25 Jahre Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V.

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Pfeiffer, Otto:

Vorwort zu "DDR-Diplomaten und die deutsche Einheit - 25 Jahre Verband für Internationale Politik und Völkerrecht"

Heft 52 der "Blauen Reihe - Schriften zur internationalen Politik", herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V., Mai 2015

Dieser neue Band der „Blauen Reihe" des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht, der aus Anlass seines 25. Gründungsjubiläums erscheint, thematisiert Aspekte der Verhandlungs- und Entscheidungsprozesse bei der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Er enthält bisher weitgehend unveröffentlichte Erinnerungen von DDR-Diplomaten und Dokumente. Es geht um den Einigungsvertrag, die Zwei-plus-Vier-Gespräche, die Vereinten Nationen, Erwartungen, die bei östlichen Nachbarstaaten und in Entwicklungsländern bestanden.

Der Leser wird einen Einblick gewinnen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielen unser Verband entstanden ist, wie sich die Konstellationen im Außenministerium der DDR unter den beiden letzten Außenministern gestalteten und wie das Auswärtige Amt die Angehörigen des diplomatischen Diens­tes der DDR zielstrebig ausgrenzte.

Dabei hatten die DDR-Diplomaten auch im Vereinigungsprozess auf internationaler Ebene eine nicht wegzudenkende Rolle gespielt. Sie bemühten sich um eine akzeptable internationale Einbettung dieses Prozesses, insbesondere um friedenspolitisch vernünftige Entscheidungen im Interesse der Stabilisierung von europäischer und internationaler Sicherheit. Heute wird all das nicht mehr erwähnt.

Die Initiative zur Verbandsgründung fiel in die Zeit des deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses. Die Mitarbeiter des Außenministeriums waren damals politisch und persönlich mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert: Sie mussten ihren Beitrag zur Regelung der internationalen Aspekte dieses Zusammenschlusses leisten, und jeder von ihnen hatte um seine eigene Zukunft zu ringen. Was lag näher, als sich in jener Situation zusammenzuschließen. Zur Wahrung der Interessen bedurfte es einer mobilisierenden, demokratischen Basisorganisation. Es galt, dafür zu kämpfen, dass sich das diplomatische Personal der DDR auch in einer neuen gesellschaftlichen Situation seiner Qualifikation entsprechend würde einbringen können. Schließlich war in gründlicher Ausbildung und jahrzehntelanger Tätigkeit ein umfangreicher Fundus bewährter Erfahrungen auf internationalem Parkett, im Umgang mit fremden Menschen und Kulturen sowie spezialisierter Länder- und solider und vielfältiger Fremdsprachenkenntnisse erworben worden.

Die Vorstellungen, wie die persönliche Zukunft aussehen könnte, unterschieden sich durchaus. Sehr wenige glaubten an die Möglichkeit der geradlinigen Fortsetzung ihrer beruflichen Laufbahn; die meisten rechneten mit einer Chance, ihr Können andernorts in berufsverwandten Tätigkeiten anwenden zu können; die absoluten Pessimisten waren anfänglich in der Minderheit. Die auf völlige Ausgrenzung gerichteten Pauschalentscheidungen der maßgeblichen Politiker der regierenden CDU/CSU-FDP-Koalition sollten ihnen aber letztlich Recht geben.

Doch Resignation war keine Option für Enthusiasten, denen der Beruf zugleich zur Berufung geworden war. Neben ihrem Erfahrungspotential verfügten die DDR-Diplomaten über einen wichtigen Vorzug: die Innensicht auf die außenpolitischen Prozesse, an denen sie beteiligt gewesen waren. Gerade in Zeiten sklavischer Aktengläubigkeit ist der Zeitzeuge und Akteur unverzichtbar. Er kann historische Vorgänge zutreffender bewerten als der Archivleser, dem verschlossen bleibt, was nicht aktenkundig gemacht wurde. Der Verband war stets bestrebt, den Schatz der Zeitzeugenschaft seiner Mitglieder, Freunde und ehemaligen Partner zu heben und in seine Veranstaltungsprogramme und Publikationen einfließen zu lassen.

Die Berufung erschöpfte sich in den Jahren nach der Vereinigung jedoch nicht in der Bewertung des Vergangenen. Sie schloss das Mitdenken aktueller internationaler Prozesse, die Information über außenpolitische Konzepte anderer und die unvoreingenommene Auseinandersetzung mit ihnen ein - unter Einbeziehung eines möglichst breiten politischen Spektrums und der Gewinnung von authentischen Informationen aus vielfältigen Quellen: von Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen, von Vertretern unterschiedlicher Parteien oder von in Berlin akkreditierten Vertretern anderer Staaten. So konnte manche Veranstaltung zu einem auch von unseren Gästen geschätzten Forum des fruchtbaren Meinungsaustauschs werden.

Doch selbst seine „Gründerväter" hätten nicht erwartet, dass der Verband 25 Jahre nach jenen Februartagen des Jahres 1990, als sie ihn aus der Taufe hoben, noch existieren würde. Das ist - so sehen es wohl viele Vereinsmitglieder und Freunde - in der Tat ein erstaunliches Faktum, ja, fast ein Wunder. Daher lohnt der Rückblick sowohl auf die Umstände der Gründung als auch auf die geleistete Arbeit, wenngleich der begrenzte Umfang dieser Publikation nicht allen Facetten der Verbandshistorie Platz bietet.

Dem Leser des vorliegenden Heftes wird nicht entgehen, welch inhaltlicher Wandel sich vollzog vom ursprünglichen „Verband der Berufsdiplomaten der DDR" - einst als Interessenvertretung einer Berufsgruppe gedacht - bis zum heute tätigen gemeinnützigen Verein mit seinem Ziel, „zur Verständigung zwischen den Völkern, zur Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Staaten, zur Schaffung einer friedlichen Welt und zur umfassenden Durchsetzung der Menschenrechte beizutragen", wie es in seiner Satzung heißt. Die Ergebnisse der Tätigkeit des Verbandes sind jedenfalls Grund genug, die Arbeit auch in Zukunft fortzuführen, das Wunder also andauern zu lassen.

 

Otto Pfeiffer                                                                             Berlin, Mai 2015

Präsident des Verbandes

für Internationale Politik und Völkerrecht e. V.

 

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