinrichtungen. Eine Reihe ehemaliger ANC-Studenten übernahmen nach dem Ende der Apartheid verantwortliche Funktionen im neuen Südafrika.

Aber es waren auch Ausbilder und Lehrer aus der DDR in Ausbildungszentren des ANC in Tansania tätig. Seit 1983 trugen dort von der FDJ entsandte Spezialisten zum beruflichen Training bei. Seit 1986 war eine FDJ-Freundschaftsbrigade in Dakawa im Einsatz. 1986-1989 unterrichteten Pädagogen aus der DDR am SOMAFCO in naturwissenschaftlichen Fächern. Zweifellos haben sie bei ihren Azubis und Schülern Spuren hinterlassen, so wie sie selbst bis heute von ihren Erlebnissen mit südafrikanischen Freunden geprägt sind.

Herstellung von Zeitschriften, Büchern und Propagandamaterial

Einen besonderen Stellenwert nimmt hier die ANC-Zeitschrift „Sechaba“ ein. Die aus Spenden finanzierte Herstellung in der DDR (1967-90) entsprach dem dringenden Anliegen des ANC, die internationale Diaspora zusammenzuhalten, sich international Gehör zu verschaffen und das Informationsmonopol des Apartheidregimes zu durchbrechen. Die Zeitschrift war ein wichtiges Instrument, der immensen Propaganda des südafrikanischen Regimes, mit dem es sein Image aufpolieren wollte und sich im Westen als “Bollwerk gegen den Kommunismus“ anbot, zu begegnen und die Wahrheit über die Apartheid zu verbreiten.

Das Solidaritätskomitee nahm auch Plakate, Anti-Apartheid-Kalender und Ausstellungen sowie thematische Schriften in der Reihe „South African Studies“ in Auftrag. Den Druck der SACP-Zeitschrift „The African Communist“ (1968-1990), Bücher sowie Tarnschriften zur illegalen Verbreitung in Südafrika finanzierte die SED.

4.         Zur Unterstützung des bewaffneten Kampfes

Abschließend will ich kurz auf die Hilfe für den bewaffneten Kampf in Form von Waffenlieferungen, Ausbildung und der medizinischen Behandlung der Kämpfer von Umkhonto weSizwe (MK). Unterstützung auf diesem Gebiet erhielt der ANC nur aus sozialistischen Ländern, so auch aus der DDR.

Anfragen dazu stellten ANC und SACP bereits in den 1960er Jahren. Sie stießen bei ihren Partnern in Ostberlin auf Zurückhaltung. Dies wurde ihnen mit der deutschen Geschichte, die besondere Vorsicht gegenüber Waffengängen nahe legte, erklärt. Und auf internationaler Ebene war im Atomzeitalter friedliche Koexistenz angesagt – bei prinzipieller Anerkennung des Rechts des bewaffneten Kampfes nationaler Befreiungsbewegungen als ultimo ratio. Das war ein schwieriger Spagat. Nicht wenige fürchteten, dass die Interessen nationaler und sozialer Befreiung auf dem Altar der friedlichen Koexistenz und der Annäherung zwischen den Supermächten geopfert werden könnten. Darüber kam es in der afro-asiatischen und lateinamerikanischen Solidaritätsbewegung zu kontroversen Diskussionen.

Der ANC hatte jahrzehntelang ausschließlich mit friedlichen Mitteln gekämpft. Er gehörte zu denen, die den bewaffneten dem politischen Kampf unterordneten und nicht als Selbstzweck sahen. Seine Strategen betrachteten den bewaffneten Kampf vor allem als „armed propaganda“. Seit Ende der 1960er Jahre fanden Methoden des bewaffneten Kampfes gegen die kolonial-rassistischen Regime im Süden Afrikas international, im Rahmen der UNO, ja selbst in den Kirchen, zunehmend Akzeptanz.

Das Solidaritätskomitee lieferte seit Mitte der 1960er Jahre an Befreiungsbewegungen, darunter den ANC, paramilitärische Ausrüstungsgegenstände, u.a. Uniformstoff, Ferngläser, Zelte, Kompasse, Falt- und Schlauchboote zum Übersetzen über den Sambesi und Limpopo Es finanzierte aus Spendenmitteln auch die medizinische Behandlung verwundeter Kämpfer. Waffen kamen vor allem aus der Sowjetunion, zum geringeren Teil, in der Regie des Verteidigungsministeriums, auch aus der DDR.

Bedeutender waren Ausbildungsleistungen, mit denen die SED-Führung DDR-Sicherheitsorgane beauftragte. Schon in den 1960er Jahren wurden Einzelpersonen und kleinere Gruppen des MK für den Untergrundkampf in Südafrika ausgebildet. Seit 1976/77 wurden jährlich 80 MK-Angehörige in einem geheimen Militärcamp in Teterow trainiert, insgesamt etwa 1000 Kämpfer.

Fazit: Die DDR-Solidarität gegen Apartheid hat viele Facetten und Akteure. Sie ist nur im nationalen und internationalen Kontext der damaligen Zeit zu verstehen, für Schubladen eignet sie sich nicht. Eine historisch-kritische Würdigung der solidarischen Leistungen der Ostdeutschen hilft ein Erbe zu erschließen, das dem geeinten Deutschland gut zu Gesicht stünde.


[1]       SAPMO-BArch, DY 30/IV A2/20/987, Stellungnahme des MfAA vom 5.7.1963.

[2]       Vgl. SAPMO-BArch, DY 30/IV A2/20/985.
[3]       Vgl. Vgl. I. Schleicher: DDR-Solidarität im südlichen Afrika. Auseinandersetzung mit einem ambivalenten Erbe, hrsg. von SODI, Berlin 1999, Statistiken S. 80ff.
[4]     SAPMO-BArch, J IV 2/2 A-1873; BArch DQ4/5395,5383a; BArch, DZ 8/7341

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