Rezension


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Hundt, Prof. Dr. Walter:

"Erneut und aktuell im Blickpunkt: Militärisch-historische und militärtechnische Analysen im Rahmen der DDR-Luftwaffen-Geschichtsschreibung im Zeitraum 2012 (Literaturbericht Nr. 3)"

Rezension zu den unten angeführten Publikationen

Quelle: Autor, April 2013

Die Rolle der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung in Standard- bzw. Querschnittspublikationen zur NVA im Jahr 2012

 

Auch 2012 erschienen eine Reihe von grundsätzlichen Standardwerken zur Geschichte der NVA als Ganzes bzw. Publikationen zu alle Waffengattungen betreffenden Querschnittsfragen, die nicht übersehen werden sollten und in denen auch die Probleme der Entwicklung der Luftstreitkräfte/ Luftverteidigung behandelt werden. An dieser Stelle, aber auch bei der Herausgabe von Monographien zu den einzelnen Waffengattungen der LSK/LV, sollen besonders der Steffen Verlag und der Dr. Köster Verlag (beide Berlin) lobend hervorgehoben werden, deren diesbezügliche Publikationen eine hervorragende Unterstützung meines Anliegens darstellen. Hier soll zunächst auf die außerordentlich interessante Abhandlung „Garnisonen der NVA und der GSTD. Zur Nutzung der militärischen Standorte von 1871 bis 2010“ 1) aus der Feder von Olaf Kersten/Hans-Georg Löffler/Reinhard Parchmann/Siegfried Stoof hingewiesen werden. Der Band gibt im ersten Teil einen historischen Abriss über die Entwicklung der Garnisonen „vom Bürgerquartier 1871 zur Kaserne 2000“, im zweiten einen Überblick über Ereignisse, Abkommen, Verträge und Gesetze mit deren Einfluss auf die Aufstellung, Stationierung, Auflösung und Demilitarisierung sowie Konversion von Stäben, Truppen und militärischen Anlagen, stets bezogen auf den Raum zwischen Ostseeküste, Thüringer Wald und Erzgebirge, also das Territorium der seinerzeitigen DDR. Die Autoren, ein General und drei Offiziere der NVA bzw. der VP, analysieren die Wechselwirkungen zwischen Standorten/Garnisonen auf der einen Seite und Gesellschaft und Wirtschaft und sich daraus ergebende Wohngebiets- und Geländestrukturen auf der anderen.

 

 Auf allein 265 Seiten entstand ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis aller Stationierungsorte in den fünf neuen Bundesländern mit den im weitesten Sinne dazugehörenden militärischen Fakten, gegliedert nach den historischen Etappen (Reichsheer 1914, Reichswehr 1921-35, Wehrmacht 1935-45, sowjetische Truppen - und vereinzelt alliiertes Militär -  1945-94 sowie NVA und deren Vorläufer sowie Bundeswehr ab 1990). Der Band wird ergänzt durch eine CD-ROM mit Bilddokumenten, Karten und Faksimiles sowie eine Aufstellung von Museen, Ausstellungen und Vereinen, die sich mit Militär- und Garnisonsgeschichte beschäftigen, und ein umfassendes Literaturverzeichnis.

 

Hervorzuheben ist die Akribie des Aufwandes und der zum großen Teil durch Geheimhaltung erschwerte überdurchschnittliche Fleiß der Verfasser bei der archivarischen Erschließung des Materials und der Zeitzeugeneinbeziehung. Nur so wurde ein solches Nachschlagewerk mit Standardcharakter möglich, zumal die „moderne lokale Geschichtsschreibung“ auf dieses Spezialgebiet weitgehend „verzichtete“. Für ein Anliegen der beschriebenen Art wurde es höchste Zeit, dass eine solche Publikation endlich zur Verfügung steht.

 

Was die LSK/LV-Bezogenheit anbelangt, so schafft der vorliegende Band eine hervorragende Ergänzung und Präzisierung zu einigen in meinen vergangenen Literaturberichten zu den beiden letzten Jahren behandelten herausragenden Titeln grundsätzlicher Art. Exakte und umfassende Fakten und Zusammenhänge wurden zu einer Vielzahl von Problemen zusammengetragen und nunmehr zur Verfügung gestellt. Das trifft zu auf die exakten Leitungs- und Stationierungs-Strukturen (Referat z.b.V., VP Luft, Verwaltung der Aeroklubs und danach Kommando LSK/LV) und die anfangs und in der Folgezeit zur Verfügung stehenden Flugplätze und anderen Anlagen, die sich zunächst fast ausschließlich in sowjetischer Hand befanden. Als Infrastrukturzentrum entstand der Raum Cottbus-Bautzen-Kamenz-Rothenburg, gefolgt von Neubrandenburg-Trollenhagen, Holzdorf, Laage und Bad Düben, wobei interessante Fakten zu den schließlich 16 Flugplätzen und 6 Ausweichflugplätzen geliefert werden. Dies trifft auch auf die schließlich bestehenden Geschwader und selbständigen Staffeln der Jagdflieger-, Jagdbombenflieger-, Transportflieger-,  Hubschrauber-, Verbindungs- und Ausbildungsfliegerkräfte sowie die ab 1958 verstärkt außerhalb der Ortschaften geschaffenen Stellungen für die Fla-Raketentruppen (letztendlich 36) und die Stellungen der Funktechnischen Einheiten der LV (26) zu, die bald zum Diensthabenden System des Warschauer Pakts gehörten. Auch zu dem lange Zeit selbst in Fachkreisen Verwirrung stiftenden Strukturelement Führungsorgan FMTFK, dessen Platz aufgehellt wird, und die den Landstreitkräften oder der Volksmarine unterstellten Kampfhubschrauber- und Jagdbombenflieger-Geschwader kann dies gesagt werden.

 

 

Auf ähnlich großes Interesse stieß „Militärs der DDR im Auslandsstudium. Erlebnisberichte – Dokumente – Fakten“ 2) von Bernd Biedermann und Hans-Georg Löffler, zu dessen Ergänzung der Verlag auf seinem Server weitere Beiträge, Anlagen, Dokumente und Faksimilies bereithält.

4 spätere Generale, 15 Oberste und 4 Oberstleutnante der drei Teilstreitkräfte der NVA und ihrer zahlreichen Waffengattungen beschreiben in ihren Beiträgen entscheidende Jahre ihres Lebens und ihrer militärischen Laufbahn. 4783 Offiziere gingen zwischen 1949 und 1990 diesen Weg der akademischen militärisch-fachspezifischen Qualifizierung an 16 sowjetischen Militärakademien des Generalstabs bzw. der Waffengattungen und 19 spezifischen militärischen Hochschulen (zum Vergleich: 6130 erwarben diese Qualifikation an der Militärakademie der DDR in Dresden). Die sprachliche und fachliche  Vorbereitung dazu fand in der Regel an der Offiziersschule Naumburg, der Militärakademie Dresden oder bereits an den entsprechenden sowjetischen Akademien statt, so daß es sich faktisch um ein 4 bis 6 Jahre dauerndes Studium handelte.

 

Die Autoren schildern  in allen Einzelheiten die militärisch-allgemeinen Spezifika der Vorbereitung und der In-Gang-Setzung des Studiums sowie dessen Gegenstand und die Umstände des Studiums. Das trifft auch zu auf die persönliche Note des „Zurechtkommens“ selbst und in vielen Fällen auch der begleitenden Familie. Voller Hochachtung äußern sich die meisten über die große Unterstützung durch das hochqualifizierte sowjetische Lehrpersonal und das herausragende Niveau der militärfachlichen und der gesellschaftswissenschaftlichen Ausbildung. In den durchschnittlich 9 Semestern wurden ca. 45 Examen abgelegt. Hervorgehoben wird in der Regel, dass die feste internationalistische Position und das Wissen um die „gemeinsame Sache“ auch über manches Ernüchterndes oder auch ein wenig Enttäuschendes hinwegsehen half.  Dazu gehörte auch das dem Insider bekannte Element einer vielleicht doch überzogenen Geheimhaltung. Hervorgehoben wird in der Regel das gute Verhältnis zu den Mitstudenten aus anderen sozialistischen Staaten.

 

Was die LSK/LV betrifft, studierten Offiziere dieser Teilstreitkraft an der Shukowski-Militärakademie Moskau (299), an der Gagarin-Militärakademie Monino bei Moskau (297), an der Militärakademie für Kommandeure der LV in Kalinin (147), an der Militärakademie für funktechnische Ingenieure der LV in Charkow sowie an der Ingenieur-Hochschule der Fla-Raketentruppen in Minsk (96), an der Vereinigten Fliegertechnischen Offiziersschule in Krasnodar (77), am Ausbildungszentrum der LSK in Frunse (35), an der Offiziershochschule für Ingenieure der FRT in Kiew (215) und an der Hochschule für Ingenieure der LV in Kiew (166).

 

Klaus-Jürgen Baarß (später Generalleutnant und Stellvertreter des Chefs der LSK/LV für Fliegerkräfte) absolvierte 1952/53 mit 270 Bewerbern - getragen vom Willen, zur Sicherung des Friedens beizutragen und einen erneuten Krieg zu verhindern - den legendären, damals noch geheimen „Lehrgang X“ in Zysran an der Wolga. Er schildert die Ausbildung an der Jak-18 und danach am Übungskampfflugzeug Jak-11. Die sich anschließende Ausbildung an der MiG-15 wurde wegen der Entwicklung in der DDR 1953 abgebrochen und später absolviert. Interessant seine Schilderung der Herausbildung des unabdingbaren Fluggefühls und der Erkenntnis: „Fliegen – das ist harte Kleinarbeit, das ist Beruf und Berufung zugleich. Das gilt für den ersten Flug wie für jeden weiteren!“

 

Hans-Dieter Belfin (später Oberst und Lehrstuhlleiter „Technik Armeefliegerkräfte“ an der OHS Bautzen/Brandenburg) besuchte die Shukowski-Akademie von 1967 bis 1972 und beschreibt das Erfolgsgefühl, das entstand, wenn man merkte, dass die Abnahme der Sprachbarriere neue Erkenntnisfelder, auch auf seinem bis dato Spezialgebiet Triebwerk/Zelle, leichter erschließen ließ. Er hebt besonders die herzlichen Beziehungen zu den Kursanten anderer sozialistischer Armeen hervor.

 

Gerhard Boller (später Oberstleutnant und Stellv. Sektionskommandeur an der OHS Bautzen/ Brandenburg), Shukowski-Student von 1978 bis 1983, hebt hervor, dass die Qualifikation des Lehrkörpers dem neuesten Stand hinsichtlich der Lehrinhalte, der Methodik und der technischen Ausstattung entsprach, was eine wichtige Voraussetzung für eine  hochqualifizierte Ausbildung der Kursanten garantierte. Ihm fielen gewisse „Separierungstendenzen“ gegenüber den Kursanten der Ausländer-Fakultäten auf.  

 

Manfred Bönsch (später Oberst und Fachgruppenleiter im Lehrstuhl FRT der LV an der Militärakademie Dresden) studierte 6 Jahre in Charkow an der Militärtechnischen Akademie für funktechnische Ingenieure der LV. Als FRT-Offizier lernte er neue Technik (Funkmessstationen, Fla-Raketen-Systeme) unter Truppenbedingungen kennen und erfuhr, wie er es nennt, eine breite „Spezialisierung in die Tiefe“. Neben der sehr hohen Wertschätzung gegenüber dem wissenschaftlichen und pädagogischen Niveau des Lehrpersonals hebt er Schwierigkeitsgrad, Studienaufwand, Fächerdiversität auf Höchstniveau und daneben eine breitest denkbare Prüfungspalette als typisch für seine Ausbildung und die seiner Mitstudenten hervor.

 

Der im Eigenverlag erschienene, etliche Anlagen (Schemata der militärisch-politischen und der Partei-Leitungen; Liste von Dokumenten, Materialien und Memoiren) enthaltende Band „Wir über uns. Zeitzeugen berichten über die politische Arbeit in der NVA“ 3) versucht, mit zeitlichem Abstand eine kritische Analyse der Tätigkeit auf einem heute naturgemäß - berechtigt oder nicht berechtigt – umstrittenen Teilbereich des NVA-Lebens vorzunehmen. Anregungen dazu gingen auf den im vergangenen Jahr leider verstorbenen verdienstvollen Militärhistoriker Oberst a.D. Wolfgang Wünsche zurück. Die 16 Autoren sind durchweg erfahrene Politoffiziere, auch mit vielseitiger hoher militärischer Qualifikation und Truppenerfahrung. Anliegen des Buches soll nicht ein inzwischen praxisfernes „Theoretisieren“ sein, sondern Nachdenken über eine theorie-basierte Praxis auf den verschiedensten Fachgebieten. Die Herausgeber betonen, daß es ihnen um Kritik und Selbstkritik  im Zusammenhang mit der politischen Arbeit in den Streitkräften geht.Verschiedentlich fällt letzteres  hier und da manchem noch ein wenig schwer. Es geht aber auch um ein Widerlegen der massenhaft verbreiteten Verfälschungen und Verleumdungen der NVA im Interesse einer möglichst objektiven Militärgeschichtsschreibung über die DDR und ihre bewaffneten Kräfte. Dort, wo dies gelingt, nimmt der Leser diese unbedingt notwendigen Bemühungen dankbar zur Kenntnis. Naturgemäß gibt es zu bestimmten Fragen subjektiv unterschiedliche Auffassungen. Der Eingangs-Artikler Generalleutnant a.D. Manfred Volland unterstreicht unter dem Thema „Der Sinn unseres Wirkens“: „Die DDR kann für sich in Anspruch nehmen, dass ihre Streitkräfte . . . sich an keinerlei kriegerischen Handlungen beteiligt haben und ihre Soldaten nicht zu Kriegseinsätzen ins Ausland geschickt zu haben. . . . Die NVA war (auch) nicht legitimiert, nicht bereit und nicht befähigt, Waffen gegen das Volk einzusetzen.

 

Die LSK/LV-bezogene Seite vertreten Fritz Schneider (Oberst mit Tätigkeit in Funktechnischen Einheiten und Truppenteilen und in der Politischen Verwaltung des Kommandos Luftstreitkräfte/ Luftverteidigung) und Peter Ganß (Oberstleutnant  bei den Fla-Raketentruppen der LV, zuletzt Stellv. Kommandeur der berühmten FRBr 43, zu der auch der seinerzeit wohl modernste sowjetische Fla-Raketenkomplex S-300PMU gehörte). Schneider war als Politarbeiter vor allem auf dem Gebiet der Kunst und Kultur tätig. Er zitiert seinen früheren Chef Heinz Keßler: „Es gibt keine Gefechtsbereitschaft, wie wir sie verstehen, ohne Kultur und Kunst.“ Sie sollten dazu beitragen, die Herzen und Hirne der Soldaten zu gewinnen und damit zur Lösung aller politischen und militärischen Aufgaben zu beflügeln. Kultur und Kunst wurden zielgerichtet in die Führungstätigkeit einbezogen. Zum geistig-kulturellen Leben in der Truppe gehörten auch: ein zentrales und zahlreiche andere Armee-Kulturhäuser, ein zentrales Orchester und ein NVA-Musikkorps, ein NVA-Filmstudio, eine zentrale Militärbibliothek und 250 Truppenbibliotheken in den Einheiten, 32 wissenschaftliche Fachbibliotheken, das Armee-Museum, das „Erich-Weinert-Ensemble“ sowie eine breite kulturelle Tätigkeit unter den Armeeangehörigen.

 

Peter Ganß hebt die gute militärisch-fachliche Qualifikation als Voraussetzung für gute politische Arbeit und für die Autorität der Politoffiziere hervor. Er verweist auf die bremsende Wirkung der langjährigen „Pflege“ von Enge und Dogmatismus, die erst Mitte der achtziger Jahren Schritt für Schritt partiell überwunden werden konnten. Unterschätzung der so genannten „Arbeit mit den Menschen“ rächte sich 1989/90. Fachlich-militärische Höchstleistungen als unbestreitbare „Beiträge zum Erhalt des Friedens in den Zeiten des 'Kalten Krieges'“  wurzelten in gefestigten politischen Überzeugungen und in einer stabilen Motivation. Ganß meint: falsche Auffassungen über Disziplin und besonders „Parteidisziplin“ führten dazu, mit offener Kritik zurückzuhalten, obwohl man deutlich spürte, dass die Partei- und die Staatsführung nicht mehr auf der Höhe der Aufgaben waren.  Zur „Wende“ arbeitete er in den Reform-Gruppen der 3. Luftverteidigungsdivision und des Kommandos LSK/LV mit.

 

              

„Mobile Druckereien der NVA. Geschichte eines Propagandamittels“ 4) vom Autor Wolfgang Wika erscheint als Band 4 der Reihe „Forum Moderne Militärgeschichte“ des Dr. Köster Verlags Berlin. Der Autor hofft, dass sowohl Interessenten an Militärgeschichte als auch solche am Druckereiwesen zu dem Buch greifen werden. Was erstere betrifft, so bezieht sich dies auf jeden Fall auf das Kapitel über die 200jährige Entwicklungsgeschichte der „Felddruckereien“, eventuell auch noch auf die Ausführungen zur Psychologischen Kriegführung. Alle anderen Teile der Publikation erschließen sich dem „Nicht-Militär-Polygrafen“ kaum und lassen den nicht hochgradig vorgebildeten Leser verzagen, da sich der Inhalt nicht oder nur  mit übergroßer Mühe eröffnet. Das hängt auf jeden Fall mit der inhaltlich-fachspezifisch hohen Qualität des Materials und der entsprechenden Terminologie zusammen.

 

Erstaunlich die Typen-Vielfalt der Technik und die Breite der Ausrüstung mit entsprechender Technik in den Propaganda-Einheiten der NVA sowie die dazu unumgänglichen Anforderungen an die Qualifikation des Personals, was auch auf die den LSK/LV zugeordneten Einheiten zutrifft. Etwa 1000 Armeeangehörige und Zivilbeschäftigte arbeiteten in den stationären und vor allem in den mobilen Druckereien der NVA bzw. gehörten den Propaganda-Kompanien und der

2. Propaganda-Brigade an. Diese waren sämtlich der Politischen Hauptverwaltung des Ministeriums oder dem Militärtopographischen Dienst (MTD) unterstellt. Einbezogen war auch das Militär- technische Institut Königs Wusterhausen. 1990 wurde das gesamte Potential dem MTD zwecks Zentralisierung unterstellt. Wenig später wurde ein großer Teil demontiert und verschrottet, das Personal auf die bekannte Weise „entlassen“.

 

Der von Rolf Büttner herausgegebene Titel „Die 'Chemiker' der NVA und der Grenztruppen der DDR. Aufgaben, Organisation und Entwicklung der Spezialtruppe Chemische Dienste“ 5)

ist der Band 5 der Reihe „Forum Moderne Militärgeschichte“. Ihm liegen eine Stationierungskarte und eine CD-ROM mit Abbildungen zu Technik, Geräten und zu Ausbildung sowie weiteren Artikeln, Dokumenten und Vorschriften sowie Truppenteil-Chroniken bei. Die von den 20 Autoren, sämtlich Spezialisten mit jahrzehntelangen Erfahrungen in der Truppenpraxis und in der theoretischen Wissensvermittlung auf dem Gebiet der Chemischen Dienste, gewählte Thematik resultierte aus den Gegebenheiten des Kalten Krieges und seiner ständigen Zuspitzungen, die nicht zuletzt die Stationierung immer modernerer Bedrohungspotentiale und Massenvernichtungswaffen einschloss.

 

Der Autor des vorliegenden Jahresliteraturberichts Nr. 3 neigt dazu, dem Band – neben seinem  Erinnerungsanliegen - den Charakter eines hervorragenden Lehrbuches auf einem außerordentlich komplizierten Gebiet des Militärwesens zuzubilligen. Inhalt, Methodik der Abhandlung und der Behandlung werden unterstützt durch Tabellen und Schemata und eine reiche (vielleicht hier und da etwas zu reiche) Bebilderung. Schutzdienst in der KVP und später Chemischer Dienst in der NVA werden in ihrer sich ständig erweiternden Kernaufgabe historisch interessant abgehandelt. Der Leser wird vertraut gemacht mit der Struktur der Leitung und der Einrichtungen (Erprobungsstellen, Übungsplätze, Werkstätten und Lager) und mit der Aus- und Weiterbildung auf den verschiedenen Stufen von der Unteroffiziersausbildung bis zur Militärakademie einschließlich denen der Sowjetarmee. Dieser Prozess lief von Anfang an in enger Zusammenarbeit mit den Streitkräften der anderen sozialistischen Länder.

 

Ausführlich behandeln die Autoren die Entwicklung des Chemischen Dienstes in den drei Teilstreitkräften und in den Grenztruppen der NVA. Die Luftstreitkräfte/Luftverteidigung betreffend übernehmen das Oberst a.D. Manfred Schmidt, Absolvent der Militärakademie für Chemischen Schutz in Moskau und Chef Chemischer Dienst der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, und Oberstleutnant a.D. Horst Lukaschik, Offizier mit einer breiten Erfahrung im Truppen- und Stabsdienst der Luftstreitkräfte. Beide vermitteln ein anschauliches Bild der Bemühungen um die chemisch-technische Sicherstellung im allgemeinen und um die Kernstrahlungs-, chemische und bakteriologische Aufklärung generell; um die Ortung von Kernwaffendetonationen; um die Dosimetrie und die Spezialbehandlung; um Gift- und Strahlenschutz; um die Erarbeitung von Richtlinien und Vorschriften entsprechend der speziellen Technik der Fliegerkräfte, der Fla-Raketentruppen und der Funktechnischen Truppen der LSK/LV. Auf diesem Gebiet waren im Kommando LSK/LV und in der 1. und 3. LVD sowie in den Staffeln des FO FMTFK etwa 200 Armeeangehörige tätig.

 

Einem nicht unbedeutenden, oft übersehenen Thema innerhalb der NVA wendet sich Udo Beßer zu: „Das Militärerholungswesen in der DDR. Erholungsheime, Ferienlager, Kureinrichtungen“6).  Der Autor des reichlich bebilderten Bandes war bis zu seiner Übernahme in die Bundeswehr Kommandeur des Pionierbataillons 24 der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung. Bei 85% Gefechts- bereitschaft/Anwesenheitspflicht, wie sie in der NVA Vorschrift war, war die oben angegebene Thematik der Urlaubsgestaltung über in der Regel 13 Tage mit Hilfe eines Urlaubsschecks der Armee, eines Kuraufenthalts zur Wiederherstellung der Gesundheit oder des kostenlosen und sorgenfreien Aufenthalts der Kinder in einem Ferienlager der NVA schon eine gewichtige Angelegenheit. Gespräche mit einer Vielzahl von Zeitzeugen trugen zum Zustandekommen des Buches bei.

 

1951 verfügte die damalige KVP über 6 Erholungs- und Genesungsheime mit 1040 Plätzen. 1967 waren es bereits 2190 Plätze an 22 Standorten. Nach 1970 setzte eine große Neubauwelle ein, so dass es 1990 34 in Erholungsheimgruppen zusammengeschlossene Heime waren, die über 4580 Plätze verfügten und 1540 Mitarbeiter hatten. Die soziale, kulturelle, medizinische und andere Betreuung wurde im allgemeinen als außerordentlich gut eingeschätzt. Der Autor gebraucht an manchen Stellen auffällig eigenartige Nuancierungen, die ihre Quelle vermutlich im fehlenden Mut zur Eindeutigkeit haben oder aber dem heutigen „Zeitgeist“ geschuldet sein mögen.  Ein Teil der Einrichtungen wurde nach 1990 vom Bundeswehrsozialwerk übernommen, einige wurden durch Verkauf privatisiert und eine große Anzahl war ungenutzt dem Verfall ausgesetzt.

 

Ein weiterer wichtiger Faktor auf diesem Gebiet waren Jugendauslandstouristik-Reisen sowie Freundschaftszüge und -flüge. Relativ große finanzielle Aufwendungen wurden für Naherholungsobjekte und ähnliche Projekte gemacht, an deren Ausbau sich viele Interessenten beteiligten. Hier gab es gerade bei den LSK/LV ein überdurchschnittlich großes Interesse. Jährlich konnten 1990 etwa 27000 Familien zu 3 Personen versorgt werden. Mit 11 Verteidigungsministerien sozialistischer Staaten sowie mit Syrien, Algerien und Mocambique hatte die NVA  Abkommen über Urlauberaustausch. Unabhängig davon besaß die NVA eine Reihe von wichtigen Kureinrichtungen zur Vorbeugung bzw. Wiederherstellung der Gesundheit, so in Benneckenstein, Bad Elster und Bad Brambach.

 

Für die zahlreichen Kinderferienlager mag das der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung stehen: das MZO 14. Hinter dieser Bezeichnung „Mehrzweckobjekt“ verbarg sich das zentrale Kinderferienlager/Pionierferienlager „German Titow“ Karlshagen in der Nähe des Standorts des Jagdgeschwaders 9 auf Usedom, das in der Nichtferienzeit auch für Urlaubs-, Schulungs- und andere Maßnahmen genutzt wurde. Es betreute in aufeinander folgenden Durchgängen jährlich mehrere Tausend Kinder mit Unterstützung von Hunderten von Pädagogik-Studenten im Praktikum. Noch heute sprechen viele der Betreuer und der Betreuten voll Begeisterung von dieser Form der Feriengestaltung (siehe dazu auch Literaturbericht Nr. 1, Erscheinungsjahr 2011, FN 16). 

    

Unterschiedliche Reminiszenzen über das „Leben auf dem Schleudersitz“

 

An der Spitze der Publikationen über die Fliegerkräfte der NVA stehen diesmal drei Bücher aus der Feder von jahrzehntelang aktiven und ausgesprochen erfolgreichen Jagdflugzeug-Piloten, die sämtlich eine ganze Reihe von sowjetischen Typen kennen gelernt und gemeistert haben und ihre Erfahrungen mit Hingabe an eine große Anzahl von Flugschülern weitergereicht haben.

 

 „Meine Jahre auf dem Schleudersitz. Erinnerungen und Gedanken eines Militärfliegers der DDR“ 7) nennt Rainer Langener seine Erinnerungen. Der Autor schildert seine privat-persönliche Entwicklung als Arbeiterjunge in der DDR und seinen militärischen Werdegang zu einem erfolgreichen Jagdflieger und Fluglehrer der Luftstreitkräfte der DDR, der alle an der Offiziershochschule der LSK im Einsatz befindlichen Typen und Varianten geflogen hat, zuletzt bis zur Wende als Oberst und Kommandeur der Offiziershochschule für Militärflieger der DDR in Bautzen. Er schildert das Schöne am Beruf, ungeachtet der manchmal fast unmöglich erscheinenden zu lösenden Schwierigkeiten und Komplikationen, die es stets zu meistern galt. Langener betrachtete seinen Weg als Studierender an der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte der DDR in Kamenz, als junger Offizier und als Kursant an der Akademie der Luftstreitkräfte der UdSSR „Jurij Gagarin“ in Monino bei Moskau, als Kommandeur auf den unterschiedlichen Dienstposten und als Pilot - wie alle seine Kameraden - als einen Beitrag zur Sicherung des Friedens im europäischen Luftraum, besonders in der Periode des Kalten Krieges. Dies eine Einschätzung, wie sie der Autor dieses Literaturberichts  im vergangenen Jahr auf der Jahrestagung der Gemeinschaft der Flieger deutscher Streitkräfte in Friedrichroda voller Verwunderung in einem Referat des Inspekteurs der Bundesluftwaffe, Generalleutnant Müllner, gehört zu haben meint, bezogen auf „die Kameraden zweier deutscher den Frieden sichernder Armeen“.

 

 Rainer Langener vermittelt dem Leser Kenntnisse über die Ausbildung der Flugschüler und die ständige fliegerische Weiterqualifizierung der Piloten sowie gleichzeitig über die technischen Gegebenheiten des vielgestaltigen Flugzeugparks auf eine Art und Weise, die den Leser technisch nicht überfordert, ihn aber unentwegt weiterführt zu Erkenntnissen, was Fliegen in der Realität bedeutet. Die fliegerische Dokumentation unterstützt dies. Dabei kommen die auch zum militärischen Leben gehörenden Geschichten und Erlebnisse nicht zu kurz. Der interessante Band wird ergänzt durch zahlreiche Fotos, ein Abkürzungs- und ein Quellenverzeichnis.

 

Die sicher politisch-psychologisch schwierigste Aufgabe seiner gesamten Laufbahn musste Langener im letzten Dienstjahr lösen: die Hochschule mit dem militärischen und zivilen Personalbestand und ihren Kursanten auf das nahende Ende einzustimmen - und das plötzlich ohne orientierende Befehle, die man manches Mal verfluchen zu müssen geglaubt hatte, und ohne den Ratschlag der Partei, die vorgegeben hatte, stets immer recht zu haben und alles richtig zu machen. Der Autor bezeichnet diese Situation als „Auf der `Brücke` in stürmischer See“. Und Gesprächspartner war plötzlich fast nicht mehr die Politische Hauptverwaltung, sondern das Neue Forum, die Kirchen und Demonstranten am Rande des Flugplatzes. Und dann die ersten Gespräche mit höheren Offizieren der Bundesluftwaffe. Nach der Ernennung der letzten Ofiiziers- und Flugschüler im August 1990 hatten die Vorgesetzten im Ministerium - wie Langener schreibt - „grünes Licht gegeben, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen“. Aber der lebens- und militärerfahrene Kommandeur löste schweren Herzens auch die letzte Aufgabe, diesmal nicht im tatsächlichen Schleudersitz. Das vorliegende Buch über Erinnerungen und Gedanken in den zurückliegenden Jahrzehnten wird - das zeigt auch der bisherige Umsatz des Buches bei Lesungen und im Buchhandel - noch manchem Leser Anlass zu nachdenklicher Besinnung sein. 

 

Auch Karl-Heinz Maxwitat schildert in „MiG-21. Erlebnisse – Fakten – Hintergründe“ 8) seinen Weg vom SG-38-Segler (so wie viele von uns erste Bekanntschaften mit der Fliegerei schlossen) über die Jak-18 und die Jak-11 beim Aeroklub des MdI der DDR zum strahlgetriebenen Trainer

 L-29 in den Mach 2-Bereich auf den verschiedenen Versionen der MiG-21. Das schließt auch viele Jahre Tätigkeit als Fluglehrer in den LSK und später als Inspekteur für Flugausbildung der Gesellschaft für Sport und Technik ein. Er war einer der ersten, die mit der selten verliehenen Auszeichnung „Verdienter Militärflieger“ geehrt wurden. Sein Verleger bezeichnet Maxwitat als „Pilot aus Leidenschaft“.

 

 Das Buch enthält neben zahlreichen Fotos und Schautafeln eine Reihe hochinteressanter Überblicke, wie sie selten in dieser Konzentration anzutreffen sind. Diese beinhalten: a) die konstruktionsmäßig-technische Entwicklung der MiG-21, die generell ab 1959 in Dienst gestellt wurde, letztendlich in 15 Versionen existierte und mit ständigen Verbesserungen in einer Stückzahl von 10300 Maschinen gebaut wurde; b) die Liste der 43 Staaten auf allen Kontinenten, die die MiG-21 importierten und der 3 Länder, die sie in Lizenz selbst bauten; c) eine Übersicht über den Kriegseinsatz des Typs in Vietnam, der Region Indien-Pakistan und im Nahen Osten; d) den Einsatz der insgesamt 557 von der DDR erworbenen MiG-21 ab 1962. Der Autor behandelt die inter- national hochgeschätzten Vorzüge der Bewaffnung und des technischen Vermögens dieses Typs hinsichtlich Geschwindigkeit im Unter- und im Überschallbereich und ihrer Höchstgeschwindigkeit und geht auf sich zeigende Schwächen ein. Die wichtigsten Versionen werden einander gegenübergestellt.

 

Der Autor geht auf interessante Weise auf die Stufen und Etappen des Lernprozesses beim Flieger ein, so auf den Erstflug – natürlich den ersten Flug ohne Fluglehrer, der eventuell nachlassende Aufmerksamkeit ausgleichen könnte. Da ist die wachsende Bekanntschaft mit der Vielzahl der Geräte, Zeiger und Signallampen auf dem Armaturenbrett - wer hat sie je gezählt? Er schildert die Verarbeitung der technischen Details unter Flugbedingungen als eine Einheit mit den auszulösenden Wirkungen, z.B. das Magische der „93% Triebwerkszahl“. Hier entsteht Lebensweisheit: „Fliegen ist eine ständige Korrektur von Abweichungen“. Davon machen auch Überschallflüge und Flüge in der Gipfelhöhe um die 18000 m keine Ausnahme. Der Pilot begreift im Nachhinein erneut, daß die Kunstflugausbildung eine ungeheuer wichtige Vorstufe für die Gefechtsausbildung ist. „Das Ertragen von Überbelastungen ist ein gutes Barometer für die eigene physische Leistungsfähigkeit“ stellt Maxwitat fest. In dieser Zeit wurde durch Fluglehrer und Piloten der LSK/LV der NVA erstmals in den Staaten des Warschauer Vertrags als spezieller Ausbildungsweg  der Übergang von der Ausbildung auf der L-29 (Unterschall) direkt zur Ausbildung auf der MiG-21 (Überschall) entwickelt. Maxwitat war maßgeblich daran beteiligt.

 

Jedem Flugschüler hätten die späteren Aufzeichnungen des Praktikers Maxwitat damals als Pflichtlektüre zum Vorbereitungsstudium empfohlen werden können. Der Leser kann die praktischen Handgriffe und die psychischen Reflexe beim ersten wirklichen Alleinflug richtig nachempfinden. Veranschaulicht wird, dass das Spezielle des ersten Alleinstarts und Alleinflugs ewig in Erinnerung bleibt, stellt er doch auch eine gewisse Befreiung vom psychischen Druck und und der entsprechenden Erwartungshaltung dar. Genauso verhält es sich mit dem Glücksgefühl nach ordnungsgemäß erfolgter Landung. Ähnliches hat sich jeweils auf niedriger Ebene bei der ersten Platzrunde schon einmal abgespielt. Der Wert all dieser Erinnerungen besteht natürlich auch und besonders darin, dass die vorliegenden Aufzeichnungen niedergeschrieben wurden unter dem Eindruck des immer wieder gerade Erlebten. Die Beschreibung galt auch dem psychischen Augenblick und dem Ablauf der ausgelösten Schritte sowie dann der ausgelösten Reaktionen auf das Verhalten der MiG. Der Autor hebt hervor, dass trotz der im Vordergrund stehenden technischen Prozesse die Romantik des Fliegens nach wie vor bleibt, „wenn man ein Auge dafür hat“. Eine große Bedeutung kam der richtigen Beobachtungs- und Handlungsreihenfolge zu.

 

Auch nach 1990 übte der Autor immer wieder eine „einschlägige“ Tätigkeit aus, die mit der Fliegerei verbunden war und eigenes Fliegen einschloss. So fliegt er nach wie vor mit Freunden, Bekannten, Auftraggebern oder Geschäftspartnern in vielen Ländern in aller Welt, wie sein Flugbuch beweist, darunter Langstreckenflüge und eine Weltumfliegung. 

 

Einen ganz besonderen Weg geht der letzte Chef Jagdfliegerkräfte der DDR-LSK, Oberst a.D.  Manfred Skeries, erster Deutscher, der eine gefechtsbereite Jagdmaschine des sowjetischen Typs MiG-29 fliegen durfte. Die Verarbeitung seiner Erfahrungen auf dem quasi gleichen Aktionsfeld wie die beiden letzten Autoren ist aber (bisher) nur gerichtet an seine engere Familie: die Ehefrau, die das soldatisch-fliegerische Leben unter den Bedingungen des Kalten Krieges hautnah in jedem der vielen Standorte miterleben und ertragen musste - wo das Leben den Offizier und seine Familie auch hintrug - und sich dazu im Buch auch äußert, und die beiden Kinder, deren Leben natürlich auch in jeder Hinsicht von dieser Situation betroffen war. „So war das eben. Ein Lebens-

bericht“ 9) nennen der Autor und seine Frau Ursula ihre Erinnerungen. Die erste Besonderheit ist also, daß das Buch gedruckt und gebunden nur in fünf Exemplaren, ausgestattet mit vielen Fotos, existiert. Dem Autor dieser Zeilen wurde das freundschaftliche Lesen gestattet. Die zweite Besonderheit gegenüber den beiden zuletzt behandelten Titeln und ihren Autoren, besteht darin, daß Manfred Skeries – im Gegensatz zu diesen – auch noch die fliegerische und politische Realität der zweiten deutschen Luftwaffe als Stellvertretender Geschwaderkommodore des JG 73 in Laage erleben konnte - „natürlich“ mit der entsprechenden „Dienstgradherabsetzung“. Das Geschwader bestand aus den 24 MiG-29 des DDR-JG 3 in Preschen (danach in Laage bis zu seinem „Verkauf“ für 1 € pro Maschine durch die Bundesrepublik an Polen; die DDR hatte die Maschinen vom sowjetischen Hersteller zu einem Stückpreis von je 36 Mill. Mark erworben!).

 

Hier haben wir es mit einer spezifische Art von militärischer Literatur zu tun, vor der ich als Verfasser der jährlichen Literaturberichte nur voller Hochachtung den Hut ziehen kann, vor dem Inhalt und seiner methodischen Aufbereitung und vor dem Umfang des Buches. Die Vermittlung eines unschätzbaren Erfahrungs- und Erlebnisschatzes unter Zuhilfenahme einer Unzahl von Fakten, gestützt durch persönliche und dienstliche Aufzeichnungen über mehrere Jahrzehnte hat zu einem literarischen Ergebnis geführt, das sich sehen lassen kann und dessen Bearbeitung für eine uneingeschränkte Veröffentlichung aus meiner Sicht unbedingt anzuraten ist.

 

Auch durch diesen Autor werden Vorgänge des Fliegens, natürlich einschließlich des Technikbereichs, minutiös beschrieben. Das notwendige, ständige, quasi lebenslange beharrliche Flugtraining einschließlich einer Vielzahl technischer Details ist nicht nur für den Qualifizierten nachvollziehbar, sondern auch für den etwas eingeweihten interessierten Anfänger mit gewissen technischen Vorkenntnissen. Komplizierte Vorgänge, die der Umgang von Vorgesetzten und Unterstellten unter „normalen“ militärischen Bedingungen mit sich bringt und bei denen stets vorausgesetzt wird, dass Konfliktpotential entschärft wird und zu einer Umsetzung der erhobenen Forderungen führt, werden militärpsychologisch hervorragend abgehandelt. Auch das trifft auf Vorgänge bei sich selbst und vor allem ausgelöst durch Vorgesetzte zu. Der Leser merkt, dass vor allem die Laufbahn des fliegenden Vorgesetzten eine der komplexesten und eine der komplizier- testen ist - in dienstlicher und in privat-persönlicher Hinsicht. Das ganze wurde in der DDR durch das sozialistisch-militärische Familienleben ergänzt und  - wie der Autor zeigt - bei etwas Glück auch erleichtert. Der größere Teil der Leser würde die gewaltige Problemdichte zunehmend verstehen, wenn man ihn lesen lässt. Ich persönlich würde es sehr begrüßen, wenn die Autoren sich zur Veröffentlichung ihrer Erinnerungen entschließen würden.

 

Ein weiterer Autor - diesmal nicht von der „fliegenden Zunft“ - , Holger Müller, der etwa zwei Jahre 1988/90  bei LSK/LV - nach Ausbildung an der Militärtechnischen Schule Bad Düben zuletzt als Unterfeldwebel und Mechaniker Triebwerk/Zelle im JG 8 in Marxwalde -  gedient hat, widmet sich der MiG-21 in Gestalt eines hervorragend aufgemachten Bandes im Großformat und mit einer Vielzahl herausragender Fotos in einem bisher kaum gekannten Ausmaß, der im Stuttgarter Motorbuch Verlag (dieser Verlag wurde bereits im vergangenen Literaturbericht mit zwei bemerkenswerten Titeln erwähnt und behandelt) unter dem Titel „MIG-21“ 10) erschien. Der Band ist Resultat eigener Kenntnisse und Erfahrungen auf sehr hohem fachlichen Niveau sowie der Auswertung zahlreicher internationaler Titel und Materialien zum Thema MiG-21 und von über 100 Reisen in 10 Jahren zu MiG-21-Flugplätzen in aller Welt (übrigens stieß auch der Autor dieses Jahresliteraturberichts im Rahmen seiner jahrzehntelangen beruflichen Tätigkeit in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas immer wieder auf das Phänomen MiG-21). Der Autor kann auf etwa 70 Artikel zum Thema in der Fachpresse verweisen.

 

 Die Bezeichnung „Kalaschnikow der Lüfte“ soll sicher ein massives Lob für beide - die MiG-21 und das AK-47 – sein, auf die man in aller Welt stieß und zum Teil noch stößt. Im Vorwort stellt Müller fest: „Kein anderes Flugzeug hat die militärische Luftfahrt zu Zeiten des Kalten Krieges stärker geprägt als die MiG-21.“ Er führt den Nachweis, dass dies sowohl mit der relativen Einfachheit der Konstruktion, der höchstgelungenen Aerodynamik und der vergleichsweise geringen Kostenaufwendung in der Gegenüberstellung mit  den sowjetischen Folgemustern, aber auch den westlichen Typen zusammenhängt.  

 

In ausführlichen Kapiteln behandelt der Autor die Entwicklungsgeschichte des seinerzeitigen sowjetischen Standardjagdflugzeugs – auch dies im Vergleich mit westlichen Modellen. Im Ergebnis des Wirkens des zentralen Aero- und Hydrodynamischen Instituts ZAGI und besonders auch der beiden hauptsächlichen Konstruktionsbüros MiG und Suchoi werden alle Vorstufen und alle schließlichen Versionen des Typs MiG-21 sowie die chinesischen, tschechoslowakischen und indischen Lizenzbauten mit ungezählten technischen Details sowie die späteren Modernisierungsprogramme der Sowjetunion, Ägyptens (mit westlichen Staaten) und Rumäniens (mit Israel) behandelt. Dabei wird systematisch und speziell auf Triebwerk, Ausrüstung, Bewaffnung (MGs, Kanonen, Luft-Luft-Raketen, Luft-Boden-Raketen und Bomben) sowie die Kernwaffenträgerfähigkeit eingegangen. Der Leser erhält so einen kompletten und gründlichen Überblick über die vier Generationen der MiG-21. Zu beachten ist, dass im Falle Chinas eine Weiterentwicklung (partiell trotz aller zwischenstaatlichen Komplikationen mit sowjetischer Unterstützung) von der Kopie zu einer eigenständigen Flugzeugfamilie vor sich ging. Abschließend geht der Autor auf  den Einsatz des legendären Jägers auf den verschiedenen Schauplätzen des Kalten Krieges ein.         

 

      „60 Jahre Jagdfliegergeschwader „Fritz Schmenkel“. Festschrift zum 60. Jahrestag der Indienststellung“ 11) erschien bei MediaScript anlässlich der vor 60 Jahren erfolgten Indienststellung des Jagdgeschwaders 1. In relativ kleiner Auflage gedruckt, soll die Schrift das Erscheinen eines Buchs über das JG 1 im Jahr 2013 vorbereiten. Das JG 1 - in Bautzen zusammengestellt und kurz danach an den endgültigen Standort Cottbus verlegt – machte Cottbus zu einer der Wiegen der LSK der DDR, wie der seinerzeitige erste Kommandeur des JG 1, der spätere langjährige Chef der LSK/LV, Generaloberst Reinhold, in seinem Grußschreiben hervorhob.  Erst nach rund 30 Jahren wurde das Geschwader nach Holzdorf verlegt.

 

Eine äußerst informative Zeittafel der Geschichte des Truppenteils, reich bebildert, lässt ein aktives kollektives Wirken spüren. Sichtbar wird der Werdegang von der historischen Jak-18 über die

Jak-11, die MiG-15, die MiG-17 zu den Versionen der MiG-21. Verdiente Geschwaderangehörige steuerten eigene Erinnerungen bei. Im Geleitwort der Herausgeber wird über den jahrzehntelangen militärischen Schutz der Heimat DDR gesagt: „Das hatte einen Sinn, Friedenssicherung unter allen Umständen!“

 

Eine schnell vergriffene Publikation  des von Peter Misch geleiteten MediaScript Verlages Berlin stellt „Flugplatzmuseum Cottbus, Kalender 2013“ 12) dar. Die mit farbigen Fotos gestalteten zwölf Monatsblätter tragen das Symbol des Cottbusser Flugplatzmuseums und stellen Maschinen aus dem Bestand des Museums dar. Zu jedem Typ gibt es interessante Fakten und Informationen zum Werdegang der konstruktiven Entwicklung, der Verwendung in den Streitkräften, zur Rolle des Typs innerhalb der in Cottbus stationierten 1. Luftverteidigungsdivision bzw. des JG 1 und zur eventuellen Verwendung nach der „Wende“. Dabei handelt es sich um die Schulmaschine Jak-11, die Jagdflugzeuge MiG-17F, MiG-21F und MiG-21MF, die Jagdbombenflugzeuge MiG-23MF und Su-22M4, die Hubschrauber  Mi-2 und Mi-8TB sowie die französische SE.3130 Alouette II, das Transportflugzeug An-14A und das Ausbildungsflugzeug Z-42M (Tschechoslowakei) sowie den Segler SZD-30 Pirat (Polen). 

 

Fla-Raketentruppen der LSK/LV als hochmoderne Waffengattung und ihre Widerspiegelung in der Traditionsarbeit nach 50 Jahren

 

Unter der Herausgeberschaft von Bernd Kirchhainer, Dieter Reichelt und  Lothar Herrmann, drei hochqualifizierten und über Jahrzehnte erfahrenen Offizieren und verdienstvollen Kommandeuren,  erschien das umfangreiche Buch „43. Fla-Raketenbrigade „Erich Weinert“. Fakten und Geschichten“ 13). Der Band ist das Ergebnis der Arbeit von 62 Autoren aus 15 Standorten entlang der Ostseeküste und im Norden der damaligen DDR: Offiziere vom Oberst bis zum Unterleutnant, Unteroffiziere, Soldaten, Zivilbeschäftigte und Familienangehörige. Dem Buch sind  Fotos, die die Vielseitigkeit dieser Waffengattung veranschaulichen, Dokumente, Statistiken und Übersichten, Ergebnislisten der Gefechtsschießen in der Sowjetunion, eine Liste aller Kommandeure und Leiter, eine Übersicht über die personelle und materielle Ausstattung der Brigade, ein (wahrlich notwendiges) Abkürzungsverzeichnis und ein Literaturverzeichnis beigefügt.

 

Fünf sachkundige Autoren behandeln die hauptsächlichen Fachgebiete – für die einen als auf- frischende Erinnerung, für die anderen zur Kenntnisvermittlung über diese wichtige Waffengattung mit ihrer modernen Raketenbewaffnung. Gegenstand sind hierbei die Struktur der Einheiten; die Fla-Raketentechnik; das AFS (Automatisches Führungssystem); die Flakwaffen zur Selbstverteidigung (Geschütze und die Schulter-Rakete „Strela 2“); die Gefechtsvarianten (Führung eines Taktischen Verbandes, Manövermöglichkeiten, die Sicherstellung mit Fla-Raketen); die Stellvertreter-Bereiche und Fachgebiete, besonders der FRID (Fla-Raketen-Ingenieurdienst), die Rückwärtigen Dienste und die Politarbeit.

 

Unabhängig vom Dienstgrad heben die Autoren hervor, dass sie als Grundanliegen ihres schwierigen Dienstes innerhalb des DHS (Diensthabendes System innerhalb des Warschauer Vertrages) den Beitrag zur Sicherung des Friedens und einer sozial gerechten Gesellschaftsordnung ansahen. Eine Reihe von Beiträgen zielt auf die Korrektur so mancher „Nach-Wende-Verzerrungen“ durch sie als wahre Zeitzeugen hin. 35 Seiten sind einer ausführlichen Chronik der Entwicklung vom Fla-Raketen-Regiment 18 zur Fla-Raketen-Brigade 43 gewidmet. Dieser 29jährige Werdegang von 1961-1990 brachte auch eine vielseitige Weiterentwicklung bei den Raketen-Komplexen und bei der Funkmess-Technik mit sich, die dem Leser dargelegt wird. So war die 43. FRBr der erste und schließlich modernste taktische Verband, der (neben den Komplexen S-75W „Dwina“ und „Wolchow“, S-125M „Newa“, S-200 „Wega“, S5N74MA) mit dem damals im Westen im wesentlichen völlig unbekannten Fla-Rakten-Komplex S-300PMU „Angara“ ausgerüstet war.

 

Im 2. Hauptteil des Buches berichten auf 300 Seiten die  - wie oben geschildert -  recht unterschiedlich zusammengesetzten Autoren über Dienst und Freizeit, Ausbildung und Qualifizierung sowie deren Anwendung in den Garnisonen und Standorten sowie auf den Übungs- und Schießplätzen in der DDR und in der Sowjetunion. Der eine voller Stolz, der andere auch kritisch, viele humorvoll in Geschichten und Episoden.        

 

Oberst a.D. Lothar Herrmann, Absolvent der Artillerie-Hochschule Kiew sowie weiterer weiterführender akademischer Einrichtungen auf dem Gebiet der Raketentruppen-Ausbildung, zuletzt Stellvertretender Kommandeur und Leiter des Fla-Raketen-Ingenieurdienstes der erwähnten FRBr 43, stellt sich als verdienstvoller Herausgeber einer hochinteressanten Schriftenreihe vor, in der 2012 fünf Hefte mit folgender Thematik erschienen: 1. „Von der Flak-Artillerie zu den Fla-Raketentruppen. Eine Laufbahn im Fla-Raketen-Ingenieurdienst der Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung“ 14) ; 2. „Waffensysteme der Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung der DDR“ 15); 3. „Zur Geschichte der 43. Fla-Raketenbrigade der Luftverteidigung der DDR“ 16); 4.) „Von „Wasserfall“ zu „Triumph“. Die Entwicklung der russischen Fla-Raketensysteme der Luftverteidigung“ 17); 5.) „Fla-Raketenkomplex S-300PMU Angara“ 18).

 

Alle Hefte sind reich bebildert. Die Themen sprechen für sich. Herrmann erweist sich als echter Kenner der Materie. Die Hefte strotzen vor hochinteressanten technisch-militärischen Fakten und Gegebenheiten und gehen vielfach weit über bisher veröffentlichtes Material hinaus. Interessant nicht zuletzt die Schilderung der Laufbahn des Autors.

 

Die in den letzten Jahren bereits sichtbar gewordenen außerordentlichen Aktivitäten auf dem Gebiet der Traditionspflege der früheren FRT, nicht zuletzt in den erschienenen Buchtiteln, zeigen sich auch in der regelmäßigen Herausgabe des „Der Kanonier. Informationsblatt der Gemeinschaft der 13er e.V. (Ehemalige des FRR 13)“ 19). Die bisher erschienenen 57 Hefte Nr. 1/1996 bis 4/2012 erschienen nunmehr als Jubiläumsausgabe anlässlich des 50. Jahrestages der Aufstellung der FRT der DDR im Großformat gebunden – in erster Linie ein Verdienst der hervorragenden Arbeit von Wilfried Rühe als Herausgeber und von Burghard Keuthe als Redakteur über lange Zeit. Das regelmäßig erscheinende Informationsblatt  ist ausgesprochen interessant und informativ und der sichtbare Beweis für große Fleißarbeit und Beharrlichkeit in der gemeinsamen Traditionspflege. Sie wurde erst kürzlich erneut deutlich sichtbar beim reichlich besuchten Traditionstreffen am

29. September 2012 und auf der zum gleichen Anlass durchgeführten Konferenz in der traditionellen Garnisonstadt Parchim, deren 16 Referate und Diskussionsbeiträge veröffentlicht wurden in „Konferenz zum 50. Jahrestag der Aufstellung der Fla-Raketentruppen in der NVA und der Gründung des FRR-13. Diskussionsbeiträge. Schriftenreihe der Gemeinschaft der 13er“ 20).    

 

FuTT - eine eindrucksvolle, hochmoderne Waffengattung im System der LSK/LV

 

Quasi zum Jahreswechsel 2012/2013 erschien - bereits lange Zeit mit Spannung erwartet - der Band

„Die Funktechnischen Truppen der Luftverteidigung der DDR“ 21), herausgegeben von Oberstleutnant a.D. Wolf-Rüdiger Stuppert und Oberst a.D. Siegfried Fiedler, zwei Spezialisten, die von der Pike an (vielleicht besser gesagt: von der P-25 an) in dieser Waffengattung gedient haben. Damit wurde eine Lücke geschlossen, die viele Interessenten bisher sehr bedauerten. 40 Autoren, vom Soldaten bis zum General, behandeln im 1. Hauptteil des Bandes, der durch viele Fotos, Grafiken, Schemata und Übersichten ergänzt wird,  die Geschichte der FuTT der LSK/LV zwischen den fünfziger Jahren und 1990 und im 2. Hauptteil Geschichten, Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Leben der Angehörigen dieser Waffengattung, also dem Alltag mit Dienst und Freizeit.

 

Die Autoren verdeutlichen die komplizierte, vielseitige Grundaufgabenstellung der FuTT mit ihrer modernen Radar- und Automatisierungstechnik: a) die Sicherstellung der Leitung der Jagdfliegerkräfte, b) die Feuerführung der Fla-Raketentruppen und c) die Luftaufklärung für alle Teilstreitkräfte, eingeordnet in das Diensthabende System des Warschauer Paktes. Der langjährige Chef der FuTT Generalmajor a.D. Manfred Merkel hebt in seinem Geleitwort den entbehrungsreichen und besonders anstrengenden Dienst in dieser Waffengattung als echten Beitrag zur Friedenssicherung hervor.

 

Die einzelnen Beiträge erläutern anschaulich den Prozess der ständigen Weiterentwicklung der Technik und der sich daraus ergebenden notwendigen Weiterqualifizierung des Personalbestandes auf allen Ebenen und in allen Bereichen. In dieser Klarheit und Ausführlichkeit und befreit von den Fesseln der seinerzeit natürlich unumgänglichen Geheimhaltung wurde wohl noch an keiner anderen Stelle auf die vielen Aspekte dieser Problematik eingegangen. Ähnlich wird die Wechselwirkung zwischen technischem Fortschritt und seinen taktischen Auswirkungen bzw. vice versa veranschaulicht, das alles unter Beachtung des Zusammenhangs von Wissenschaft, Industrie und ihren Möglichkeiten sowie den militärischen Anforderungen. Da alle diese Aufgaben in enger Zusammenarbeit mit der sowjetischen Seite gelöst werden mussten, ergaben sich notwendigerweise große Vorteile, aber auch nicht zu übersehende Komplikationen. Die Vorteile bestanden z.B. im Beratersystem auf anfangs allen Ebenen, der Möglichkeit der Nutzung der Ausbildung an den einschlägigen Militärakademien (Artillerie-Funktechnische Akademie Charkow, Akademie der Truppen der Luftverteidigung Kalinin, Funktechnische Ingenieur-Hochschule Kiew) auf einem außerordentlich hohen Niveau u.a.m. Auch auf Seiten der NVA wurde das System der Lehranstalten, Offiziers-Hochschulen und der Militärakademie Dresden (1965 entsprechender Lehrstuhl) auf dem Gebiet Funktechnische Truppen ausgebaut und vervollkommnet.  Gerade diese Seite und die der ständig zunehmenden technischen Ausrüstung werden in hoher Qualität und in aller Breite behandelt. Das Jahr 1990 brachte die Überführung eines großen Teils dieser Potentiale auf dem Gebiet FuTT in die Bundeswehr mit sich.

 

Einen hervorragenden Generalüberblick über die vielseitige Gesamtproblematik der Waffengattung FuTT in all ihren Aspekten gibt auf 50 Seiten Generalmajor a.D. Alois Zieris in seinem Artikel „Zur Geschichte der Funktechnischen Truppen der Luftverteidigung der DDR“. Im Interesse einer vollständigen Übersicht – besonders auch für Insider – geben wir an dieser Stelle das komplette Inhaltsverzeichnis des Artikels wieder, womit Faktenkenntnis und Wissen um Zusammenhänge gleichermaßen hervorragend bedient werden:

 

Die Entstehung der LV

Die Ausgangssituation für den Aufbau der LV

Die Entstehung der FuTT

   Die Anfänge der Funkmesssicherstellung der Fliegerkräfte

   Die Konzipierung der FuTT der Verwaltung LV

       Die Luftraumaufklärung

       Die Funkmesssicherstellung der Jagdfliegerkräfte

Der Aufbau der FuTT  

Die Gefechtsarbeit zur Funkmesssicherstellung der fliegerischen Ausbildung und zur Durchführung der Luftraumaufklärung

Die Entfaltung eines landesweiten Systems der Luftraumaufklärung

Die Funkmesssicherstellung der Feuerführung der FRT

Die LV der DDR nach 1961 – ein schwieriger Anfang

Zwei Luftverteidigungssysteme auf dem Territorium der DDR

Die Aufgaben der LV der DDR

Die Fähigkeiten der LV der DDR

Das Diensthabende System (DHS)

Einsatz von Kampfhubschraubern im DHS

Die Befähigung der Luftverteidigungsdivisionen und ihrer Truppenteile

Luftverteidigungsübungen – Gradmesser des Leistungsvermögens

Die Automatisierung der Luftraumaufklärung und Jägerleitung

Beginn der Fernaufklärung

Neue Anforderungen an die LV in den 1970er Jahren

Erweiterungen bei der Truppenluftabwehr der GSSD

Veränderungen in der LV der DDR

Die Reorganisation der FuTT

Das Funkmessfeld in geringen Höhen

Die Funkmesssicherung der Feuerführung der FRT nach 1970

Die Funktechnische Abteilung

Die LV in den Jahren 1982 bis 1990

Die Erweiterung des Handlungsraumes der FRT und der Funkmessaufklärung

Die Aufklärung und Bekämpfung von Marschflugkörpern

Neuorganisation der Führung und des Zusammenwirkens zwischen der Truppenluftabwehr der GSSD und der LV der DDR

Die Wendezeit

 

Historisch-technische Berührungsfelder und zivil-militärische Wechselbeziehungen zwischen Militär- und Zivilluftfahrt/Flugplätze

 

In diesem inzwischen zur Tradition meiner Jahresliteraturberichte gewordenen Kapitel sind im Jahr 2012 zwei Arbeiten besonders hervorzuheben. Nach den Rezensionen über den Flugplatz Kamenz und über die „Baade 152“ in den vergangenen Jahren geht es in diesem Jahr um den Flugplatz Strausberg und um die ostdeutsche zivile Luftfahrt generell und bestimmte militärische Aspekte dazu. Helmut Bukowski und Horst Kleest gaben mit Unterstützung der Stadtwerke Strausberg den Band „Start und Ziel. Die Geschichte der Allgemeinen Luftfahrt und der Militärfliegerei in Strausberg von 1913 bis heute“ 22) heraus. Die Autoren bezeichnen das Buch als „Bild-Dokumentation über die Strausberger Luftfahrtgeschichte, die im Jahre 1913 begann.“ Das „illustrierte Geschichtsbuch“ mit seinen 880 Bild- und Schrift-Dokumenten stellt in seiner Art in gewisser Hinsicht ein Unikat auf dem Gebiet der Flugplatzgeschichte dar, das seinesgleichen sucht. Die Autoren und Herausgeber, beide Oberst a.D., „verstehen ihr Handwerk“ und haben in mühe- voller Arbeit offenbar das nachgeholt, was rund 100 Jahre in Bezug auf eine geschriebene Luftfahrtgeschichte im Zusammenhang mit Strausberg versäumt worden war, zusätzlich erschwert durch strenge Geheimhaltung in Wort und Bild  in den beiden Weltkriegen und in der Zeit dazwischen sowie ab 1945. Der aufmerksame Leser spürt Anstrengungen, Fleiß und Gründlichkeit, um in rund 20 Jahren ein solches Ergebnis der Materialstudien und der Zeitzeugenbefragung zu präsentieren. Nur so konnte ein hochinteressantes Stück Stadt-, Garnisons- und Flugplatzgeschichte in dieser Qualität entstehen. Damit war sowohl der Forschung wie auch der Geschichtsschreibung gedient, aber auch zusätzlich den bekannten Strausberger gesellschaftlichen Aktivitäten, die sich in Vereinen, rund um das Flugplatz-Museum, bei Ausstellungen und Materialsammlungen sowie in Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsveröffentlichungen ranken.

 

Der Band gibt einen gründlichen Überblick über Fakten und Geschehnisse, die vom Strausberger Flugpionier Felix Schulz 1913 bis zum Strausberger Kosmonauten Sigmund Jähn und weiter reichen. Eine relativ große Gruppe von Persönlichkeiten, die sich in den letzten 100 Jahren um die Strausberger Luftfahrt verdient gemacht haben, wird ausführlich vorgestellt. Der Leser erfährt, dass im Gegensatz zu vielen damaligen Flug- oder Landeplätzen im Strausberger Umland, die militärische Geburtshelfer hatten, es in Strausberg eigenständige zivile Bemühungen waren, die am Anfang standen. In den 20er und 30er Jahren bestimmten vor allem der Segelflugsport und die Entstehung von zivilen Flugvereinen das Bild. 1929 gab es den ersten Passagier-Motorflug. Erst ab Mitte der 30er Jahre kamen militärische Institutionen hinzu (Navigations-Schule der Luftwaffe; Eröffnung des „Flugzeugreparaturwerkes Alfred Friedrich Strausberg“; Eröffnung eines Industrieflughafens), und die zivilen Vereine wurden von den Nazis zunehmend in ihre vormilitärischen Aktivitäten einbezogen. Auch Beate Uhse diente mehrere Jahre bis 1944 hier als Einfliegerin und schließlich als Überführungsfliegerin für Kampfflugzeuge im Fronteinsatz im Range eines Hauptmanns. 1945 wurde der Fliegerhorst Strausberg zum Frontflugplatz für Jäger und Jagdbomber. Nach der Eroberung durch die sowjetischen Truppen wurden die Produktionsanlagen enteignet und demontiert. 1945-52 nutzte die sowjetische 6. Luftarmee den Flugplatz mit einem Bombergeschwader und einer Transportfliegerstaffel, die 11 Typen in ihrem Bestand hatten, was im Band hervorragend dokumentiert wird. In der Folgezeit entstand allmählich wieder Segelflug und Fallschirmsport (GST und ASV).

 

Ab 1953 bis 1990 entwickelte sich in Strausberg an zwei Stellen fliegerisches Leben. Im Norden auf dem Flugplatz stationierte die NVA eine Verbindungsfliegerstaffel. In der Vorstadt wurde der Stab der künftigen Luftstreitkräfte der DDR stationiert (zunächst VP Luft, dann Verwaltung der Aeroclubs des MdI, schließlich Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der NVA). Von hier aus wurden die drei fliegerischen Großverbände und später auch die Zentrale der Fla-Raketentruppen und der Funktechnischen Truppen geführt. Die Autoren vermitteln ein ausführliches Bild über die Struktur, die Ausstattung mit einer Vielzahl von Kampf-, Transport-, Verbindungs- und Schulflugzeug-Typen sowie Hubschraubern (sämtlich in Fotos und Abrissen dargestellt), die Standorte im ganzen Land und andere Informationen. Nach der „Wende“1990 bildete die Bundesluftwaffe in Strausberg ihre

5. Luftwaffen-Division, deren Stab die Aufgabe hatte, die dortigen Stäbe der LSK/LV sowie deren Verbände, Truppenteile und Einheiten aufzulösen bzw. Teile in die Bundeswehr zu übernehmen. Der Leser erfährt interessante Details über die Struktur dieser speziellen Division, die Entscheidungen zur Übernahme, zur „Aussonderung“ oder zur Entlassung. Daneben befand sich in Strausberg ab 2004 das 4. Bataillon des Luftwaffen-Ausbildungsregiments, das jedoch 2012 außer Dienst gestellt und 2013 aufgelöst wurde. Mit dem Verzicht der Bundeswehr handelte es sich nunmehr wieder um einen ausschließlich zivilen Zwecken dienenden Flugplatz, der sich um eine amtliche Anerkennung als „Verkehrslandeplatz“ (VLP) bemühen konnte, die 1992 erteilt wurde.

 

Das umfangreiche Bildmaterial zu dieser neuen Phase vermittelt eine Vorstellung von den immensen Anstrengungen und Bemühungen, die dies erforderte. Aus den Fotos ist auch zu erkennen, dass die beiden Autoren zu den Aktivisten dieses jahrelangen Tuns gehören. Das heutige Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen. Zur Erleichterung der  komplizierten Prozesse entstanden die Flugplatzbetreiber-Gesellschaft m.b.H. Strausberg, ein Flugplatz-Förderverein und ein ganzer Komplex von ABM-Maßnahmen. Der Flugplatz wurde zu einem „Dienstleistungszentrum der Allgemeinen Luftfahrt“. Hangars und Werften, ein neues Abfertigungsgebäude, ein neuer Kontrollturm und ein Flugplatz-Museum wurden errichtet. Der Flieger-Club Strausberg entstand. Der VLP mit seinen inzwischen modernen Anlagen sichert inzwischen Geschäftsreiseverkehr, fliegerische Ausbildung und Luftpost. Die nach der „Wende“ entstandene Flugzeugbau-Firma Stemme exportiert seit 1991 in alle Welt. Über zehn Unternehmen widmen sich dem Flugzeugbau, dem Flugdienst, Flugausbildung und -training, dem Luftbild-Service und Rundflügen. Segelfliegen, Fallschirmspringen und Ballonfahrten haben inzwischen wieder ihren Platz. Auch Luftschiffe haben inzwischen Landemöglichkeiten. Ein Musterbeispiel für eine sich entwickelnde, florierende Zivilluftfahrt in Ostdeutschland.                               

 

Die überdurchschnittlich umfassende Veranschaulichung der Strausberger Luftfahrtgeschichte mit zahlreichen Dokumenten unterschiedlicher Art und aus unterschiedlichen zeitlich-geschichtlichen Perioden bringen es hier und da mit sich, dass ein Teil der Leser anfangs die Aneinanderreihung (inhaltlich und zeitlich) hier und da als gewöhnungsbedürftig empfinden könnte.

 

Klaus Breiler legt den Band „Vom Fliegen und Landen. Zur Geschichte der ostdeutschen Luftfahrt“ 23) vor. Der Autor, langjähriger Pilot und Fluglehrer mit NVA-LSK/LV-Hintergrund und diversen speziellen Qualifikationen in der zivilen Luftfahrt (z.B. beim Aufbau der Abt. Wirtschaftsflug der Interflug, aber auch im internationalen Passagier- und Transportflugverkehr), stützt sich auch auf Beiträge von sieben Mitautoren und etwa 50 Zeitzeugeninterviews. Das Buch ist reich bebildert und enthält den Inhalt stützende Übersichten, Schemata, ein Personenregister, ein Literaturverzeichnis und ein Abkürzungsverzeichnis. Die ostdeutsche Orientierung des Titels erstreckt sich – zur Vermeidung von Irrtümern, gemeint sei nur die DDR-Periode – auf die Zeit vom Beginn des Flugwesens in Ostdeutschland bis in die heutige diesbezügliche Situation in den „neuen Bundesländern“, also die Zeit nach der völligen von politischem Interesse und Korruptionspraxis getragenen Zerschlagung all dessen, was es in der DDR auf diesem Gebiet gegeben hatte, und neue Entwicklungen in der Region danach.

 

Breiler nimmt im 1. Kapitel eine ausführliche Würdigung der Luftfahrtpioniere von Otto Lilienthal (erste Flugversuche) über Hans Grade (erster Motorflug 1908 in Magdeburg) bis zu vielen anderen seltener Genannten und zu zahlreichen Rekorden vor. Dabei geht er auch auf den Mißbrauch der neuen Technik im I. Weltkrieg und die folgende Zerschlagung zahlreicher Ergebnisse nach dem Versailler Vertrag ein. Aber die in Gang gesetzte Entwicklung ist unaufhaltsam. Das Flugzeug wird immer stärker zum tauglichen Verkehrsmittel. Das Motorflugzentrum Johannisthal entsteht. Namen wie Junkers, Heinkel, Dornier und Focke sowie die zahlreicher Piloten führen zu neuen Typen, Rekorden und Rekordflügen. Über diese Leistungen berichtet der Autor ausführlich und in allen Einzelheiten. Daran schließen sich hochinteressante Ausführungen zur Geschichte der  Flugplätze in Ostdeutschland an, die auch Schönefeld und Tempelhof einschließen und an denen der II. Weltkrieg keineswegs spurlos vorüberging.

 

Im 2. Kapitel schildert der Autor neben den Auswirkungen der alliierten Luftbrücke nach Westberlin die Gründung der Lufthansa AG in der Bundesrepublik und der Lufthansa der DDR sowie die Schritte, die letztendlich zur Schaffung der Interflug als einziges Luftfahrtunternehmen der DDR führen. Geheime technische Entwicklungen auf dem Sonnenstein in Pirna und die Rückkehr der deutschen Spezialisten nach mehrjährigem Aufenthalt in der Sowjetunion eröffnen eine hoffnungsvolle Aufnahme eines eigenen Flugzeugbaus in der DDR in Dresden (Il-14P nach sowjetischen Lizenzen und als erstes Düsenflugzeug in ganz Deutschland die B-152 sowie Arbeiten an einem Turboprop B-153). Der Linienverkehr stabilisiert und erweitert sich und ein Bereich Wirtschaftsflug entsteht. Die Ausbildung und die Weiterqualifizierung werden forciert. Diese komplizierten technischen und damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Prozesse, die durchaus Erfolg versprechend verliefen, analysiert Breiler bis zum von ihm als Fehlentscheidung bezeichneten Abbruch aller Produktionsaktivitäten auf dem Gebiet Flugzeugbau in Dresden einschließlich des Segelflugzeugbaus und der Verschrottung aller bis dahin vorhandenen Erfolge. Von ihm dargelegte Einzelheiten und Zusammenhänge werden dem „normalen Leser“ vielfach absolut neu und unbekannt sein.

 

Im 3. Kapitel beschäftigt sich der Autor mit hoher Sachkenntnis mit inneren Problemen der Entwicklung der Interflug, die in zunehmenden Maße eine Schlüsselrolle im Verkehrswesen der DDR zu spielen begann. Die eingeführte so genannte bilanzierte Perspektiv- und Jahresplanung umfasst das Liniennetz, die Flughäfen und ihre Pisten sowie den Maschinenpark. So eröffnet Schönefeld seine 3000m-Piste für Düsen- und Turboprop-Maschinen. Breiler beschreibt die diversen technischen Neuerungen und Modernisierungen, z.B. die modernen Typen Tu-134 und Il-62, wobei erstere zunächst - mit Interflug-Symbolik – von der NVA geflogen wurde! Die neuen strukturellen Elemente neben der Hauptverwaltung Zivile Luftfahrt (HVZL) wie Prüfstelle für Luftfahrtgerät (PfL), Staatliche Luftfahrtinspektion (SLI), Luftfahrtamt der DDR und Abteilung Luftfahrt im Verkehrsministerium werden, soweit dies möglich war, beschrieben. Bei der Interflug entstehen die Betriebsteile Agrarflug und Spezialflug (Kran-Einsätze). In den sechziger Jahren werden mit Tagungen in Berlin und Bukarest Versuche eingeleitet, die allseitige Zusammenarbeit aller RGW-Staaten zu organisieren und langfristig zu sichern, was allerdings nicht nur zu Erfolgen führte, da die sowjetische Seite aus spezifischen Eigeninteressen heraus bestimmte Komplexe abbremste oder gar verhinderte. Die Nichtgewährung von Haftungsklauseln der sowjetischen Flugzeughersteller erschwerte die zufrieden stellende Abwicklung von Flugzeugkatastrophen bei der Interflug, zu denen es trotz relativ hoher Sicherheitsstandards kam, erheblich.

 

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit den der Tätigkeit der fünf Betriebe, in die sich die Interflug in dieser Zeit gliederte. So wird ausführlich auf den Betriebsteil Verkehrsflug eingegangen, der auf 60 Fluglinien zu 250 Flugplätzen in rund 100 Ländern  unterwegs war. Der Charterflug- und der Bedarfsflugverkehr (Passagiere und Frachten) nahmen spürbar zu. Das war u.a. gleichbedeutend mit einer enormen Zunahme der Auslandseinsätze des Flugpersonals. Auch Flugeinsätze im In- und Ausland für die Lösung von Aufgaben der Wirtschaft und der Wissenschaft nahmen zu. Aus dem Betrieb Bildflug entstand der Betrieb Fernerkundung, Industrie- und Forschungsflug. Im Bereich Spezialflug entwickelte sich der Kranflug zum Schwerpunkt. Breiler streift auch das letztendlich gescheiterte Kapitel Überschall-Passagierflüge mit der Tu-144 und der Concorde in Leipzig und Schönefeld.

 

Im nächsten Kapitel behandelt Breiler einige recht unterschiedliche Bereiche der Interflug-Geschichte. So geht er ein auf das große Feld der Solidaritätsflüge für die jungen Staaten Afrikas und Asiens, die sich - neben Hunger und Armut – oft auch der Attacken der neokolonialistischen Mächte erwehren mussten. Er betont, daß das Unternehmen Interflug von  Anfang an eingebunden war in die Soli -Arbeit des Staates, der Betriebe und Tausender einfacher Menschen, für die der Solidaritätsgedanke in der DDR – betont Breiler – einen hohen Stellenwert hatte. Oft in Zusammen-  arbeit mit dem Solidaritätskomitee der DDR führten die Crews der Interflug ungezählte Flüge, manchmal auch in Kooperation mit den Luftstreitkräften der NVA, in der Dritten Welt durch. Ein Beispiel war der fast einjährige Einsatz für die Dürrehilfe in Äthiopien mit zwei Il-18 der IF und zwei An-26 der LSK/LV.  Eine ähnliche Großaktion an der Interflug sich  beteiligt hatte, waren Repatriierungsflüge zwischen Pakistan und Bangladesh. Breiler selbst hat an solchen Flügen vielfach teilgenommen (wie im übrigen der Autor des Jahresliteraturberichts ab und an auch). Solidarisch bildete Interflug auch Flugpersonal und Stewardessen für einige afro-asiatische Länder aus.

 

Ein Sachverhalt, der dem Autor nach seiner im Buch geäußerten Meinung echte Probleme bereitete, war die Frage der ab Ende 1974 forcierten Vorbereitung der Interflug auf den Verteidigungsfall, ihre  „militärische Entwicklungsphase“. Dies brachte einschneidende Veränderungen in der Struktur mit sich, weil die faktische Unterstellung der Abteilung 1 der Hauptverwaltung Zivile Luftfahrt des Verkehrsministeriums (HVZL) unter die „Fuchtel“ des Verteidigungsministeriums das zwangsläufig mit sich brachte (Stellvertreter für politische Arbeit, fest installierte Mitarbeiter der Sicherheitsorgane u.a.m.). Generalleutnant Klaus Henkes, leitend tätig im Kommando LSK/LV, wurde im Juli 1975 Stellvertretender Verkehrsminister und Leiter der HVZL, 1978 Generaldirektor der Interflug. Das IF-Flugtrainingszentrum war ab sofort für zivile und militärische Zwecke zuständig.  Viele einschlägige Planstellen wurden mit aktiven oder mit Reserve-Offizieren der LSK besetzt. IF-Angehörige wurden oftmals für Flugeinsätze unter NVA-Bedingungen eingesetzt. Breiler kritisiert, aus dieser Situation resultierend, unter der Überschrift „Interflug ab 1975 zentral-staatlich und militärisch verwaltet“ die Einführung „gewöhnungsbedürftiger Gepflogenheiten“ (Kampfappelle mit Antreten und Vorbeimarsch, Befehlsform, kritikwürdiger Führungsstil, Abstriche bei gewerkschaftlicher Mitwirkung und Einschränkung von Formen der Demokratie, Tendenzen von Machtmissbrauch).

 

Ein weiteres Kapitel informiert über den 1985 einsetzenden Prozess der weiteren Vervollkommnung des „Produktionsprozesses“, vor allem aber des Luftverkehrs generell, womit sich auch weitere Erfordernisse für die Berührungspunkte zur Landesverteidigung ergaben. Der erhöhte Automatisierungsgrad der Prozessleitung erstreckte sich auch auf strukturelle Maßnahmen für den Sicherheitsbereich. 1989 kaufte Interflug drei Airbus A-310-304 als Ablösetypen für die Il-62, da die sowjetische Seite die vereinbarten Tu-204 und Il-96 nicht rechtzeitig lieferte.

 

Die beiden Abschlusskapitel überschreibt Breiler so: „1990 – das Jahr der Einheit und der Gedächtnislücken“ und „Ostdeutsche Luftfahrtgeschichte erinnern, bewahren, erschließen“. Neben  Unzufriedenheitsbekundungen und Zusammenkünften von Mitarbeitern mit sozialen Forderungen wurden auch bei der Interflug das Fehlen einer neuen Strategie und eine gewisse Ohnmacht der Führung sichtbar. „Reisekaderbeschränkungen“ traten außer Kraft. Als unumkehrbar erwies sich die Notwendigkeit, sich allmählich den marktwirtschaftlichen Bedingungen zu stellen. Realisten deuteten an, dass sich in ihrem Unternehmen eine der größten Vernichtungsschlachten auf dem Boden des Rechtstaates vorbereitete: die Vernichtung des Unternehmens und ungezählter Arbeitsplätze, obwohl ihnen täglich vorgebetet wurde, dass es dazu nie kommen werde. Trotz entgegen- gesetzter Ankündigungen beschloss die Treuhand 1991 die Liquidierung, Enteignung und Übereignung – ungeachtet der nachweislich guten Bilanzen und Existenz- und Handlungsbedingungen. Ein großer Teil der entscheidenden Akten ist nach wie vor nicht mehr auffindbar oder unter Verschluss.

 

Der Band enthält eine Vielzahl von Originaldokumenten, die den Bruch nicht nur der DDR-Gesetzlichkeit, sondern auch den  der neuen (west-)deutschen Gesetzlichkeit belegen. Der Autor beweist, dass  Menschen selten so infam belogen und betrogen wurden wie im Falle der rücksichtslosen Zerschlagung der Interflug. Seine exakte und detailgetreue, nahezu lückenlose  Darstellung der Abläufe und ihrer Resultate sowie eine ausführliche Chronik der Vernichtung und Verschleuderung der Millionenwerte und der rücksichtslosen Delegitimierung und Entwurzelung des Personals beweisen, dass es um die absolute Ausschaltung eines ernstzunehmenden Konkurrenten ging. Klaus Breiler gelingt in der ganzen Komplexität der Problematik eine wohl erst- und einmalige Entlarvung.      

 

Der Streifzug durch die Luftfahrtgeschichte Ostdeutschlands führt abschließend noch einmal zurück zu zwei Wiegen der Fliegerei: dem Flugplatz Leipzig/Halle und dem Raum Dessau. 

 

Ausblick

 

Mit folgenden Titeln kann eventuell in absehbarer Zeit gerechnet werden:  1.) einem Buch über die Fliegerkräfte der LSK/LV (evtl. Ende 2013),  2.) einem Buch über das JG 1,  3.) einer Neuauflage von „MiGs über Peenemünde“ (JG 9).

 

Rezensierte Literatur

 

1.      Kersten, Olaf/Löffler, Hans-Georg/Parchmann, Reinhard/Stoof, Siegfried: Garnisonen der NVA und GSTD. Zur Nutzung der militärischen Standorte von 1871 bis 2010. Verlag Dr. Köster, Berlin 2011/12, 400 S.

2.      Biedermann, Bernd/Löffler, Hans-Georg: Militärs der DDR im Auslandsstudium. Erlebnisberichte – Dokumente – Fakten. Steffen Verlag, Berlin 2012, 336 S.

3.      Wir über uns. Zeitzeugen berichten über die politische Arbeit in der NVA. Eigenverlag, Berlin 2012, 268 S.

4.      Wika, Wolfgang: Mobile Druckereien der NVA. Geschichte eines Propagandamittels. Verlag Dr. Köster, Berlin 2012, 156 S.

5.      Büttner, Rolf (Hrsg.): Die „Chemiker“ der NVA und der Grenztruppen der DDR. Aufgaben, Organisation und Entwicklung der Spezialtruppe Chemische Dienste. Verlag Dr. Köster, 2012, 258 S.

6.      Beßer, Udo, Das Militärerholungswesen in der DDR. Erholungsheime, Ferienlager, Kureinrichtungen. Steffen Verlag, Berlin 2012, 192 S.

7.      Langener, Rainer: Meine Jahre auf dem Schleudersitz. Erinnerungen und Gedanken eines Militärfliegers der DDR. Helios Verlag, Aachen 2012, 292 S.

8.      Maxwitat, Karl-Heinz: MiG-21. Erlebnisse – Fakten – Hintergründe. Edition Berolina, Berlin 2012, 128 S.

9.      Skeries, Manfred/Skeries, Ursula: So war das eben. Ein Lebensbericht. Eigenverlag, Berlin 2010, 450 S. (Format B5)

10.  Müller, Holger: MIG-21. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2012, 224 S.

11.  60 Jahre Jagdfliegergeschwader „Fritz Schmenkel“. Festschrift zum 60. Jahrestag der Indienststellung. MediaScript GbR, Berlin 2012, 28 S.

12.  Flugplatzmuseum Cottbus, Kalender 2013. MediaSript GbR, Berlin 2012

13.  Kirchhainer, Bernd/Reichelt, Dieter/Herrmann, Lothar: 43. Fla-Raketenbrigade „Erich Weinert“. Fakten und Geschichten. Steffen Verlag, Friedland 2012, 384 S.

14.  Herrmann, Lothar: Von der Flak-Artillerie zu den Fla-Raketentruppen. Eine Laufbahn im Fla-Raketen-Ingenieurdienst der Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung. Eigenverlag 2012, 60 S.

15.  Herrmann, Lothar: Waffensysteme der Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung der DDR. Eigenverlag 2012, 60 S.

16.  Herrmann, Lothar: Zur Geschichte der 43. Fla-Raketenbrigade der Luftverteidigung der DDR. Eigenverlag 2012, 60 S.

17.  Herrmann, Lothar: Von „Wasserfall“ zu „Triumph“. Die Entwicklung der russischen Fla-Raketensysteme der Luftverteidigung. Eigenverlag 2012, 60 S.

18.  Herrmann, Lothar: Fla-Raketenkomplex S-300PMU „Angara“. Eigenverlag 2012. 60 S.

19.  „Der Kanonier“. Informationsblatt der Gemeinschaft der 13er e.V. Eigenverlag Parchim (Burghard Keuthe),  Ausgabe 2012

20.   Konferenz zum 50. Jahrestag der Aufstellung der Fla-Raketentruppen in der NVA und der Gründung des FRR-13. Diskussionsbeiträge. Schriftenreihe der Gemeinschaft der 13er,

            Heft 2. Eigenverlag Parchim 2012, 72 S.

21.  Stuppert, Wolf-Rüdiger/Fiedler, Siegfried: Die Funktechnischen Truppen der Luftverteidigung der DDR. Steffen Verlag, Berlin (2013), 352 S.

22.  Bukowski, Helmut/Kleest, Horst: Start und Ziel. Die Geschichte der Allgemeinen Luftfahrt und der Militärfliegerei in Strausberg von 1913 bis heute. Eigenverlag, Strausberg 2012,

            220 S.

23.  Breiler, Klaus: Vom Fliegen und Landen. Zur Geschichte der ostdeutschen Luftfahrt. Passage-Verlag, Leipzig 2012, 328 S.

 

Walter Hundt, geb. 1934, Prof. em. Dr. phil. habil., Direktor a.D. des Brandenburgischen  Entwicklungspolitischen Instituts (BEPI), Oberst a.D. der NVA (Luftstreitkräfte), Mitglied der Gemeinschaft der Flieger deutscher Streitkräfte/Fliegerkreis Berlin-Brandenburg, Mitglied des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e.V. (Walter.Hundt@t-online.de),

(Veröffentlicht unter „Die Luftstreitkräfte der DDR bis 1990“ in: www.lv-wv.de; Beiträge; Aktuelle Beiträge - 7/13  und in: www.nva-forum.de/projekte/dokumente_literatur/dokumente_literatur.htm)

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