Südafrika


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Nelson Mandela - der Mensch hinter der Legende

Quelle: Autor, veröffentlicht in "WeltTrends" Nr. 95 - März/April 2014 

Der Tod Nelson Mandelas im Dezember 2013 war noch einmal Anlass, diese große Persönlichkeit der Zeitgeschichte zu würdigen. Gleichzeitig gab es auch Versuche, Mandela zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren, an seinem politischen Credo zu rütteln. Mandela war kaum beigesetzt, da wurde bereits um sein politisches Erbe gestritten. War der Kämpfer gegen die Apartheid nun vor allem Führer des ANC oder dürfen sich auch andere Parteien mit der Ikone des Freiheitskampfes schmücken? In diesen Diskussionen geht es um die Deutungshoheit über Geschichte, es geht aber auch um den Menschen Nelson Mandela.

Mandelas enger Mitstreiter Denis Goldberg hatte bereits zu dessen 90. Geburtstag gewarnt, mit einer überzogenen Huldigung Mandelas werde auch versucht, den historischen Hintergrund des Befreiungskampfes zu verfälschen. Bei den Trauerfeierlichkeiten für Mandela gab es unter den hochrangigen Gästen einige, die ihn früher als „Terroristen“ verunglimpft und bekämpft hatten. Konservative Medien auch in der Bundesrepublik vergossen Krokodilstränen und vermittelten den Eindruck, Mandela mit seiner ausgestreckten Hand der Versöhnung habe ganz allein die Apartheid überwunden – mit der „Macht der Sanftmut“. Solche Geschichtsklitterung verniedlicht den Charakter des Apartheid-Regimes und leugnet den Befreiungskampf. Es war dieser Befreiungskampf des Volkes unter Führung des ANC, unterstützt von internationaler Solidarität, durch den die Apartheid überwunden wurde. Erst das machte Versöhnung möglich. Mandelas Verdienst war es, als Präsident Südafrikas diese Versöhnung in den Mittelpunkt seiner Politik zu stellen. In Südafrika ist dieser historische Kontext noch sehr lebendig. Auch Mandela wusste sehr wohl, wer den Befreiungskampf seines Volkes unterstützt und wer ihn bekämpft hatte. Bis zu seinem 90. Geburtstag, lange über seine Präsidentschaft hinaus, wurde er selbst noch auf der Terroristen-Liste Washingtons geführt.

Nelson Mandela wurde nicht als Versöhnler oder Pazifist geboren. Er nahm eine lange Entwicklung von Rolihlahla, dem Unruhestifter, so sein afrikanischer Vorname, zum weisen Staatsmann. Der junge Mandela war als kämpferischer Rechtsanwalt vor Gericht gefürchtet. Mit anderen „jungen Wilden“ der ANC-Jugendliga radikalisierte er den damals recht zahmen ANC. Bisherige Kampfformen gegen die Rassenpolitik wurden durch Boykotts, Streiks und zivilen Ungehorsam ergänzt. Nach dem Massaker von Sharpeville 1960 war Mandela einer der Initiatoren und wurde Führer der bewaffneten Widerstandsorganisation Umkhonto we Sizwe, Speer der Nation. Der Gegner, das wegen Menschenrechtsverbrechen geächtete Apartheid-Regime, war zu keiner Aussöhnung bereit. Auf der Gefängnisinsel Robben Island konnte Mandela sich nur behaupten, weil er persönlich stark und moralisch überlegen war. Die langen Jahre der Haft waren ihm eine wichtige Schule. Er ging daraus als moralischer und später auch politischer Sieger hervor. Eine seiner großen Stärken, die Empathie, hat sich hier entwickelt. Er überraschte, als er nach 27 Jahren Haft, Missachtung und Erniedrigung nunmehr die Hand zur Versöhnung ausstreckte. So, wie er einst die Aufnahme des bewaffneten Kampfes betrieben hatte, drängte Mandela 1990 auf dessen Einstellung, trotz damit verbundener Risiken.

Nelson Mandela hat in den ländlichen Weiten der Ostkap-Provinz seine letzte Ruhestätte gefunden, wo er einst zum Mann herangewachsen war und in den traditionellen Strukturen seines Volkes seine persönliche Prägung erfahren hatte. Dort liegen auch Quellen seiner Ausstrahlung, mit der er sich später selbst im Gefängnis Respekt erwarb. Während des Studiums begann sein politisches Engagement, das fortan entscheidend seinen Lebensweg bestimmte. Seine berühmte Rede im Rivonia-Prozess 1964 bleibt unvergessen, als er die Bereitschaft unterstrich, für dieses Engagement auch den höchsten Preis zu zahlen. Das war angesichts eines Staatsanwalts, der seinen Kopf forderte, nicht leichtfertig dahergeredet.

Mandela hat immer wieder überrascht. Er lehnte eine von Bedingungen abhängige Freilassung aus der Haft ab. Aber er ging noch im Gefängnis das Risiko von Verhandlungen mit dem Regime ein, ließ sich jedoch nicht gegen seine Organisation ausspielen. Als Staatspräsident begnügte Mandela sich mit nur einer Amtsperiode, eine weise Entscheidung. Er akzeptierte das Votum der kollektiven Führung des ANC über seine Nachfolge, obwohl Thabo Mbeki nicht sein Favorit war. Später beim Machtkampf Mbeki-Zuma hielt sich Mandela völlig aus den Auseinandersetzungen heraus. Er persönlich erhielt sich seine Integrität und folgte seinen Visionen. Dabei stieß er nicht immer auf Verständnis seiner Anhänger. Seine Bereitschaft zur Versöhnung ging manchem zu weit, so als er den erwähnten Staatsanwalt später wie einen guten Freund empfing.

Madiba, wie man ihn in Südafrika liebevoll nannte, wurden viele Eigenschaften zugesprochen – Weisheit und Intelligenz, Würde, Stolz, und Machtbewusstsein, nicht frei von autoritären Zügen, Mut und auch Großmut, Streben nach Gerechtigkeit, Prinzipienfestigkeit bis hin zum Starrsinn, Humor und vor allem Empathie. Er war aber auch verletzlich. So blieb er verschlossen, wenn es um eigene schwere Erfahrungen ging wie Schicksalsschläge im persönlichen Leben und seine ersten beiden Ehen. Offenbar unter dem Einfluss seiner frühen Erziehung hat er diese Probleme zurückgestellt. In Erinnerung bleibt der offenherzige Mandela, dessen persönlicher Ausstrahlung man sich schwerlich entziehen konnte.

Mandela führte Südafrika als Präsident in einer schwierigen Zeit der Transition. Damals wurden auch umstrittene Entscheidungen getroffen – beispielsweise für eine neoliberal geprägte Wirtschaftspolitik. Er selbst war als Politiker nicht unfehlbar, ihm fehlten 27 Jahre Erfahrungen auf glattem politischen Parkett. So geriet er schon mal in Schwierigkeiten, wenn er einen afrikanischen Diktator hofierte oder erbitterte Feinde zu sofortiger Versöhnung zwingen wollte. Respekt erwarb er jedoch, als er sich prinzipiell jede Einmischung der USA in die Beziehungen Südafrikas zu Kuba und anderen Ländern verbat, die einst den Befreiungskampf des ANC unterstützt hatten. Diese Solidarität hat Mandela nicht vergessen. Einer ostdeutschen Delegation erzählte er, man habe in der ANC-Führung für die Unterstützung der Honeckers im Exil in Chile gesammelt. Der damalige Finanzsekretär des ANC hat das später bestätigt.

Die Erfahrung Solidarität hatte Mandela tief verinnerlicht. Das erfuhr ich schon 1986. Mandela - bereits eine Legende, aber unerreichbar fern hinter Gefängnismauern - wurde die Ehrendoktorwürde der Universität von Simbabwe verliehen. Seine Tochter Zenani, aus Südafrika angereist, nahm in Harare für ihren Vater die Ehrung entgegen. Ich war überrascht, als sie mir erzählte, wie sehr ihren Vater die Zehntausende Geburtstagskarten berührt hatten, die ihm DDR-Kinder ins Gefängnis geschickt hatten. Zwischenmenschliche Beziehungen waren Mandela immer sehr wichtig. Er verblüffte frühere Mitstreiter, wenn er sich nach Jahrzehnten noch genau ihrer familiären Verhältnisse erinnerte. Seine menschliche Wärme ist auch mir in Erinnerung geblieben.

Persönlich begegnete ich Mandela erstmals kurz nach seiner Freilassung 1990. Als umjubelter Ehrengast bei der Unabhängigkeitsfeier Namibias in Windhoek stahl er Politikern aus aller Welt die Show. Beeindruckt hat mich der Wahlsieger Mandela 1994. Am 2. Mai verkündete er damals im Carlton Center in Johannesburg vor ANC-Anhängern und Freunden den Sieg bei den ersten allgemeinen und freien Wahlen Südafrikas. Auf dem Höhepunkt seines kampf- und entbehrungsreichen Lebens blieb der 75jährige an diesem Abend trotz überschäumender Freude seiner Anhänger zurückhaltend und bescheiden. Er gedachte der Opfer des langen schweren Kampfes, dankte allen Mitstreitern und Sympathisanten und fand sofort auch Worte für die ehemaligen Gegner. Er sprach von Versöhnung und vom Miteinander beim Aufbau des neuen Südafrika.

Beim offiziellen Staatsbesuch in Deutschland 1996 wurde in seiner Gegenwart in Berlin die „Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft“ gegründet. Im Haus der Kulturen der Welt sprachen deutsche Redner aus Politik und Wirtschaft ständig nur von Südafrika, sehr zum Unverständnis der Diplomaten aus Nachbarländern der Region. Es blieb dem feinfühligen Gast aus Südafrika vorbehalten, die Betonung auf das gesamte Südliche Afrika zu legen, und so die Gewichte etwas auszubalancieren. Gleichberechtigter Umgang mit Partnern war eine von Mandelas Stärken.

Das Leben Nelson Mandelas ist Teil der Geschichte des Befreiungskampfes in Südafrika gegen das Apartheid-Regime, für Mehrheitsherrschaft und Demokratie. Mandela selbst hat sich immer wieder eingeordnet in die Reihen seiner Mitstreiter in diesem Kampf. Zu ihnen zählte er Walter Sisulu und Oliver Tambo als Freunde und Lehrer.

Nelson Mandela hat in einer sich rasant verändernden Welt mit seinen gelebten Visionen die politische Kultur bereichert und vielen Menschen nicht nur in Südafrika Hoffnung gegeben. Der große Sohn Afrikas war eine der außergewöhnlichen Persönlichkeiten unserer Zeit. Und er war dabei immer Mensch geblieben.

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