25 Jahre Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V.


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

Publikationen von Mitgliedern des VIP

                Die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren, Hinweise an die Autoren bzw. Meinungsäußerungen bitte
per E-Mail an: VorstandVIP@aol.com

zurück zur Startseite                                    zu weiteren Publikationen


Neugebauer, Dr. Bernhard:

Die erste Etage und der Verband der Berufsdiplomaten der DDR

Beitrag in: "DDR-Diplomaten und die deutsche Einheit - 25 Jahre Verband für Internationale Politik und Völkerrecht" in Heft 52 der "Blauen Reihe - Schriften zur internationalen Politik", herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V., Mai 2015

In den turbulenten Wochen des Herbstes 1989 lief die Maschinerie des Leitungssystems uneingeschränkt weiter. Jeden Arbeitstag gab es morgens um 9:00 Uhr die „Morgenandacht“ des Leitungsgremiums, von Minister Oskar Fischer bzw. Staatssekretär Herbert Krolikowski geführt. Wohl machte sich die Unruhe über die weitere Existenz der DDR breit, und es gab deutliche Anzeichen des Aufweichens der bisherigen Führungsstrukturen. Die Botschafter der Auslandsvertretungen und bei den Internationalen Organisationen berichteten über Reaktionen auf die Berliner Ereignisse. Als die Grenze zu Berlin-West und der Bundesrepublik geöffnet wurde, begann in den Abteilungen des Hauses ein sorgenvolles Nachdenken, die Botschafter forderten nunmehr zu Recht präzise Weisungen für das Verhalten in den Gastländern. Die in Berlin akkreditierten Diplomaten baten um Informationen zur Beurteilung der Lage.

Es gab eine vorsichtige Zurückhaltung. Erst mit der Einsetzung der Modrow-Regierung wurden die Botschafter der DDR im Ausland, die Mitarbeiter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und die ausländischen Botschafter in Berlin über den neuen Kurs der DDR unterrichtet, wissend, dass dies noch nicht das Ende der Entwicklung war.

Als stellvertretender Außenminister, zuständig für Lateinamerika und den UNO-Bereich, führte ich in Buenos Aires und in Quito sowie in New York mit den DDR-Vertretern Beratungen über die Veränderungen in der DDR und des außenpolitischen Kurses durch. Auf allen Beratungen waren eine Unsicherheit und das mangelnde Vertrauen der Mitarbeiter in die Politik der Führung zu spüren.

In diese Zeit fallen zwei außenpolitische Ereignisse, die kundtun, dass neues Denken Fuß fasste. Das war die Beteiligung der DDR an der friedenserhaltenden Mission der Vereinten Nationen in Namibia zur Durchführung freier Wahlen im Herbst 1989. Auf ausdrücklichen Wunsch des damaligen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Javier Pérez de Cuéllar, wurden Kontingente für das internationale Polizeikommando der Friedensmission der beiden deutschen UN-Mitglieder zur Teilnahme angefordert. Am 11. Oktober 1989 verabschiedete ich in Berlin-Schönefeld 30 Polizeibeobachter aus der DDR, die gemeinsam mit der schwedischen Gruppe nach Namibia flogen.

Eine zweite außenpolitische Aktivität fand Anfang Dezember 1989 in New York statt. Auf der Sondersitzung der UN-Vollversammlung zur Auslandspolitik gab ich für die DDR eine Erklärung ab. Hinweisend auf die Ereignisse in meinem Land, stellte ich in der Erklärung vor der Vollversammlung unter anderem fest: 

„The GDR, which you know personally from your official visits, is now going through a crucial stage in its development. In a selfconfident und resolute manner the people of my country are making use of their political rights. Employing utmost strength we aim to do away with all hindrances, to take constructive und well-thought-out steps towards sweeping changes and reforms leading to a renewed socialist society where true democracy can be experienced by everyone every day. My country is indeed opening up to a world in which interdependence becomes ever more obvious.

(„Die DDR, die Sie von Ihren offiziellen Besuchen persönlich kennen, durchläuft jetzt eine entscheidende Phase ihrer Entwicklung. Selbstbewusst und entschlossen üben die Menschen meines Landes ihre politischen Rechte aus. Unter größten Anstrengungen wollen wir alle Hindernisse überwinden und konstruktive, gut durchdachte Schritte hin zu tief greifenden Veränderungen und Reformen unternehmen, hin zu einer erneuerten sozialistischen Gesellschaft, in der von jedermann jeden Tag wahre Demokratie erlebt werden kann. Mein Land öffnet sich in der Tat einer Welt, in der die gegenseitige Abhängigkeit immer offensichtlicher wird.“ – Inoffizielle Übersetzung)

Im Januar 1990 informierten mich die Kollegen Arne Seifert und Günther Ullrich über das Projekt der Gründung eines „Verbandes von im außenpolitischen Dienst der DDR stehenden Berufsdiplomaten“ und erbaten meine Meinung. In der gegebenen Situation, wissend um die Lage in den Abteilungen und in den Botschaften und Vertretungen, erklärte ich meine Unterstützung des Vorhabens. Es war tatsächlich eine notwendige und sehr nützliche Initiative, die ihren Wert in dem folgenden Jahr 1990 und darüber hinaus uneingeschränkt bewiesen hat.

Die Kollegen haben in weit blickender Weise auch ein Stück Geschichte geschrieben.

Mit dem Antritt der Regierung de Maizières veränderte sich die Lage auf der ersten Etage des MfAA, in der die Leitung des Ministeriums saß. Außenminister Meckel verteilte die Büroeinheiten an die neuen Staatssekretäre und seinen Verwandtentross. Die noch amtierenden Stellvertreter des Ministers erfuhren aus der Zeitung die neue Struktur, und der Verwaltungsleiter teilte mir eines Morgens mit, ich müsse aus der Ministeretage in eine der freien Büroeinheiten im 3. Stock umziehen.

Die Praxis der „Morgenandacht“ wurde noch ein paar Wochen fortgesetzt, doch bald mied Minister Meckel diese Beratungen, und Mitte April wurden sie ganz eingestellt. Dr. Werner Fleck wurde zum Verbindungsmann zwischen dem Minister und den Abteilungen bestellt. Die Abteilungen hatten Zugang zu den Staatssekretären in Sachfragen.

Es war zu spüren, dass eine Distanzierung zum Arbeitsstab praktiziert wurde, sehr zum Nachteil für die anstehenden außenpolitischen Arbeiten. 

Zu diesem Zeitpunkt nahm der Vorstand des Verbandes in aktiver Art und Weise Klammerfunktionen zwischen den Mitarbeitern und der sich abschottenden Ministerfamilie wahr.

Erst nach dem Treffen der Außenminister Genscher und Meckel gab es eine Aktivierung des Mitarbeiterstabes des MfAA. Die Minister verabredeten die Bildung einer „Kontaktkommission“ zwischen dem Auswärtigen Amt und dem MfAA; Dr. Helmut Domke wurde der Vorsitzende der DDR-Seite.

Auszug aus dem Schreiben der Hauptabteilung Information des MfAA vom 11.06.1990 zur Bildung der Kontaktgruppe: (1)

„Die DDR-Delegation in der am 1. Juni von Außenminister Markus Meckel und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher berufenen Kontaktkommission hat folgende Zusammensetzung:

Staatssekretär Dr. Helmut Domke – Vorsitzender der Kommission von

DDR-Seite

Dr. Werner Fleck – Stellvertreter des Vorsitzenden

Hans Schindler – Sekretär der Kommission von DDR-Seite

Lutz Vogt – Arbeitsgruppe „Rüstungskontrolle und Abrüstung“

Willi Schlegel – Arbeitsgruppe „Wirtschaft- und Nord-Süd-Fragen“

Dr. Swetlana Doernberg – Arbeitsgruppe „EG-Fragen“

Dr. Bernhard Neugebauer – Arbeitsgruppe „UNO“

Richard Erben – Arbeitsgruppe „Auswärtige Kulturpolitik“

Dr. Gunter Görner – Arbeitsgruppe „Rechts- und Konsularwesen“

Hansjochen Vogl – Arbeitsgruppe Rechts- und Konsularwesen“

Konrad Kowal – Arbeitsgruppe „Administrative Fragen/Personalfragen“

Die Arbeitsgruppen setzen sich aus 3 – 4 Experten von jeder Seite zusam-men.

Vorsitzender der Kommission von BRD-Seite ist Staatssekretär Dr. Jürgen Sudhoff.“

Auszug aus dem Sitzungsprotokoll der „gemeinsamen“ Kommission:

„Zur Bildung gemeinsamer Kommissionen zwischen dem Auswärtigen Amt der BRD und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR

In den ersten Gesprächen „1+1“ auf Expertenebene wurde bereits prinzipielle Übereinstimmung erzielt, gemeinsame Kommissionen zur Beratung anstehender Sachfragen bei der Zusammenführung der auswärtigen Dienste zu bilden.

Dazu wird folgender Vorschlag unterbreitet:

I. Bildung einer paritätischen Kommission zur Zusammenführung der auswärtigen Dienste:

Die Kommission sollte unter gleichberechtigter Leitung der jeweiligen beamteten Staatssekretäre stehen.

Von DDR-Seite sollten der Kommission u. a. angehören:

Stellvertreter des Ministers, Koll. B. Neugebauer

Stellvertreter des Ministers, Koll. G. Lindner

Generalsekretär A. B. Neumann

Leiter der HA Rechts- und Vertragswesen

Leiter der HA Konsularische Angelegenheiten

Leiter der Abt. BRD

II. Zur Erarbeitung von Lösungsvorschlägen werden Unterkommissionen gebildet:

1. Unterkommission zu Fragen der internationalen Vertragsbeziehungen

Von der DDR-Seite sollte die Unterkommission unter Leitung des Leiters der HA Rechts- und Vertragswesen stehen.

Der Unterkommission sollten u. a. Experten der HA RV sowie ein Mitarbeiter der Abt. BRD angehören.

2. Unterkommission zu Fragen der Mitgliedschaft in internationalen Organisationen

Leitung durch den Stellv. des Ministers, Koll. Neugebauer.

Der Unterkommission sollten u. a. Experten der Abt. UNO, der Abt. IÖO und der HA RV sowie ein Mitarbeiter der Abt. BRD angehören.

3. Unterkommission zu konsularischen Fragen

Leitung durch den Leiter der HA Konsularische Angelegenheiten.

Der Unterkommission sollten u. a. Experten der HA Kons. und der HA RV angehören.

4. Unterkommission zu Fragen der Gebäude und Einrichtungen im Ausland

Leitung durch Generalsekretär A. B. Neumann.

Der Unterkommission sollten u. a. Experten der HA VF und der HA RV sowie ein Mitarbeiter der Abt. BRD angehören.

5. Unterkommission zur Fragen des Personalbestandes des auswärtigen Dienstes

Leitung durch den Stellv. des Ministers, Koll. Lindner.

Zur Unterkommission sollten u. a. Experten der HA Personalwesen und Bildung, Vertreter der Gewerkschaft bzw. des Verbandes der Berufsdiplomaten sowie ein Vertreter der Abt. BRD angehören.

III. Das Ziel der Arbeit der Unterkommissionen sollte die Erarbeitung schriftlicher Sachstandsanalysen mit Lösungsvorschlägen sein, die der Kommission unterbreitet werden.

IV. Die Koordinierung der Arbeit der Unterkommissionen könnte auf DDR-Seite durch die Abt. BRD erfolgen.“

Die Arbeitsgruppe „UNO“ führte drei Konsultationen in Berlin bzw. in Bonn durch. Zu einem für den 23. August 1990 geplanten Zusammentreffen kam es nicht mehr.

Dr. Schilling, der Vertreter des Auswärtigen Amtes, teilte mir telefonisch mit, dass die Entwicklung ein viertes Treffen nicht mehr nötig erscheinen lasse. Es wurde nur darauf hingewiesen, dass die Absprache über die Beendigung der DDR-Mitgliedschaft in der UNO beachtet werden müsse und Dr. Schilling um laufende Information bäte. In New York stehe UNO-Botschafter Dr. Hans-Otto Bräutigam, der unbedingt über alle Schritte informiert werden sollte, zur Verfügung.

DDR-Kompetenz unerwünscht

Als am 20. August 1990 Minister Meckel und seine Familie der ersten Etage das MfAA infolge des Auszuges der SPD aus der de-Maizière-Regierung verließen, der Ministerpräsident das Amt des Außenministers mit übernahm und Dr. Kersten Radzimanowski die Leitung des Hauses übertrug, veränderte sich das Verhältnis zwischen Leitung und Mitarbeitern.

Dr. Radzimanowski als geschäftsführender Minister legte Wert auf die Kompetenz und Sachkenntnis der Mitarbeiter. Er unternahm ebenso, wie es bereits Dr. Domke getan hatte, Schritte gegenüber dem AA mit dem dringenden Ersuchen, Personalfragen entsprechend dem Einigungsvertrag zu klären. In einem Schreiben vom 03. September 1990 an Staatssekretär Dr. Sudhoff wird festgestellt, dass es „Differenzen zwischen in Ihrem Brief an StS Dr. Domke fixierten Vorstellungen und der Festlegung im am 31.08. unterzeichneten Einigungsvertrag, der Personalübernahmen in Bundeseinrichtungen in angemessenem Umfang festschreibt“ gibt. Das Schreiben hat folgenden Wort-laut:

„Sehr geehrter Herr Dr. Sudhoff!

Bundeskanzler Kohl und Ministerpräsident de Maizière haben bei ihren Gesprächen zum Einigungsvertrag vereinbart, daß die einzelnen Fachministerien in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gemeinsame Personalkoneptionen erarbeiten sollten. Nachdem durch das MfAA vor Wochen entsprechende Personalangaben dem AA übermittelt wurden, dürften inzwischen Überlegungen in Ihrer Dienststelle abgeschlossen sein. Als koordinierender Staatssekretär möchte ich Ihnen meine Bereitschaft mitteilen, mich umgehend zur Abstimmung unserer gemeinsamen Konzeption mit Ihnen zu treffen, und bitte um Terminvorschläge.

Nach Ihrem Fax vom 30.8. an StS Domke und Gesprächen einer Delegation des AA unter Leitung von MinDirig Dr. Rapke ergaben sich Fragen, die es erforderlich machen, noch vor unserer Begegnung geklärt zu werden.

1. Nach Ihrer bisherigen Vorstellung scheint die Realisierung von Artikel 36 Absatz 1 des Grundgesetzes im Bereich des Auswärtigen Amtes in Frage gestellt.

2. Es bestehen Differenzen zwischen in Ihrem Brief an StS Dr. Domke fixierten Vorstellungen und der Festlegung im am 31.8. unterzeichneten Einigungsvertrag, der Personalübernahmen in Bundeseinrichtungen in angemessenem Umfang festschreibt. Beide Verhandlungsdelegationen haben diesbezüglich betont, daß die Verpflichtung zur Personalübernahme (Protokollnotiz zu Art. 13 Abs. 2) auch für den Auswärtigen Dienst gilt.

3. Die Vorstellung des AA, wonach Absolventen der Potsdamer Diplomatenschule, deren Abschluß nicht einem Hochschulabschluß gleichkomme, sich nicht zum Auswärtigen Dienst bewerben können, geht nicht mit Artikel 37 Absatz 1 des Einigungsvertrages konform.

4. Die uns vom AA gegebene Information, Bewerber für den Auswärtigen Dienst, die Absolventen der Institute Potsdam und Moskau sind, könnten vor ihrer Bewerbung zum Auswärtigen Dienst ein anderes Studium absolvieren, ist eine rein akademische Lösung, da diese dann in der Regel das maximale Bewerbungsalter überschritten haben.

5. Die von Dr. Rapke vorgelegte Interpretation des Wartestandes beachtet nicht, daß gerade diejenigen Mitarbeiter des MfAA, die im letzten halben Jahr zur Absicherung der äußeren Aspekte der deutschen Einheit aus Pflichtgefühl ihren Urlaub auf Jahresende verschoben haben, dadurch doppelt betroffen sind (Verlust des Urlaubs und finanzielle Einbuße).

6. Unsererseits besteht Übereinstimmung mit Ihrem Vorschlag, die Verwaltungs- und Abwicklungsstelle unmittelbar nach dem Beitritt ihre Tätigkeit aufnehmen zu lassen. Die Ausgabe der Bewerbungsbögen an die dafür in Frage kommenden Mitarbeiter des MfAA könnte von hier aus schon jetzt vorgenommen werden. Bei der Personalauswahl ist die Leitung des MfAA zu beteiligen. Arbeitsverträge müssen hinsichtlich Zeitdauer und Gehalt gegenüber Wartestand wesentlich attraktiver gemacht werden.

Sie werden sicherlich Verständnis dafür haben, daß weitere Verhandlungen zwischen unseren Häusern erst nach Klärung dieser Fragen sinnvoll sind.

Der dargestellte Sachstand wird Ministerpräsident de Maizière zur Kenntnis gegeben.

Die für die Aufstellung des 3. Nachtraghaushaltes 1990 erforderlichen Angaben und Unterlagen werden Ihnen selbstverständlich zur Verfügung gestellt.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Kersten Radzimanowski“

 

Auf das Schreiben gab es folgende Antwort vom 06. September 1990 durch den Staatssekretär des Auswärtigen Amts Dr. Hans Werner Lautenschläger:

„Sehr geehrter Herr Dr. Radzimanowski,

ich bestätige den Eingang Ihres Schreibens vom 03. d. M. an Staatssekretär Dr. Sudhoff.

Inzwischen haben weitere Gespräche auf Arbeitsebene zu Fragen der einzurichtenden Verwaltungs- und Abwicklungsstelle, die Sie in Punkt 6 Ihres Schreibens ansprechen, zwischen Mitarbeitern des MfAA und des AA in Berlin stattgefunden.

In diesem Zusammenhang ist aus unserer Sicht wichtig, daß auch die Fragen vorgeklärt werden können, die bei der Abwicklung der Aufgaben aus den Bereichen Verwaltung, Handelsförderung, Förderung des Kulturaustausches an den Auslandsvertretungen anstehen.

Die übrigen aufgeworfenen Fragen wird der zuständige Staatssekretär Dr. Sudhoff mit Ihnen aufnehmen, wenn er nächste Woche wieder im Dienst ist.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Lautenschläger“

 

Eine substantielle Antwort erfolgte nicht. Am 27. September gab es von Dr. Sudhoff ein Rundschreiben an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MfAA, in dem die beschlossene Entlassung des diplomatischen Personals des MfAA klar hervorging.

Hier zeigte sich die Arroganz des AA gegenüber den hochqualifizierten Diplomaten der DDR, die durchaus in der Lage gewesen wären, ihr Wissen und Können zugunsten der Bundesrepublik einzubringen. Welch ein Unterschied des Umgangs mit Humankapital zu dem der Adenauer-Regierung, die 1949/1950 sich nicht scheute, aus der Zeit vor 1945 schwer belastete Diplomaten des Auswärtigen Amtes mit Hilfe von „Persilscheinen“ zu aktivieren.

Es hätte im Falle der DDR-Diplomaten ‒ wenn schon nicht im aktiven Dienst so als Entwicklungshelfer direkt und in den UN-Programmen ‒ Einsatzvarianten gegeben. Dagegen gab es von Bonner Seite Versuche, die UN-Beamten aus der DDR zum Verlassen ihrer Positionen zu zwingen. Diese Versuche scheiterten allerdings an der Haltung des damaligen Generalsekretärs der UNO, Pérez de Cuéllar. 

 

Im MfAA nahmen natürlich der Frust und die Unzufriedenheit drastisch zu. Die Bemühungen von Dr. Radzimanowski waren ins Leere gegangen. Mit folgender Hausmitteilung vom 2. Oktober 1990 dankte er den Mitarbeitern:

„Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Heute ist für die meisten von Ihnen der letzte Arbeitstag in diesem Hause. Ich möchte Ihnen allen – auch im Namen des Ministerpräsidenten – nochmals herzlichen Dank sagen für die in den letzten Wochen und Monaten geleistete Arbeit. Ohne Ihren Einsatz, der bei vielen Mitarbeitern oft über das normale Arbeitspensum hinausging, wäre der Beitrag unseres Hauses zur Regelung der außenpolitischen Aspekte der deutschen Einheit nicht möglich gewesen. (Hervorhebung durch den Autor).

Der am 3. Oktober 1990 beginnende Wartestand ist eine einschneidende Veränderung im persönlichen Leben jedes Einzelnen. Dies wurde ja auch bei der Personalversammlung am vergangenen Freitag überaus deutlich. Umso bedauerlicher ist es, daß eine Reihe von Fragen, die in diesem Zusammenhang auftreten, bisher nicht ausreichend gelöst werden konnten. Sicher hat es dabei auch Fehler und Versäumnisse der Leitung des Hauses gegeben. Oft jedoch sind unsere Bemühungen zur Lösung offener Fragen an anderer Stelle gescheitert.

Ich versichere Ihnen, daß auch nach dem Tage der deutschen Vereinigung an Lösungen im Interesse der Mitarbeiter dieses Hauses gearbeitet wird. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie bitten, das Angebot von Staatssekretär Dr. Bertele, für Gespräche und Beratungen zur Verfügung zu stehen, in Anspruch zu nehmen.

Es wird ein wichtiger Teil der Arbeitsaufgaben der Verwaltungs- und Abwicklungsstelle sein, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Wartestand zur Verfügung zu stehen, ganz gleich, ob es sich dabei um die Ausstellung einer Bescheinigung, Fragen bezüglich von Umschulungen oder um die Beratung bei arbeitsrechtlichen Problemen handelt. Die Verwaltungs- und Abwicklungsstelle wird unter der Telefonnummer 2 39 250 zu erreichen sein.

Ich möchte Sie ermutigen, Eigeninitiative bei der Suche nach anderen beruflichen Betätigungsfeldern zu entwickeln, da gewiß nur relativ wenige in den auswärtigen Dienst des vereinten Deutschland übernommen werden. Ich gehe davon aus, daß es jedoch nur noch einige sein werden, die bis zum Ende des Wartestandes (6 bzw. 9 Monate bei Mitarbeitern über 50 Jahre) keine neue Anstellung gefunden haben. Unser Land erlebt einen Aufschwung, der sich für die meisten positiv auswirken wird.

Für Ihr berufliches wie für Ihr privates Leben wünsche ich Ihnen Kraft und Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Dr. Kersten Radzimanowski

geschäftsführender Minister“

 

Vor diesem Hintergrund war es für den Diplomatenverband äußert schwer, Interessen der DDR-Diplomaten zu sichern.

Es gab noch Überlegungen, Ministerpräsident Lothar de Maizière für eine Rede auf der 45. Vollversammlung der UNO zu gewinnen. Nach anfänglichen positiven Signalen aus dem Büro des Ministerpräsidenten wurden Vorbereitungen getroffen und Redeentwürfe erstellt. Mitte September ließ Dr. de Maizière aber wissen, ein Auftreten in der Generaldebatte der UN kurz vor dem Beitrittsdatum zur Bundesrepublik sei aus Termingründen nicht möglich.

Wir stellten für die 45. Vollversammlung eine Delegation unter Leitung von Dr. Radzimanowski auf und informierten das AA. Dr. Radzimanowski wurde aus dem Hause des Ministerpräsidenten beschieden, dass dies wohl nicht mehr sinnvoll sei.

Dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Pérez de Cuéllar, sollte in einem offiziellen Schreiben die Beendigung der Mitgliedschaft der DDR in der UNO und in den Sonderorganisationen mitgeteilt werden. Das entsprechende Dokument wurde dann am 28. September1990 gemäß Auftrag von mir übergeben.

Die Mitteilung an Dr. Radzimanowski über den Vollzug der Übergabe des Schreibens lautete wie folgt:

„Botschafter B. Neugebauer übergab am 28.09.90 dem Generalsekretär der Vereinten Nationen das Schreiben des Ministerpräsidenten der DDR vom 27.09.90 zum Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD.

Pérez de Cuéllar brachte seine Wertschätzung für die aktive, bemerkenswerte Rolle der DDR und ihrer Vertreter in den Vereinten Nationen sowie anderen Organisationen zum Ausdruck. Er äußerte Verständnis für die Entscheidung der Volkskammer entsprechend dem Wunsche der Bevölkerung der DDR. Der UN-Generalsekretär erinnerte an sein Treffen und die nützlichen Gespräche mit Ministerpräsident Lothar de Maizière und bat, beste Grüße und Wünsche an ihn zu übermitteln.“

Damit endete meine berufliche Tätigkeit und ich ging in den Wartestand und von da in die Arbeitslosigkeit. Ein Zustand, den ich bis dahin nicht kannte und der mich schwer belastete. Bei einem späteren Treffen mit dem Generalsekretär der UNO, Pérez de Cuéllar, in Weimar äußerte dieser sein Unverständnis über die totale Ausgrenzung der DDR-Diplomaten.

Der Verband der DDR-Berufsdiplomaten bzw. der Verband für Internationale Politik und Völkerrecht gab mir zu dieser Zeit und bis heute Halt und eröffnete Möglichkeiten, mein Wissen einzusetzen und die wirkliche Rolle des MfAA in entscheidenden Wirkungsbereichen gegen Schwarz-Weiß-Malerei und Verunglimpfungen zu dokumentieren.

(zum Seitenanfang)