Beziehungen Deutschland - Kasachstan


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Thielicke, Dr. Hubert:

Rohstoffsicherheit durch Rohstoffpartnerschaft

Im Auftrag der Zeitschrift "WeltTrends" führte Dr. Thielicke ein Interview mit dem 1. Vize-Minister für Industrie und neue Technologien der Republik Kasachstan zum deutsch-kasachischen Partnerschaftsabkommen

Quelle: Dr. Thielicke, veröffentlicht in "WeltTrends" Nr. 88 - Jan./Febr. 2013

Kasachstan ist eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Es verfügt über große Ressourcen an Uran, Erdöl, Erdgas, Kohle, Kupfer, Eisen, Gold und Seltene Erden. Für Deutschland ist Kasachstan heute ein strategischer Partner: Es ist der drittgrößte Erdöllieferant. Diese Partnerschaft steht auf einer soliden vertraglichen Basis: Am 8. Februar 2012 wurde zwischen beiden Seiten ein Abkommen über Partnerschaft im Rohstoff-, Industrie- und Technologiebereich geschlossen. Dieses ist darauf gerichtet, die wirtschaftliche Kooperation langfristig zu sichern und auszubauen.

Aus Anlass des ersten Jahrestages der Vereinbarung sprach WeltTrends in Astana mit Dr. Albert Rau, Erster Vize-Minister der Republik Kasachstan für Industrie und neue Technologien.

WeltTrends: Herr Minister, wie kam es zu der Idee, ein so umfassendes Partnerschaftsabkommen zu schließen?

Dr. Rau: Während ihrer beiden Besuche 2010 in Kasachstan führte Bundeskanzlerin Angela Merkel einen intensiven Dialog mit Präsident Nursultan Nasarbajev. Dabei spielten die Fragen der Bodenschätze und Investitionen eine wichtige Rolle. Wir sind dabei, unsere Ressourcen zu erschließen und gleichzeitig die Industrie zu entwickeln. Da lag die Idee nahe, Deutschland stärker in diesen Prozess einzubeziehen. Im Laufe des Jahres 2011 haben wir dann die Details der Kooperation abgestimmt und das Abkommen ausgearbeitet, sodass es beim Besuch von Präsident Nasarbajev in Berlin unterschrieben werden konnte.

WeltTrends: Für Deutschland ist die strategische Partnerschaft mit Kasachstan sehr wichtig, Stichwort Rohstoffsicherheit durch Rohstoffpartnerschaft. Welche Erwartungen hat Kasachstan hinsichtlich der künftigen Kooperation mit Deutschland auf der Basis des Abkommens? Was sind für Kasachstan die Schwerpunkte dieser Kooperation?

Dr. Rau: Deutschland ist eines der wichtigsten Industrieländer. Wir sind dabei, unsere Wirtschaft zu modernisieren. Unsere aktuelle Strategie für die Jahre 2010 bis 2014 sieht beispielsweise solche Schwerpunkte vor wie Metallurgie, Maschinenbau, chemische Industrie und Pharmazie, Energieerzeugung, Transportinfrastruktur. Deutschland führt auf diesen Gebieten; von dort können wir die beste Technologie erhalten. Wir handeln nach der Formel „Rohstoffe im Austausch für Technologie und Investitionen“. Deutsche Firmen bekommen Zugang zu unseren Rohstoffressourcen, wir erhalten dafür fortgeschrittene Technologien. Der Vorteil für beide Seiten liegt auf der Hand. Leider ist derzeit der Anteil deutscher Ausrüstungen in der kasachischen Industrie noch sehr gering.

WeltTrends: Wo liegen die Probleme?

Dr. Rau: Die deutsche Industrie bietet internationale Spitzentechnologie, die zugleich aber auch teuer ist. Zudem gibt es derzeit Probleme mit der Absicherung durch Hermes-Bürgschaften. Andere Länder offerieren billigere Produkte und dazu noch Kredite für die Unterstützung der Exporte. Wir setzen aber auf Qualität und wollen Zugang zu den neuesten und produktivsten Technologien. Deshalb war uns das Partnerschaftsabkommen mit Deutschland so wichtig.

WeltTrends: Deutschland schloss im Oktober 2011 ein ähnliches Partnerschaftsabkommen mit der Mongolei. Hat Kasachstan bisher schon derartige Rahmenabkommen mit anderen Staaten?

Dr. Rau: Ein solches Abkommen haben wir bisher nur mit Deutschland abgeschlossen. Wir sind deshalb sehr an den Erfahrungen interessiert. Gleichzeitig möchte ich bemerken, dass Kasachstan im Vergleich zu anderen Ländern eine Reihe von Vorzügen aufweist: ein breiteres Spektrum nützlicher Bodenschätze, eine entwickelte Infrastruktur und professionelles Personal im Bergbausektor.

WeltTrends: Deutschland geht es um langfristige Lieferverträge und die Beteiligung von Unternehmen an der Erschließung von Lagerstätten. Welche Erfahrungen gibt es in dieser Hinsicht bereits?

Dr. Rau: Die deutsche Beteiligung an der Erschließung der kasachischen Bodenschätze hat eine lange Tradition. Nehmen Sie nur das Beispiel der Stadt Ridder in Ostkasachstan. Sie wurde nach dem deutschen Forscher Philipp Ridder benannt, der hier vor mehr als 200 Jahren bedeutende Erzvorkommen entdeckte. Zu Sowjetzeiten hieß die Stadt Leninogorsk. Heute hat sie wieder ihren alten Namen, ist ein Zentrum der Gewinnung und Verarbeitung von Erzen, vor allem von Blei und Zink. Im Laufe der Geschichte wurde die Beteiligung deutscher Unternehmen an der Erschließung der bedeutenden Erzvorkommen abgebrochen. Daran wollen wir heute wieder anknüpfen. In den letzten Jahren hat sich da schon einiges entwickelt, das wir mit dem Abkommen beträchtlich erweitern und vertiefen wollen.

WeltTrends: Um welche Formen der Kooperation geht es bei den Rohstoffen?

Dr. Rau: Natürlich können deutsche Unternehmen die benötigten Rohstoffe direkt bei uns kaufen. Künftig, und darauf orientiert das Partnerschaftsabkommen, wird aber die die unmittelbare Beteiligung deutscher Unternehmen an der Erschließung der Rohstoffe eine größere Rolle spielen. Das kann die Form von Joint Ventures haben, d. h. deutsche und kasachische Unternehmen erschließen gemeinsam ein Objekt. Oder deutsche Unternehmen investieren in ein Projekt, erschließen es allein. Die kasachische Regierung unterstützt das, unsere Spezialisten führen entsprechende vorbereitende Studien durch und schlagen die Lagerstätten vor.

WeltTrends: Wie soll die Kooperation im Einzelnen ablaufen?

Dr. Rau: Auf der jüngsten Tagung der Deutsch-Kasachischen Regierungsarbeitsgruppe Wirtschaft und Handel haben beide Seiten Listen von Projekten vorgelegt, an denen sie besonderes Interesse haben. Das betrifft sowohl Rohstoffe als auch Industrie und Technologien. Daraus entstand eine gemeinsame Liste mit 20 Projekten und Vorschlägen für die Einbeziehung entsprechender Firmen. Derzeit werden diese Projekte geprüft, um konkrete Folgevereinbarungen zu entwickeln.

WeltTrends: Um welche Schwerpunkte geht es im Bereich Industrialisierung?

Dr. Rau: Wir haben der deutschen Seite zum Beispiel solche Bereiche vorgeschlagen wie die Modernisierung der kasachischen Eisenbahnen, die Nutzung erneuerbarer Energien, insbesondere Solar- und Windenergie, die Glasproduktion. Nehmen wir nur Letztere – bis heute wird in unserem Land nicht einmal Fensterglas hergestellt. Der Bedarf ist jedoch riesig. Andererseits verfügen wir gerade in Westkasachstan über die Produktionsbasis – Sand und billiges Erdgas. Mit deutscher Hilfe wollen wir ein großes Werk für die Glasproduktion auf der Basis moderner, energiesparender Technologien errichten.

WeltTrends: Und im Rohstoffbereich?

Dr. Rau: Hier geht es vor allem um die Zusammenarbeit bei der Förderung von Metallen wie Kupfer, Molybdän, Wolfram, aber auch Silber und Gold. Hinzu kommen Seltene Erden und die Produktion von komplexen Legierungen.

WeltTrends: Das ist zweifellos ein breites Spektrum für die Zusammenarbeit, das einer guten Koordinierung bedarf. Welche Struktur hat sich dafür entwickelt?

Dr. Rau: Durch das Abkommen vom Februar 2012 wurde ein Deutsch-Kasachischer Wirtschaftsausschuss für die Partnerschaft im Rohstoff-, Industrie- und Technologiebereich eingerichtet. Er besteht aus Vertretern von Unternehmen und Unternehmerverbänden beider Staaten und soll entsprechende Projekte beraten und vorschlagen. Der Wirtschaftsausschuss berichtet der seit nunmehr fast zehn Jahren bestehenden Deutsch-Kasachischen Regierungsarbeitsgruppe Wirtschaft und Handel, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und dem kasachischen Ministerium für Industrie und neue Technologien geleitet wird. Die Gruppe behandelt die Rahmenbedingungen für das Engagement deutscher Unternehmen in Kasachstan, aber auch operative Fragen wie eben die Umsetzung des Partnerschaftsabkommens.

WeltTrends: Herr Rau, Sie sind als Erster Vize-Minister für Industrie und neue Technologien auch Kovorsitzender der Deutsch-Kasachischen Regierungsarbeitsgruppe Wirtschaft und Handel. Welche Rolle spielt das Ministerium in der kasachischen Wirtschaft?

Dr. Rau: Das Ministerium legt die Politik für die Bereiche Industrie und Energetik fest. Auch die Rohstoffe fallen in unser Ressort, außer Erdgas und Erdöl, wofür es ein spezielles Ministerium gibt. Wir beschäftigen uns auch mit der Gewinnung von Investitionen, darunter in die derzeit bestehenden neun besonderen Wirtschaftszonen. Zu unserem Ressort gehören ebenfalls die Technologieparks und die Patentierung. Hauptinstrument für die Zusammenarbeit mit den Unternehmen ist die indikative Planung. Für jeden Industriebereich, z. B. Chemie oder Maschinenbau, wird ein Masterplan erstellt.

WeltTrends: Seit Beginn 2012 gibt es den Einheitlichen Wirtschaftsraum von Belarus, Kasachstan und Russland, seit 2011 die Zollunion, für 2015 planen die drei Staaten die Schaffung einer Eurasischen Wirtschaftsunion. Welche ökonomischen Vorteile verspricht sich Kasachstan von diesem Prozess?

Dr. Rau: Kasachstan hat mit seinen knapp 17 Millionen Einwohnern nur einen kleinen Binnenmarkt. Der Wegfall der Zollgrenzen und die weitere Integration bieten uns neue Möglichkeiten. Nehmen Sie nur die bereits erwähnte geplante Glasfabrik. Unser Markt wird sie nur zu etwa 60 Prozent auslasten können. Wir brauchen also die Märkte unserer Partnerländer. Das gilt beispielsweise auch für die drei kasachischen Automobilbetriebe, für die sich eine Produktion von weniger als 60.000 Stück nicht lohnt.

WeltTrends: Wird die Integration aber nicht zu Problemen für die junge, sich gerade entwickelnde Industrie Ihres Landes führen?

Dr. Rau: Sicher, die Integration wird auch zu einem stärkeren Wettbewerbsdruck führen. Wir werden mehr um Investitionen kämpfen müssen. Das wird uns veranlassen, nach den neuesten Technologien zu streben, wobei uns das Partnerschaftsabkommen mit Deutschland natürlich hilft. Es stellt sich aber auch verstärkt die Frage der industriellen Zusammenarbeit im Integrationsraum. So haben wir vor drei Jahren ein kasachischrussisches Joint Venture für die Herstellung von Diesellokomotiven in Kasachstan gegründet. Heute exportieren wir einen großen Teil dieser Lokomotiven nach Russland. Die erst seit Kurzem bestehende Zollunion führte dazu, dass allein unser Handel mit den beiden Partnern um ein Drittel stieg. Eine große Rolle spielt auch die gemeinsame Standardisierung und die zunehmende Abstimmung der Wirtschaftspolitik. Damit eröffnen sich uns auch neue Chancen auf dem Weltmarkt.

WeltTrends: Herr Minister, erlauben Sie uns noch eine persönliche Frage. Sie gehören zur deutschen Minderheit. Wie kam Ihre Familie nach Kasachstan?

Dr. Rau: Meine Vorfahren väterlicherseits wanderten 1766 von Brandenburg nach Russland aus. Hundert Jahre später zogen die Vorfahren meiner Mutter nach Bessarabien. Nach der Auflösung der deutschen Wolgarepublik durch Stalin im Zweiten Weltkrieg wurden meine Eltern nach Kasachstan deportiert. Heute haben wir wie die anderen Völkerschaften im multinationalen Kasachstan alle Rechte und Möglichkeiten.

WeltTrends: Herr Minister, vielen Dank für das Gespräch.

*** 

Dr. Albert Rau, geb. 1960, wurde im März 2010 zum Ersten Vize-Minister für Industrie und neue Technologien der Republik Kasachstan ernannt. Er ist Absolvent der Hochschule für Erzindustrie und der Russischen Akademie für Öffentliche Verwaltung. Dr. Albert Rau arbeitete als Elektro-Ingenieur in Bergbauunternehmen, wo er auch Gewerkschaftsfunktionen innehatte. 1991 wechselte er in die öffentliche Verwaltung der Region Kostanai (Nordkasachstan). Von 2008 bis 2010 amtierte er als Gouverneur der Region Akmola, in der sich auch die neue Hauptstadt Kasachstans, Astana, befindet.