25 Jahre Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V.


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Schwiesau, Hermann:

Hilfe zur Selbsthilfe

Beitrag in: "DDR-Diplomaten und die deutsche Einheit - 25 Jahre Verband für Internationale Politik und Völkerrecht" in Heft 52 der "Blauen Reihe - Schriften zur internationalen Politik", herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V., Mai 2015

Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit des Vorstandes waren die Bemühungen, den Mitgliedern des Verbandes Möglichkeiten einer beruflichen Umorientierung für eine neue Beschäftigung außerhalb des öffentlichen Dienstes zu eröffnen. Dabei ließ sich der Vorstand davon leiten, dass die hohe Qualifikation, die sich die Diplomaten der DDR im Verlaufe ihres Studiums und der Weiterbildung erworben hatten, sowie insbesondere ihre langjährigen Erfahrungen im diplomatischen Dienst einschließlich spezieller Sprach- und Länderkenntnisse für Unternehmen und Verbände der deutschen Wirtschaft von Nutzen sein könnten.

Mitglieder des Vorstandes nahmen Kontakte zu Unternehmen in der BRD auf, die sich darauf spezialisiert hatten, leitende Mitarbeiter von Institutionen und Wirtschaftsunternehmen beim beruflichen Wechsel zu beraten und zu unterstützen. Nach entsprechenden Sondierungen und Gesprächen beschloss der Vorstand des Verbandes am 7. August 1990, das Angebot der Personalberatungsunternehmen „Carré Orban und Partner“ sowie „Rundstedt und Partner“, beide mit Sitz in Düsseldorf, anzunehmen. Die beiden Unternehmen boten in enger Zusammenarbeit Outplacement-Seminare sowie Beratung und Unterstützung der DDR-Diplomaten bei der Suche nach Arbeitsplätzen vorrangig in der deutschen Wirtschaft, auch in Unternehmen im Ausland, an.

Im September 1990 wurde zwischen dem Verband der Berufsdiplomaten der DDR und den oben genannten Unternehmen eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. Beide Unternehmen präsentierten in einer Veranstaltung, zu der der Verband alle in Berlin anwesenden DDR-Diplomaten eingeladen hatte, ihr Angebot. Nach dieser Präsentation bekundeten etwa 150 Diplomaten ihr Interesse an diesem Projekt sowie ihre Bereitschaft, mit eigenen finanziellen Mitteln zu seiner Durchführung beizutragen. Durch schriftliche Informationen des Verbandes an die Auslandsvertretungen der DDR sowie durch Offenhalten des Angebots für die aus dem Ausland zurückkehrenden Diplomaten nach der Einstellung der Arbeit der diplomatischen Vertretungen der DDR wurde gewährleistet, dass allen diplomatischen Mitarbeitern die Teilnahme an diesem Projekt offenstand.

Der Vorstand des Verbandes bemühte sich darum, Möglichkeiten einer teilweisen Finanzierung des Projekts aus Mitteln des Staatshaushalts zu erschließen. Der Staatssekretär im Außenministerium der DDR, Dr. Kersten Radzimanowski, setzte mit großem persönlichem Engagement durch, dass eine entsprechende Summe in den bis Ende 1990 gültigen Nachtragshaushalt eingestellt wurde. Ab 1. Januar 1991 wurde das Projekt, das bis zum 30. Juni 1991 lief, ausschließlich aus Mitteln der Projektteilnehmer finanziert.  

Am Projekt beteiligten sich insgesamt 119 DDR-Diplomaten, darunter auch solche, die nicht dem Verband der Berufsdiplomaten der DDR angehörten. In sechs Seminaren, die jeweils vier Tage dauerten, wurden den Teilnehmern Kenntnisse und Erfahrungen der Personalberatungsunternehmen mit Unterstützung leitender Mitarbeiter von Unternehmen der deutschen Wirtschaft bei der Suche nach neuen Anstellungsverhältnissen vermittelt. Die Seminare schlossen Bewerbungstraining und Ausarbeitung entsprechender Unterlagen ein. Sie waren nach übereinstimmender Einschätzung der Teilnehmer von hoher Qualität.

Nach Abschluss der Seminare wurden in 14-tägigem Abstand individuelle Beratungen der Projektteilnehmer in Berlin durchgeführt und im Rahmen der Möglichkeiten Unterstützung bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen gegeben. Dabei leisteten beide Personalberatungsunternehmen eine sehr qualifizierte Arbeit.

Trotz des hohen Aufwandes, der mit diesem Projekt verbunden war, gelang es nicht, eine größere Anzahl unserer Diplomaten in neue Arbeitsverhältnisse zu vermitteln. Die Gründe für dieses unbefriedigende Ergebnis sind nicht durch die o. a. Unternehmen zu verantworten, sondern den politischen Umständen, vor allem der vielfältigen Diskriminierung von DDR-Diplomaten, wesentlich begünstigt durch die offizielle Haltung des Auswärtigen Amtes der BRD, geschuldet.

Während der Durchführung des Projekts (1. Oktober 1990 bis 30. Juni 1991) richtete der Verband ein Koordinierungsbüro ein, das ganztägig in ehrenamtlicher Arbeit zunächst von Vorstandsmitgliedern des Verbandes, später auch durch die Teilnehmer des Projekts besetzt wurde. Über dieses Büro wurden auch die individuellen Beratungen durch die Personalberatungsunternehmen in Berlin koordiniert.

Bei der Durchführung des Projekts gab die Leitung der Verwaltungs- und Abwicklungsstelle des Auswärtigen Amtes, insbesondere Dr. Franz Bertele und Dr. Claus-Jürgen Duisberg, Unterstützung. Die Zusammenarbeit in dieser Frage mit dem Verband der Berufsdiplomaten war stets sachlich und konstruktiv.

Die nicht in Anspruch genommenen Mittel aus dem Staatshaushalt wurden durch den Verband gegenüber der Verwaltungs- und Abwicklungsstelle des Auswärtigen Amtes ordnungsgemäß abgerechnet. Gegenüber den Teilnehmern des Projekts wurde über die Verwendung der von ihnen eingebrachten finanziellen Mittel mündlich in einer Versammlung der Projektteilnehmer und schriftlich gegenüber jedem einzelnen Teilnehmer Rechenschaft gelegt. Es gab keine Beanstandungen.

Zur Unterstützung der beruflichen Neuorientierung von DDR-Diplomaten wurde außerdem in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen „Carré Orban und Partner“ ein sechsmonatiger Kurs für Betriebs- und Außenwirtschaft organisiert, in dem u. a. leitende Mitarbeiter großer deutscher Unternehmen sowie des BDI, des DIHT, der Dresdner Bank und der Hermes-Kreditversicherungsgesellschaft Grund- und Spezialkenntnisse vermittelten, um einen Einstieg in eine Tätigkeit in Wirtschaftsunternehmen zu erleichtern. Darüber hinaus unternahm der Verband zahlreiche Aktivitäten gegenüber Massenmedien, um auf das Potential der DDR-Diplomaten und ihre Einsatzmöglichkeiten aufmerksam zu machen.

Nach acht Monaten des Kennenlernens in gemeinsamer Arbeit äußerte sich der Leiter des Personalberatungsunternehmens „Carré Orban und Partner“, Paul Werner von der Schulenburg, dazu in einem Interview wie folgt:

„Ich sehe es als eine ganz schlimme Sache an, dass die ehemaligen Diplomaten von dem Wiedervereinigungsprozess ausgegrenzt werden und zwar ganz besonders durch das Auswärtige Amt. Das Argument, das man hört, nämlich, man könne es ausländischen Vertretungen oder Regierungen nicht zumuten, mit ehemaligen SED-Genossen gesamtdeutsche Politik zu machen, lasse ich nicht gelten. Diese Position ist für mich ein politischer Fehler.“