Lebenserinnerungen


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

Publikationen von Mitgliedern des VIP

                (zurück zur Startseite                                    zu weiteren Publikationen

Informationen zu weiteren Heften der "Blauen Reihe"


 
Heft 41 (Dezember  2012) der "Blauen Reihe -  Schriften zur internationalen Politik",
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)

Heft 41 ist vergriffen und kann nicht mehr bestellt werden

Günther Scharfenberg:

„Jahre am Bab el-Mandeb. Als Botschafter in der Volksdemokratischen Republik Jemen" 

 

Inhalt                                                                                             

Vorwort (Volker Panecke)                                                                   

Zu diesen Erinnerungen                                                                        

Südjemen – schaffen wir es?                                                                

Bewegte Zeit zuvor                                                                            

„Zeig mal Deinen Ausweis!“                                                               

Nochmals in „meinen“ Ländern                                                          

Es sollte schnell gehen                                                                       

Ankunft – Fremde Welt?                                                                    

„Arabia Felix“                                                                                   

„Eigenständige“ Entwicklung Nordjemens                                           

Akkreditierung als Botschafter der DDR                                             

Noch keine Ahnung und schon Botschafterfrau                                   

Auf einem Drahtseil?                                                                          

Die „MR-Gruppe“ – wichtigste Säule der Beratertätigkeit                    

Parteibeziehungen ‒ guter Wille überfordert?                                      

Die „gesellschaftliche“ Ebene                                                             

Auch im Jemen FDJ-Brigade                                                              

Ökonomische Projekte                                                                       

Kultur mit „Drumherum“                                                                    

MfAA-Beratung                                                                                 

Auch Ärzte, Landwirte und Lehrer halfen                                            

Gerhard Grüneberg erzählt                                                                 

Salem Robaya Ali in der DDR                                                            

Willerdings Weisung – Ernstere Spannungen?                                     

Willi Stoph im Jemen                                                                         

Werner Lamberz: Intensive Gespräche                                                

Abdel Fattah „theoretisiert“                                                                

„Buntes“ Diplomatisches Corps                                                         

Mit „Salmeen“ auf Exkursion                                                             

Im Wadi Hadramaut                                                                           

„Landshut“ in Aden                                                                           

Besuch Heinz Hoffmanns                                                                   

Nach Hause? Es kam anders!                                                             

Die VDRJ auf dem Weg zum Zerfall                                                   

Abkürzungsverzeichnis                                                                      

Biografische Daten des Autors                                                           

 

Vorwort

 

Günther Scharfenberg war von September 1972 bis Mai 1978 als Botschafter der DDR in der Volksdemokratischen Republik Jemen (VDRJ) tätig. Die vorliegenden Erinnerungen betreffen also eine Zeit, die man Geschichte nennen kann, ja nennen muss. Die VDRJ und die DDR, beide Staaten gibt es nicht mehr. In der Philatelie oder Numismatik pflegt man von einem geschlossenen Sammelgebiet zu sprechen. Es kommt nichts Neues mehr hinzu, was nicht heißt, dass das Vorhandene schon komplett bekannt, erschlossen, sortiert und bewertet sei. Was die untergegangene DDR anbelangt, gibt es noch jede Menge zu erschließen, zu sortieren und zu bewerten. Mit den Erinnerungen an seine Zeit als Botschafter im Südjemen legt Günther Scharfenberg einen Zeitzeugenbericht vor, der ein wichtiges Mosaiksteinchen für das Gesamtbild der DDR ist. Wer diese Zeit im diplomatischen Dienst der DDR erlebt hat oder im weiteren Sinne mit dem Thema internationale Politik befasst war, wird mit der Lektüre dieser Erinnerungen einen Ausflug in die eigene Vergangenheit unternehmen und womöglich auf Dinge stoßen, die man noch nicht kannte oder vergessen hatte. Besonders wichtig erscheinen mir aber solche Aufzeichnungen für künftige Generationen.

Meinen ersten Berührungspunkt mit Günther Scharfenberg hatte ich im September 1972. Ich begegnete ihm nicht persönlich, sondern in der Zeitung, in „meiner“ Zeitung. In jenem September war ich seit wenigen Wochen Redakteur bei der außenpolitischen Wochenzeitung „horizont“. Dort gab es eine Rubrik, in der Botschafter vorgestellt wurden. Das waren DDR-Botschafter, die gerade im Ausland tätig geworden waren, und ausländische Botschafter, die in der DDR frisch ihren Dienst angetreten hatten. Im September 1972 hatte Günther Scharfenberg in Aden sein Beglaubigungsschreiben überreicht, worüber „horizont“ berichtete. Die Vorstellung, im Ausland tätig zu sein, faszinierte mich. Elf Jahre später, im September 1983, trat ich in den diplomatischen Dienst ein. Zunächst war ich als Zweiter und dann als Erster Sekretär der Politischen Abteilung unserer Botschaft in Bagdad tätig. Mein Botschafter war Günther Scharfenberg. Zu seinen Erinnerungen an diese Zeit, „Irak – der letzte Einsatz“ [1]., schrieb ich das Vorwort. Nun fällt mir diese Vorwort-Aufgabe noch einmal zu, dieses Mal für die vorliegenden Erinnerungen an den Jemen. Ich komme ihr gern nach.

Im Sommer 1988 wurde ich an der Botschaft in Aden im Range eines Botschaftsrates tätig. Zehn Jahre zuvor hatte Günther Scharfenberg seine Arbeit als Botschafter in der VDRJ beendet. Seit dieser Zeit war sehr viel passiert in dem Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel. Die 1970er Jahre waren für die VDRJ eine Zeit wichtiger Entwicklungen, großen Aufbruch-Elans. Wenige Jahre zuvor, im November 1967, hatte das Land seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt. Die Erwartungen in dem kleinen arabischen Land waren groß.

Als ich in meinem Archiv noch einmal die Ausgaben des „horizont“ aus dieser Zeit durchsah, stieß ich auch auf zahlreiche Artikel über die VDRJ. Die Beiträge waren von realistischen Einschätzungen geprägt, in denen Probleme durchaus nicht verschwiegen wurden, aber es dominierte stets eine optimistische Grundstimmung. Sowohl für die Politik der DDR als auch für die der VDRJ schien es nur eine Richtung zu geben, die des stetigen Erfolges.

Das sah dann 1988, als ich in der VDRJ meine Arbeit aufnahm, etwas anders aus. Die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der VDRJ war nicht so erfolgreich verlaufen wie erhofft. Zudem hatte es in den bilateralen Beziehungen zwischen der DDR und dem Südjemen gewisse Störungen gegeben, die vor allem mit dem Bürgerkrieg im Januar 1986 in Zusammenhang standen.

Wie gesagt, in den 1970er Jahren, die in den Erinnerungen von Günther Scharfenberg im Vordergrund stehen, dominierte bei unseren jemenitischen Partnern der Optimismus. Darüber berichten die vorliegenden Erinnerungen. Viele schmerzhafte Erfahrungen, die wir dann in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre machen mussten, lagen noch in weiter Ferne.

Ich empfinde es als einen Gewinn, dass der Autor seine Erinnerungen nicht eng auf seine Tätigkeit als Botschafter fokussiert und zeitlich auch nicht streng auf die Jahre von 1972 bis 1978 beschränkt hat. Er schildert den Beginn seiner Arbeit in Aden in einem größeren Umfeld. Der Leser erfährt auf den ersten Seiten stichpunktartig einiges über die Situation in der arabischen Welt und die außenpolitischen Aktivitäten der DDR in diesem Raum in den 1960er Jahren.

Ebenfalls ein Gewinn ist die Schilderung einiger Momente im persönlichen Alltagsleben eines DDR-Diplomaten. Angesichts der heute weit verbreiteten Neigung, den Diplomaten der DDR den Stempel „privilegiert“ aufzudrücken, ist ganz interessant, was Günther Scharfenberg über seine familiäre Situation und seine materielle Lebenslage Anfang der 1970er Jahre berichtet. Abgesehen von der Möglichkeit, im Ausland arbeiten zu können, waren die Diplomaten in ihrem Heimatland tatsächlich „kleine Leute“.

Wenn Günther Scharfenberg schildert, dass das Leben in Aden alles andere als Luxus war, dann tut er das nicht klagend, sondern indem er über die Lebensumstände berichtet: große Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, dürftige Versorgung mit Lebensmitteln und anderen wichtigen Dingen. Dass der Autor auch umfänglich seine Ehefrau Meike zu Wort kommen lässt, verleiht den Erinnerungen eine zusätzliche interessante Komponente. Die Zitate aus Briefen jener Zeit, in denen Scharfenbergs ihrer Familie in der DDR über ihr Leben im Ausland berichteten, sind von ganz eigenem Reiz. Sie erscheinen hier als Dokumente, die für Authentizität stehen. Überhaupt gibt es in den Erinnerungen viele unterhaltsame, zum Grübeln anregende Histörchen, etwa jenes, dass die Frau des italienischen Botschafters gern erwähnte, mal als Sekretärin für Mussolini gearbeitet zu haben. Solch eine biographische Besonderheit war im westlichen diplomatischen Dienst offensichtlich kein schwarzer Fleck.

Natürlich liegt der Wert dieser Erinnerungen vor allem in der ausführlichen Schilderung dessen, was Günther Scharfenberg in seiner Tätigkeit als Botschafter im engeren Sinne erlebte. Die macht selbstverständlich den größten Teil seines Berichtes aus. Da geht es um Begegnungen mit den Führungspersönlichkeiten der VDRJ, mit jemenitischen Vertretern aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen des Landes sowie um das politische Leben im Diplomatischen Corps.

Spannend zu lesen, weil für das Verständnis der künftigen schicksalhaften Entwicklung der VDRJ sehr wichtig, sind seine Einschätzungen führender Politiker des Landes. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen zur Rolle der Stämme und ihrer Bedeutung für die politischen Machtstrukturen im Jemen.

Dass die damaligen Beziehungen zwischen der DDR und der VDRJ ein hohes Niveau hatten, davon künden auch die hochrangigen politischen Delegationen aus der DDR, über die der Autor aus erster Hand berichtet. In der Zeit von Günther Scharfenberg waren das vor allem die Besuche von Willi Stoph, Werner Lamberz und Heinz Hoffmann. Auch hier sind die Schilderungen informativ und unterhaltsam zugleich. Die Reise von Verteidigungsminister Hoffmann war übrigens durch die Ereignisse um die Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ beeinträchtigt worden, die in jenen Oktobertagen des Jahres 1977 von den Terroristen auf den Flughafen Aden dirigiert worden war. Anschaulich schildert der Autor, wie er auf Bitten von Berlin in dieser Sache gegenüber den Jemeniten aktiv wurde. Bonn hatte diesbezüglich die DDR-Regierung um Unterstützung gebeten. All das war in diesem Oktober 35 Jahre her.

Viel Raum widmet der Autor den verschiedenen Formen der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Das größte Gewicht hatte dabei zweifellos der „immaterielle“ Bereich. Die DDR war auf Bitten der jemenitischen Seite mit etlichen Beratern im Südjemen tätig. Diese Beratung reichte vom Gebiet der Landwirtschaft bis hin zur Tätigkeit an Hochschulen, wo es teilweise um klassische Lehrtätigkeit ging. Zeitweilig waren mehr als 2.000 DDR-Fachkräfte in der VDRJ tätig. Bei diesem Thema widmet sich Günther Scharfenberg sehr aufmerksam einer speziellen Beratergruppe, die stets etwas geheimnisumwittert war, was an der Spezifik ihrer Tätigkeit lag. Das war die Ministerratsgruppe, die „MR-Gruppe“. Die Berater jener Gruppe waren teils vom Ministerium für Staatssicherheit, teils vom Innenministerium entsandt. Sie waren bei ihren jemenitischen Partnereinrichtungen beratend tätig. Die Beratung reichte vom Bereich der staatlichen Sicherheit der VDRJ bis hin zur Vermittlung von Erfahrungen der Verkehrspolizei. Der Autor räumt bei seiner Schilderung mit dem Mythos auf, es habe sich um eine Gruppe mit dubiosem Auftrag gehandelt. Auch hier war es die jemenitische Seite, die um Beratung auf diesem Gebiet durch die DDR gebeten hatte. Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Jemeniten auf diesem Feld nicht allein von der Großmacht Sowjetunion abhängig sein wollten.

Günther Scharfenberg schließt seine Aufzeichnungen mit Hinweisen und Informationen zu zwei Ereignissen, die sich nach seiner Zeit im Jemen abspielten, aber in Umständen wurzelten, die bereits in seinen Jahren als Botschafter, ja schon lange davor, angelegt waren. Da sind zunächst die blutigen Machtkämpfe im Juni 1978, in denen Abdel Fatah Ismail etliche seiner Gegner umbringen ließ, darunter Salem Robaya Ali, dem der Autor sechs Jahre zuvor sein Beglaubigungsschreiben überreicht hatte. Dann geht der Autor auf den Bürgerkrieg ein, der am 13. Januar 1986 in Aden ausbrach. Bei diesen Auseinandersetzungen kam auch Abdel Fatah Ismail ums Leben, der siebeneinhalb Jahre zuvor Robaya Ali und andere Widersacher erschießen ließ. Aufschlussreich sind in diesem letzten Teil der Aufzeichnungen die Hinweise auf andere blutige Machtkämpfe früherer Jahre im Südjemen.

Der Ausgang der Ereignisse von 1986 sollte die Beziehungen zwischen der DDR und der VDRJ noch einige Zeit belasten. Das lag daran, dass Erich Honecker es nicht wahrhaben wollte, dass Ali Nasser Mohammed, in Personalunion Generalsekretär der JSP und Staatspräsident, seine Macht verloren hatte. Dabei hatte sich dieser längst in den Nordjemen abgesetzt. Nach allen mir bekannten seriösen Darstellungen war er es, der die ersten Schüsse abgeben ließ, um seine Macht zu sichern. Die sah er vor allem durch eine Gruppe um Ali Antar, Stellvertreter des Staatspräsidenten, bedroht. Einige Quellen sprechen davon, Ali Nasser Mohammed habe einen „Präventivschlag“ geführt, was impliziert, er habe einem bewaffneten Schlag jener Gruppe zuvorkommen wollen. Eine solche Deutung wird von anderen Analysten als bloße Rechtfertigung für das Mordkomplott der Gruppe um Ali Nasser Mohammed gewertet.

Am 22. Mai 1990 hörte die VDRJ auf zu existieren, sie vereinigte sich mit dem Nordjemen zu einem einheitlichen Staat. Am 3. Oktober des gleichen Jahres trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Zwei Staaten, die gut zwei Jahrzehnte enge Beziehungen miteinander unterhalten hatten, hörten also im gleichen Jahr auf zu existieren.

Nun blenden wir wieder 40 Jahre zurück. Denn es geht um die 1970er Jahre, um die Erinnerungen von Günther Scharfenberg an seine Zeit als Botschafter in der VDRJ. Fast ist man versucht zu sagen, damals sei „die Welt noch heil“ gewesen. Es scheint so. Aber es ist falsch. Heil war diese Welt aus den verschiedensten Gründen nicht. Über einige davon berichtet der Autor sehr anschaulich und beeindruckend. Aus dem großen Abstand von heute, aus dem man manches klarer sieht, meine ich, gewisse Dinge in der damaligen Zeit zu entdecken, die bereits Züge des späteren Scheitern erkennen lassen.

 

      Volker Panecke                                                      Dezember 2012

 


[1] Vgl. Scharfenberg, Günther: Irak - der letzte Einsatz. Als Botschafter zwischen Politik und Außenwirtschaft (1982 - 1987), Schriften zur Internationalen Politik („Blaue Reihe“), hrsg. vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht (VIP), Heft 38, Berlin Febr. 2012.