Geschichte der DDR-Außenpolitik


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Bock, Prof. Dr. Siegfried / Muth, Ingrid / Schwiesau, Hermann:

"DDR-Außenpolitik im Rückspiegel - Diplomaten im Gespräch"

Auszüge aus den Darlegungen der Herausgeber anlässlich der Präsentation des Buches am 26. April 2004 in Berlin

Ingrid Muth:

Der Band ,,DDR-Außenpolitik im Rückspiegel" veröffentlicht eine Auswahl von 16 Protokollen über Debatten zur Geschichte der Außenpolitik der DDR, die seit Anfang der neunziger Jahre von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe ,,Geschichte der Außenpolitik der DDR" im Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V., Berlin, geführt werden. Dieses Buch hat also viele Väter und, der Vollständigkeit halber, eine Mutter, was sonst nur relativ selten vorkommt.

Einer der Stammväter ist zweifellos Siegfried Bock, ohne dessen unermüdliches Drängen und geduldiges Fordern sich die Arbeitsgruppe ,,Geschichte der Außenpolitik der DDR" wohl längst in Wohlgefallen aufgelöst hätte. Unser besonderer Dank gebührt auch Peter Florin, einem der erfahrensten und dienstältesten Außenpolitiker der DDR, der über lange Jahre hinweg unsere Debatten durch seine Erfahrungen und sein Insiderwissen bereicherte.

Zu den Vätern zählen neben den Mitgliedern der Arbeitsgruppe auch jene ehemaligen Kollegen, die die Mühe auf sich nahmen, über ihr Arbeitsgebiet zu referieren sowie Wissenschaftler, die u.a. auf ihre Forschungen am Institut für Internationale Beziehungen in Potsdam-Babelsberg zurückgreifen konnten.

Die letzte Wegstrecke begleitete uns kompetent, unkompliziert und zuverlässig der LIT-Verlag Münster, dessen Berliner Vertreter, Herrn Hopf, ich heute Abend als Mitveranstalter der Buchpräsentation unter uns herzlich begrüße.

Und weil ich in diesem Kreis die einzige Frau bin, ergab sich die biologisch seltsame Konstellation von den vielen Vätern und einer Mutter.

Gestatten Sie, daß ich Ihnen nun unser Buch kurz vorstelle.

Wie es sich gehört, haben wir unsere Beweggründe, mit diesem Buch an die Öffentlichkeit zu treten, in einem Vorwort relativ ausführlich dargelegt. Als Überschrift wählten wir den Satz ,,Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Geschichte". Die Frage, wie sich Zeitzeugen der Geschichte nähern, wie sie mit einer Vergangenheit umgehen, die aufs engste mit der eigenen Biographie verknüpft ist, zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch.

Inhaltlich befasst sich das 1. Kapitel mit Grundfragen der Außenpolitik, etwa mit den außenpolitischen Interessen des Staates DDR, seiner Einbindung in die Blockkonfrontation der Nachkriegsära, mit den einzelnen Etappen der vierzigjährigen Geschichte, mit dem Kampf um Anerkennung der DDR, ihrer Friedenspolitik oder der Rolle der DDR im KSZE-Prozess.

Ein 2. Kapitel untersucht die bilateralen Beziehungen zu fünf Staaten, die für die DDR stets von besonderem Gewicht waren, so die Beziehungen der DDR zur UdSSR in den Jahren 1985 bis 1990, die deutsch-deutschen Beziehungen nach dem Grundlagenvertrag, die Rolle der USA in der Außenpolitik der DDR sowie die Beziehungen zur Volksrepublik China und zur Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien.

Ein drittes Kapitel widmet sich regionalen Aspekten: der Interessenlage der DDR in Afrika, im arabischen Raum, in der Region Süd- und Südostasien und in Lateinamerika.

Jeder hier im Raum wird jetzt wichtige Themen vermissen - die Arbeit der DDR im UNO-Bereich, die Beziehungen zu den sozialistischen Bruderländern, zu Nord- und Westeuropa, das Engagement der DDR in Abrüstungsgremien, um nur einige zu nennen. Zu den meisten Stichwörtern liegen bereits Protokolle vor, die wir schweren Herzens zurückstellen mussten. 350 Seiten sind das Maximum dessen, was man noch zu einem akzeptablen Preis anbieten kann.

Wir haben unserem Buch den Titel ,,DDR-Außenpolitik im Rückspiegel" gegeben. Dahinter mag man, sicher nicht ganz zu Unrecht, eine gewisse Rückversicherung vermuten. Wir sind keine Historiker, die auf der Basis gesicherter Quellenstudien und einer wissenschaftlichen Konzeption gearbeitet haben. Hier äußern sich Zeitzeugen, die einzelne Facetten beleuchten, Fragen und Zweifel einbringen, zum Teil unterschiedlicher Meinung sind. Wir hatten nicht den Ehrgeiz, jedes Kapitel abschließend zu bewerten. Wir wollten einfach Fragen beantworten, die jeder mit sich herumtrug: Wie war das damals? Warum ist die Geschichte so und nicht anders verlaufen? Gab es eigentlich eine Alternative?

Dies bestimmte schließlich auch die Form und den Stil des Buches. Beides mag beim flüchtigen Durchblättern zunächst auf Verwunderung stoßen, beim Lesen vielleicht gewöhnungsbedürftig sein. Inhalt und Form stehen einem Konferenzbericht näher als einem Sammelband mit Autorenbeiträgen zur Außenpolitik. Wir haben uns in der Arbeitsgruppe ,,Geschichte der Außenpolitik der DDR" trotzdem auf die weitgehend authentische Wiedergabe der Diskussionen geeinigt, weil wir so am ehesten unsere Annäherung an 40 Jahre Außenpolitik eines Staates, dem wir uns verbunden fühlten, nachvollziehbar machen konnten.

Eine Bilanz der DDR-Forschung seit 1990 (Eppelmann, Faulenbach, Mählert [Hg.]: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S.5 14ff) zählte im vorigen Jahr 89 Titel zur Außen- und Anerkennungspolitik der DDR auf, dazu 64 Titel, die sich, ich zitiere, mit dem ,,Kalten Krieg und der Deutschen Frage - der internationalen Perspektive" beschäftigen und 121 Titel, die der Deutschlandpolitik und den deutsch-deutschen Beziehungen gewidmet sind. Da möchte, könnte man kleinmütig fragen, was soll da eigentlich noch unser Buch? Oder marktwirtschaftlich, wo bleibt unsere Nische, unser Marktanteil? Oder die Frage stellen, wo liegt unsere Verantwortung und unsere Herausforderung zum Mitwirken an der zeithistorischen Geschichtsschreibung? Alle Autoren waren Mitarbeiter im außenpolitischen Apparat der DDR. Sie haben über eine lange Wegstrecke hinweg die Außenpolitik der DDR hautnah erlebt, in unterschiedlichem Maße mitgestaltet und umgesetzt. Sie kennen die Hoffnungen und Niederlagen, die Sachzwänge und Abhängigkeiten, denen die Politik damals unterlag, die Erfolge und deren Relativität, betrachtet man sie aus heutiger Perspektive. Gerade im letzteren lag eine der Hauptschwierigkeiten beim Umgang mit der Geschichte. Aus welcher Perspektive nähert man sich der der Vergangenheit? In Kenntnis des historischen Ablaufs - trotzdem vom Anfang her, vom Aufbruch der DDR 1949 -, des Kampfes um internationale Anerkennung, des Strebens um Mitverantwortung an europäischer Sicherheitspolitik und schließlich des Scheiterns 1989/90. Das birgt die Gefahr in sich, damaliges Handeln zu entschuldigen, man habe nicht anders handeln können. Oder man betrachtet und bewertet die Vergangenheit von vornherein aus der Optik des Zusammenbruchs und vom Stand der heutigen internen Kenntnisse der Machtverhältnisse. Das wiederum kann dazu verführen, damaliges Handeln vorzuverurteilen.

Wir haben den ersten Weg der Annäherung gewählt und versucht, möglichst viele Mosaiksteine zusammenzutragen, die die Motive des außenpolitischen Handelns, die Widersprüche zwischen Ideologie und Realität, die Auseinandersetzungen im Hintergrund sichtbar machen, kurz: vieles von dem, was wir damals aus den Konzeptionen, Vermerken und Abschlußberichten herausgelassen haben, was nie notiert wurde und nur im Gedächtnis der Zeitzeugen lebt.

Einiges davon zu bewahren ist das Anliegen der Autoren dieses Bandes. Er ersetzt keine wissenschaftliche Analyse, kann aber die Konturen hinter den trockenen Archivmaterialien schärfen und das ,,wärmende Unterfutter für eine erzählende Geschichtsschreibung" liefern. So ordnete Johannes L. Kuppe, der seit den siebziger Jahren aus der Perspektive der Bundesrepublik die DDR-Außenpolitik analysierte, die Funktion von Aufzeichnungen ehemaliger DDR-Diplomaten in die zeithistorische Forschung ein (ebenda, S.322).

Ich verstehe dies als eine Aufforderung, unseren Anteil an der Aufarbeitung der Vergangenheit wahrzunehmen und wünsche mir, daß unser Buch in diesem Sinn verstanden wird und zahlreiche Leser findet.

Herausgeber und Autoren danken dem Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V., Berlin, der die Arbeitsgruppe ,,Geschichte der Außenpolitik der DDR" seit über einem Jahrzehnt materiell und ideell unterstützte und damit eine kontinuierliche Arbeit und die Herausgabe dieses Buches mit ermöglichte.

Prof. Dr. Siegfried Bock, Präsident des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e.V.:

Es war von seiner Gründung an - neben seinem Charakter als Berufsverband von Diplomaten und seinem Bestreben, Meinungen zu aktuellen internationalen Entwicklungen zu verbreiten - ein Anliegen des Verbandes, sich mit der Außenpolitik der DDR, jenes Staates, in dem die Mehrheit seiner Mitglieder viele Jahre gelebt und gearbeitet haben, auseinander zu setzen. Dabei ging es in allen Debatten im Rahmen des Verbandes über die Außenpolitik der DDR um eine allseitige und kritische Bewertung dieses Politikbereiches und nicht um nostalgische Gefühle und die Bildung von den realen Ablauf der Geschichte verfälschenden Legenden. Dieses Herangehen bestimmte auch die Diskussionen im Verband, deren Ergebnis das nunmehr vorliegende Buch ist.

Am Ende der Existenz der DDR standen wir der Entwicklung weitgehend rat- und hilflos gegenüber. Das bezog sich in erster Linie auf die Frage, was zu diesem Ende der DDR geführt hat. Lag die Ursache dafür allein in den Defiziten des Systems oder war es die Politik und insbesondere die Außenpolitik, die dafür den Ausschlag gab. Es beschäftigte uns über Jahre hinweg die Frage nach der Rolle der Außenpolitik beim Aufstieg und Fall dieses Staates. Dabei ging es uns auch um die Bilanzierung unserer eigenen Lebensarbeit. Dafür, dass wir eine solche Bilanz ziehen und damit, wie das vorgelegte Buch beweist, in die Öffentlichkeit gehen, müssen wir uns vielleicht rechtfertigen, aber nicht entschuldigen. Wir sind Zeitzeugen und in einem bestimmten Rahmen Mitgestalter einer Entwicklung, die über ein halbes Jahrhundert die Geschicke Europas geprägt hat und die von großem Einfluss auf die Weltpolitik war. Es ist ein erfolgloses Unterfangen, die DDR und damit auch ihre Außenpolitik aus der Geschichte ausblenden oder auf eine Fußnote reduzieren zu wollen. Ein solches Bemühen verträgt sich nicht mit einer objektiven Geschichtsbetrachtung, die positive und negative Aspekte gleichermaßen aufzeigt und die wir immer angestrebt haben.

Natürlich beanspruchen wir nicht die Deutungshoheit über diesen Teil deutscher Geschichte. Wir wollen mit unserem Buch zur Darstellung dieser Geschichte einen Beitrag leisten, der sich nicht nur auf das Studium von Akten, sondern auf eigenes Erleben stützt. Wir schätzen schriftliche Hinterlassenschaften nicht gering, aber wir wissen aus unserer Berufserfahrung, dass Akten - Protokolle, Vermerke, Notizen - nicht selten oberflächlich angefertigt wurden und beachtenswerte Aspekte ausblenden.

Wir haben die Jahre seit der Wende genutzt, über die Außenpolitik der DDR nachzudenken und über die Ergebnisse dieses Nachdenkens miteinander zu diskutieren. Wenn wir das Buch jetzt vorlegen, dann auch deshalb, weil offensichtlich das allgemeine Interesse an der Existenz der DDR und ihrem außenpolitischen Handeln wieder zugenommen hat. Das zeigt sich an der Zahl der sich mit dieser Thematik beschäftigenden nationalen und internationalen Konferenzen, zu denen wir Einladungen erhalten, und ebenso an Forschungsarbeiten junger Wissenschaftler. Dabei verdient Aufmerksamkeit, dass Letztere sich um Sachlichkeit und Objektivität bemühen und sich damit abheben von jenen älteren Wissenschaftlern, die sich offenbar von den Klischees aus den Zeiten des Kalten Krieges und der Systemauseinandersetzung nur schwer lösen können.

Das Buch ist keine in sich geschlossene Geschichte der Außenpolitik der DDR, geht aber bei den behandelten Themen vom zeitlichen Geschichtsablauf aus. Es gliedert sich in die Gründungsphase, in die Epoche der Normalisierung und Konsolidierung der internationalen Beziehungen der DDR und in den Abschnitt der Stagnation und des Unterganges. Herausgestellt werden die Beziehungen zu den Schwerpunktländern, UdSSR, BRD, USA, China und Jugoslawien, als einer der Führungsmächte der dritten Welt, und zu den wichtigsten weltpolitischen Regionen, zu Afrika, dem arabischen Raum, Süd- und Südostasien sowie Lateinamerika.

Andere bedeutsame Felder des außenpolitischen Wirkens der DDR, so das Verhältnis zu den östlichen Nachbarstaaten, zu Frankreich, Großbritannien, Italien und den nordischen Ländern ebenso wie multilaterale Bereiche, das Eintreten für Abrüstung und Sicherheit, der Beitrag zur Entwicklung des Völkerrechtes und anderes mehr, sind einer weiteren Publikation vorbehalten. Die getroffene Auswahl der Themenfelder widerspiegelt jedoch die Hauptprobleme, mit der die Außenpolitik der DDR konfrontiert war, sowie den Charakter und die Besonderheiten der internationalen Stellung der DDR.

Die DDR war keine Großmacht und kein Hauptakteur in der Weltpolitik, aber auch kein Entwicklungsland oder ein territorialer Randstaat. In der internationalen Rangfolge gehörte sie von ihrer ökonomischen Potenz her zum oberen Drittel. Ihr Gewicht resultierte auch aus ihrer territorialen Lage im Herzen Europas und ihrer Stellung im Rahmen des östlichen politisch-militärischen und ökonomischen Bündnissystems. Die DDR war nicht nur schlechthin Teil, sondern ein Eckpfeiler des europäischen Status quo, der über Jahrzehnte hinweg die Grundlage der europäischen Sicherheit und der internationalen Kräftebalance war. Sie war hineingestellt in die europäische Situation, die im Ergebnis und der Folgen des II. Weltkrieges entstanden war. Sie war nicht die Ursache, sondern eine Folge der Spaltung Deutschlands. Die Spaltung Deutschlands war ein Ergebnis der Politik der Hauptmächte der Anti-Hitler-Koalition und der Kräfte in Deutschland, die lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze halb wollten. Die Diskussionen um das Buch haben immer wieder erkennen lassen, dass jene ausländischen Diplomaten in der Minderheit waren, die die Existenz der DDR als eine Bedrohung des europäischen Friedens empfunden haben.

Die Höhepunkte der Außenpolitik der DDR und deren erfolgreichste Zeit lagen einerseits in der Gründungsphase und anderseits in der Epoche der Normalisierung und Konsolidierung der internationalen Beziehungen. In der Gründungsphase insbesondere deshalb, da in dieser Zeit eine Annäherung und Verständigung mit jenen osteuropäischen Staaten erfolgte, die besonders unter dem II. Weltkrieg gelitten hatten. Es war angesichts der leidvollen Erfahrungen der Zwischenkriegszeit eine Anerkennung verdienende Leistung der Außenpolitik der DDR, sich konsequent gegen den Revanchismus und Revisionismus gegenüber den Ergebnissen des II. Weltkrieges gestellt zu haben. Eine der ersten außenpolitischen Aktionen der DDR war der Abschluss des Grenzabkommens mit Polen. Bekanntlich hat der andere deutsche Staat zwei Jahrzehnte gebraucht, sich diesem Schritt anzuschließen.

In der Phase der Normalisierung der internationalen Beziehungen der DDR erfüllte die Außenpolitik zügig die Aufgabe, gleichberechtigte und völkerrechtlich korrekte Beziehungen zu all jenen Staaten herzustellen, die dazu bereit waren,. Das erfolgte weitgehend problemlos und zur Zufriedenheit der Partnerstaaten, von denen zahlreiche nach dem Zusammenbruch des Kolonialismus neu entstanden waren und für die die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DDR ein Schritt in die Richtung auf Einbeziehung in die allgemeine Staatengemeinschaft war. Soweit es Diskussionen mit einzelnen Staaten gab, betrafen diese Vermögensansprüche und Entschädigungsforderungen. Das waren für die DDR angesichts ihrer materiellen und finanziellen Schwierigkeiten komplizierte Probleme: Dennoch hätte es der DDR gut zu Gesicht gestanden, hier nach Lösungen zu streben, die auch für die Partner akzeptabel gewesen wären.

In diese Normalisierungsphase fällt auch der international anerkannte Beitrag der Außenpolitik der DDR beim Übergang vom Kalten Krieg zur Entspannung. Die DDR gehörte zu den Initiatoren der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und der Ausarbeitung der Schlussakte von Helsinki. Dieses bedeutsame Dokument übte einen wesentlichen Einfluss auf die Gewährleistung der internationalen Sicherheit und den weiteren Ausbau der Zusammenarbeit auf vielen Gebieten zwischen den Partnern der KSZE aus. Leider setzte die DDR den konstruktiven Kurs in der Außenpolitik nicht fort, den sie in der Phase des Zustandekommens der Schlussakte eingeschlagen hat. Sie geriet deshalb von Folgekonferenz zu Folgekonferenz der KSZE immer stärker in die Defensive. Sie erkannte in der Schlussakte nicht den dynamischen Gehalt und stellte sich dem allgemeinen Entwicklungstrend entgegen. Eine Schwäche der DDR-Außenpolitik bestand auch darin, dass von ihr wenig Einfluss auf die innere Entwicklung im Lande ausging. Während in den internationalen Beziehungen Verständnis für Realitäten und Konsensbereitschaft vorhanden waren, fehlte es daran in der Innenpolitik.

Es sind zwei Aspekte, die die Besonderheiten der Außenpolitik der DDR gegenüber der Außenpolitik anderer Staaten verdeutlichen. Das ist zum einen die über alle Jahre der Existenz hinweg anhaltende Konfrontation mit dem anderen deutschen Staat, der BRD. Der von ihr vertretene Alleinvertretungsanspruch stellte durchgängig die Existenz der DDR in Frage. Mit Hilfe der so genannten Hallsteindoktrin wurde zwei Jahrzehnte die Einbeziehung der DDR in die internationale Staatengemeinschaft entscheidend behindert. Auch nach dem Wegfall dieser Doktrin und dem Abschluss des Vertrages über die Grundlagen der gegenseitigen Beziehungen blieb der Druck auf die DDR und ihre Außenpolitik im Prinzip bestehen. Als belastend für die Außenpolitik der DDR nach Wegfall der Hallsteindoktrin erwies sich auch, dass die im Vorfeld der Anerkennung bei zahlreichen Partnerstaaten erzeugten Erwartungen hinsichtlich des Ausbaues der Beziehungen angesichts der mangelnden Leistungsfähigkeit der DDR nur bedingt erfüllbar waren.

Die zweite Besonderheit der Außenpolitik der DDR bestand in einer über das normale Maß hinausgehenden Bindung an die Führungsmacht im Bündnis, die UdSSR. Für die Sicherung der Existenz der DDR war die Einbindung in die östlichen Bündnisse und das enge Verhältnis mit der UdSSR unverzichtbar. Unterschiedliche Interessen und Verantwortungen, Meinungsverschiedenheiten in einigen Bereichen und fehlerhaftes Verhalten im Umgang miteinander engte den außenpolitischen Spielraum der DDR ein und verhinderte die Erörterung und Lösung herangereifter Probleme. Das zeigt sich besonders bei der Gestaltung des deutsch-deutschen Verhältnisses.

Wir haben bei der Darstellung und Beurteilung der Außenpolitik der DDR den Einwand nicht gelten lassen, die einzelnen Abläufe hätten wegen Abhängigkeiten, Bündnisverpflichtungen oder der Großwetterlage nicht anders sein können. Erstens gab es Vorgänge, wo die DDR nach ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Interessenlage eigenständig gehandelt hat. Aber es gab auch bei anderen, meist gewichtigeren Angelegenheiten abweichende Handlungsvarianten, die mit den Interessen der DDR stärker übereinstimmten als das tatsächliche Verhalten. Für zahlreiche Fälle wurde das in dem vorgelegten Buch dargestellt.

Dr. Hermann Schwiesau:

Wer die vorliegende Publikation liest, wird nicht umhin kommen, der DDR-Außenpolitik zu attestieren, dass sie um die Erhaltung und Sicherung des Friedens und die Verständigung zwischen den Völkern bemüht war und dass sie dabei Ergebnisse erreicht hat, die auch heute noch mit gutem Gewissen vorzuzeigen sind. Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, dass das Ansehen der DDR auf internationaler Ebene, die Anerkennung ihrer Leistungen in der internationalen Politik auch dann noch groß waren, als die Krise im Innern der DDR schon weit fortgeschritten war und die Weiterexistenz dieses Staates zunehmend in Frage stellte.

Aber der rasche Verlust der Glaubwürdigkeit der Führung der SED und des Staates beim Volk konnte nicht ohne Folgen für die internationale Politik der DDR bleiben. Die Autoren dieses Buches haben das an zahlreichen Beispielen dargestellt. Ich möchte auf eines dieser Beispiele Bezug nehmen. Während in den Beziehungen der DDR zur BRD Entspannung und zunehmende Normalität im Umgang miteinander Platz griffen, führte gleichzeitig die Distanzierung vom innenpolitischen Kurs Gorbatschows und auch von Teilen seiner Außenpolitik zu Spannungen im Verhältnis zur SU, dem Hauptverbündeten der DDR und letztlich Garanten ihrer Existenz als souveräner Staat. Darauf haben besorgte Diplomaten der DDR schon frühzeitig aufmerksam gemacht. Aber die Führung der DDR erkannte diese Gefahr nicht oder wollte sie nicht erkennen. Die Konsequenzen sind bekannt. Ich kann für mich sagen, dass ich angesichts des Zusammenbruchs des Staates, dem ich mein ganzes Berufsleben lang gedient habe, keinerlei Genugtuung darüber empfinde, dass auch der Kurs Gorbatschows gescheitert ist.

Die Effizienz der Außenpolitik der DDR war immer eng mit dem Grad ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit verbunden. Je mehr diese Leistungsfähigkeit – die übrigens zu keinem Zeitpunkt den internationalen Anforderungen an die DDR entsprach – abnahm, desto mehr wurde auch der außenpolitische Handlungsspielraum der DDR eingeengt. Und als die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer fühlbarer und das Demokratiedefizit immer sichtbarer wurden, ohne dass Aussicht auf eine Änderung bestand, sahen viele DDR-Bürger ihr Heil nur noch in der Flucht in die BRD. Nur wer die tatsächliche Lage in der DDR ignorierte, konnte über das Ausmaß der Fluchtwelle im Sommer und Herbst 1989 überrascht sein. 1987 – im Jahr des Honecker-Besuchs in der BRD – lagen 105.000 Anträge von DDR-Bürgern auf Ausreise in die BRD vor. 87 % der Antragsteller waren jünger als 40 Jahre.

Als Ungarn dann die Grenzen zu Österreich öffnete, gab es kein Halten mehr. Ich war damals kein passiver Zuschauer. Als Leiter der Abt. Benachbarte Länder im MfAA hatte ich mit diesen Ereignissen unmittelbar zu tun. Während DDR-Bürger massenhaft über die ungarische Grenze nach Österreich rannten, als sei der Teufel hinter ihnen her, als Tausende DDR-Bürger über die Umzäunung der BRD-Botschaft in Prag kletterten, mit Kindern und Kinderwagen, als in Warschau DDR-Bürger in die BRD-Botschaft flüchteten und von dort von katholischen Hilfsorganisationen zunächst in kirchlichen Einrichtungen untergebracht wurden, als in Berlin in der Ständigen Vertretung der BRD und der Botschaft der USA DDR-Bürger ihre Ausreise in die BRD erzwingen wollten und sich weigerten, die Vertretungen zu verlassen, war die Führungslosigkeit in der DDR mit Händen zu greifen. Die Reaktionen der SED- und Staatsführung waren geradezu grotesk. Mit Ungarn wurde eine öffentliche Polemik ausgetragen, anstatt zumindest über Schadensbegrenzung miteinander zu reden. Als man sich schließlich wenigstens um einen Modus vivendi bemühte – Anfang Oktober 1989 in Budapest – war es zu spät.

Auch die Beziehungen zur CSSR waren belastet. Die auf Veranlassung der DDR erfolgte Schließung der Grenze zwischen der Slowakei und Ungarn führte dort zu tumultartigen Szenen. Der visafreie Reiseverkehr für DDR-Bürger in die CSSR wurde, wie amtlich verlautbart, "zeitweilig ausgesetzt". Die Situation der DDR-Bürger in der DDR-Botschaft in Prag wurde unhaltbar. Schließlich erfolgte die Ausreise dieser Menschen in die BRD unter für die DDR demütigenden Bedingungen, vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Die völlig unsinnige Entscheidung, die Züge mit den DDR-Flüchtlingen über DDR-Gebiet zu leiten, führte zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. So blockierten z. B. am 4. Oktober 1989 20.000 Menschen den Dresdner Hauptbahnhof und die Vorplätze. Im Ergebnis des Polizeieinsatzes gab es zahlreiche Verletzte. Die unter chaotischen Umständen erfolgte Grenzöffnung am 9. November 1989 demonstrierte vor aller Welt das Scheitern der politischen Konzeption, die seit Gründung der DDR von allen Führungsgremien dieses Staates verfolgt worden war. Kernpunkt war das Scheitern in der nationalen Frage. Was mit dem Grundlagenvertrag von 1972, der UNO-Mitgliedschaft 1973, der KSZE-Schlussakte von 1975 erreicht wurde, war verspielt. Fortan ging es nicht mehr um die Frage, ob die DDR als souveräner Staat auf Dauer existieren konnte, sondern bestenfalls um die Hinauszögerung ihres Endes, um Zeiträume und Modalitäten ihres Untergangs. Und damit standen wir auch in der Außenpolitik vor einem Scherbenhaufen. Die Besorgnis, die nicht wenige Mitarbeiter im außenpolitischen Dienst der DDR in der 2. Hälfte der 80-er Jahre geäußert hatten, hatte sich nicht nur als berechtigt erwiesen, sie war von der Entwicklung bei weitem übertroffen worden. Die Frage, ob diese Entwicklung hätte verhindert werden können, zieht sich wie ein roter Faden durch die Beiträge in der hier vorliegenden Publikation.

Es ist dieses Bild des Zusammenbruchs, das den Kräften, die die Politik der DDR in Bausch und Bogen verdammten, Auftrieb gab in ihrem Bemühen, die DDR als Unrechtsstaat darzustellen, die die Endphase für das Ganze nehmen und die DDR in ihrer Gesamtheit delegitimieren wollten und noch immer wollen. Dieses Herangehen bestimmte auch die Haltung gegenüber den Akteuren der Außenpolitik, den DDR-Diplomaten, deren Kenntnisse und Fähigkeiten nicht mehr gefragt waren, die zum Teil sogar verunglimpft wurden, denen unterstellt wurde, sie hätten Menschenrechtsverletzungen begangen, sie seien nicht fähig, in einem demokratischen Staatswesen zu arbeiten, gleich an welcher Stelle. Das bekamen auch die ca. 400 Diplomaten zu spüren, die sich für eine Weiterbeschäftigung im Auswärtigen Amt eines vereinigten Deutschlands beworben hatten, ganz gleich, ob es sich um Mitarbeiter mit langjähriger Tätigkeit im MfAA der DDR oder um junge Mitarbeiter handelte, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatten und nun mit ihrer Spezialausbildung vor dem beruflichen Aus standen. Ein Teil der Mitarbeiter fand – weit unter ihrer beruflichen Qualifikation – Arbeit in Versicherungsgesellschaften oder ähnlichen Branchen. Eine Beschäftigung im Staatsdienst, auch im kommunalen Bereich, blieb ihnen verschlossen. Sie wurden diskriminiert und ausgegrenzt. Ein Einsatz in verantwortlichen Positionen in internationalen Organisationen und Gremien wurde ihnen – auch wenn sie den gestellten Anforderungen entsprachen – durch BRD-Vertreter verwehrt. Es verfestigte sich der Eindruck, dass alte Rechnungen aus der Zeit der Hallstein-Doktrin beglichen werden sollten.

Aber es gab auch Persönlichkeiten der BRD, die sich für die DDR-Diplomaten einsetzten. Sie stellten die Interessen des Staates in den Vordergrund, erkannten das brachliegende ungenutzte Potenzial und seine Bedeutung für die deutsche Außenpolitik der Zukunft und versuchten, es nutzbar zu machen. Ihre Distanz zum politischen System der DDR verführte sie nicht dazu, das "Kind mit dem Bade auszuschütten". Sie warnten vor Ausgrenzung von Personen und Fachwissen. Die Entwicklung hat gezeigt, dass sie Recht hatten. Mit dem Abstand von 15 Jahren sehen das heute auch damals verantwortliche Politiker und Beamte, die ihr Bedauern über ihre damals eingenommene Haltung äußern. Aber das sind Erkenntnisse "post festum", die an der Sachlage nichts mehr ändern.

Nicht wenige Vertreter anderer Staaten äußern heute noch Anerkennung und Respekt für die außenpolitischen Leistungen der DDR auf zahlreichen Gebieten. Sie tun dies auch öffentlich und würdigen dabei die Arbeit der DDR-Diplomaten, die nicht wenig dazu beigetragen haben, dass die Beziehungen der BRD zu einer Reihe von Staaten, z. B. in Südostasien, im arabischen und afrikanischen Raum, auch in Lateinamerika sich heute auf einer guten Grundlage positiv entwickeln. Die ehemaligen Diplomaten der DDR, die sich aktiv am politischen Leben beteiligen, sind gesuchte Gesprächspartner.

Dies ist auch ein Ergebnis der Haltung eines beträchtlichen Teils der DDR-Diplomaten nach der politischen Wende, die sich nicht in ein Schneckenhaus zurückzogen, sondern sich nach Maßgabe ihrer Kenntnisse und Erfahrungen in der politischen Diskussion in unserem Lande und im Ausland zu Wort melden. Sie tun dies in vielfältigen Formen, so

Schließlich ist auch die Arbeit des VIP, ursprünglich als Interessenvertretung der Berufsdiplomaten der DDR Anfang 1990 gegründet, ein Beispiel für die engagierte Teilnahme der DDR-Diplomaten am politischen Leben in Deutschland. Die öffentlichen Veranstaltungen des Verbandes finden regen Zuspruch. Sie werden als Quellen für Informationen aus erster Hand wie als Foren für Diskussionen geschätzt. Heute legen wir ein weiteres Ergebnis vor, das durch die Unterstützung dieses Verbandes möglich gemacht wurde.

Die Autoren und Herausgeber bitten darum, diese Publikation so aufzunehmen, wie sie verfasst wurde, nach dem bewährten Grundsatz, der schon in der Antike galt: "sine ira et studio" – ohne Hass und parteiischen Eifer.