Kulturelle Auslandsbeziehungen der DDR / Lebenserinnerungen


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Heft 54 (Januar 2016) der "Blauen Reihe -  Schriften zur internationalen Politik",
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin
 
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)
 
Heft 54 ist leider vergriffen und kann nicht mehr bestellt werden
 

 

Hermann Falk

Durch Kulturaustausch zu Völkerverständigung

 

        Inhalt:

        Einführung des Autors:   

Warum ich meine Erinnerungen niederschrieb

Meine Jugend und nahezu mein ganzes Arbeitsleben wurden durch die DDR geprägt. Meine berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit war durch die Arbeit im Rahmen der kulturellen Auslandsbeziehungen der DDR bestimmt: 15 Jahre arbeitete ich im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, und seit 1972 bis über das Ende der DDR hinaus war ich Generaldirektor der Künstleragentur der DDR und Geschäftsführer der Nachfolgefirma Deutsche Künstleragentur Berlin GmbH.

In dieser Arbeit hatte ich viele internationale Kontakte, habe viele Menschen und Länder kennen gelernt. Ich habe es immer wieder erlebt: Die DDR war nicht nur geachtet, sie hatte in der Welt viele Freunde gefunden, nicht zuletzt aufgrund des Umfangs, der künstlerischen Qualität, des deutlichen humanistischen Anliegens, des klar im Sinne der Völkerverständigung praktizierten Kulturaustausches. Die Künstler der DDR können auf ihre Leistungen im Ausland stolz sein. Ebenso aber ebenfalls all jene, die an dem überaus herzlichen Empfang ausländischer Künstler und Ensembles in der DDR mitwirkten. Auch an ihre Leistungen will ich erinnern.

Im Gegensatz zu anderen Gebieten hat man sich nach 1990 zu den kulturellen Auslandsbeziehungen der DDR kaum, auch nicht kritisch geäußert, das sicher u. a. aus nicht zu bestreitenden Erfolgsgründen. Aber es gab in Sendungen des Fernsehens und anderen Interviews Veröffentlichungen mit Äußerungen, in denen entsprechend dem andauernden Zeitgeist das Geschehen in der DDR verunglimpft wird. Oftmals wurden die Künstler dazu allerdings auch von Medienvertretern veranlasst. Falsche Aussagen vor allem zu den Zielen und finanziellen Bedingungen des internationalen Kulturaustausches sowie Fernsehfilme, Diskussionsrunden mit Künstlern aus Ost und West in den Medien sowie der Umgang mit Interviews, die mit mir durch deutsche Sender geführt wurden, haben bei mir die Absicht wachsen lassen, mich zu diesem Thema trotz anfänglichen Zögerns zu äußern und dabei auch bewusst oder unbewusst entstellte Sachverhalte richtig zu stellen.

Ich bin der Meinung, dass die DDR auf dem Gebiet der Kultur trotz aller Probleme und besonders angesichts ökonomischer Zwänge sehr vieles geleistet hat. In diesen Jahren wurde allen Schichten der Bevölkerung der Zugang zu Kultur und Kunst in bemerkenswerter Weise und in großem Umfang sowie zu günstigsten Bedingungen wie in kaum einem anderen Staat ermöglicht. Künstler wurden großzügig und zielstrebig gefördert. Die kulturelle Infrastruktur wurde ständig verbessert.

Die darauf aufbauenden kulturellen Auslandsbeziehungen der DDR konnten deshalb auch im internationalen Vergleich sehr erfolgreich sein. Dies wurde erreicht mit geringeren Mitteln als sie manch anderen Staaten zur Verfügung standen, jedoch mit stärkerem Engagement und konzeptionellem Handeln. Ich glaube, dass die DDR auf diesem Gebiet international Vorbildhaftes geleistet und mit dem kulturellen Austausch mit anderen Ländern deutliche internationale Anerkennung erreicht hat. Es wurde besonders anerkannt und gewürdigt, dass nicht in erster Linie kommerzielle Gesichtspunkte für den Kulturaustausch bestimmend waren, sondern das inhaltliche humanistische Anliegen von Zusammenarbeit und Völkerverständigung, Bewahrung und Verbreitung von nationalem und Weltkulturerbe. Ich möchte für den Bereich der Gastspieltätigkeit der DDR dazu beitragen, dass diese nicht in Vergessenheit gerät, zumal es sicherlich mit der Zeit immer schwieriger werden wird, die vielen Aktivitäten der kulturellen Auslandsbeziehungen der DDR zu erforschen und zu dokumentieren.

Große Wertschätzung und Förderung erfuhr besonders der Kulturaustausch mit der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern. Er stieg rasch hinsichtlich Umfang und Qualität und hat viel dazu beigetragen, nach dem Krieg bestehende Ressentiments abzubauen sowie echte freundschaftliche Beziehungen mit diesen Ländern und ihren Völkern zu entwickeln.

Die kulturellen Auslandsbeziehungen der DDR waren besonders in der Zeit der Auseinandersetzung mit dem Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik Deutschland, der so genannten Hallstein-Doktrin, oft die ersten Schritte in den bilateralen Beziehungen zu kapitalistischen Ländern und den jungen Nationalstaaten Afrikas und Asiens. Die Regierung der DDR hat die internationale kulturelle Zusammenarbeit nach all ihren Möglichkeiten gefördert, zumal diese sich erfolgreich in eine Politik des Friedens und der Völkerverständigung der DDR eingeordnet und oft Türen geöffnet hat. Abkommen über eine solche Zusammenarbeit gehörten zu den ersten zwischenstaatlichen Vereinbarungen. Aber auch nach der weltweiten internationalen Anerkennung der DDR ab 1972 hatten sie einen hohen Stellenwert, wurden beträchtlich erweitert. Ich wage zu sagen, dass der kulturelle Austausch mit den Staaten der Welt das Bild der DDR international ähnlich den Erfolgen auf dem Gebiet des Sportes geprägt hat. Dabei bin ich mir darüber im Klaren, dass einzelne Künstler der DDR das nicht so empfinden mögen, weil die Reisefreiheit zu Gastspielen nicht für jedermann gegeben war. Aber das betraf nicht viele, es betraf wenige und vorwiegend auch innerhalb der DDR kaum bekannte Konzertsolisten. Für die Gastspieltätigkeit der Konzertsolisten und Gruppen wie Ensembles der DDR im Ausland waren Reisemöglichkeiten im Vergleich zu anderen Bereichen weitestgehend gegeben.

Die genannten Ergebnisse und Wirkungen des internationalen Kulturaustausches sollen nicht der Vergessenheit anheim fallen. Und die Erinnerungen daran sollen auch nicht bestimmt werden allein durch die tendenziellen Darstellungen und Kommentare in den Medien zu diesem Thema heute und in den letzten Jahren. Deshalb habe auch ich mich wie viele andere entschlossen, meine Erinnerungen und Erfahrungen aus der Zeit der DDR aufzuschreiben. Einschränkend muss ich sagen, dass ich mich als Generaldirektor der Künstleragentur vor allem nur zur Gastspieltätigkeit von Ensembles und Solisten der DDR in das Ausland und von Künstlern aus dem Ausland in der DDR äußern kann. Die kulturellen Auslandsbeziehungen der DDR umfassen viele weitere Bereiche, auch noch weit über die fachliche Zuständigkeit des Ministeriums für Kultur hinaus. Die grundsätzlichen Aufgaben waren aber gleich, und auch sie erfuhren nach der weltweiten völkerrechtlichen Anerkennung der DDR über die sozialistischen Länder hinaus eine rasche Ausweitung auf hohem Niveau und mit bemerkenswerter öffentlicher Wahrnehmung in der Welt.

Die folgenden Darlegungen sind keine Biographie, keine Erzählung, keine wissenschaftliche Arbeit und auch keine Dokumentation. Es sind einfach Erinnerungen an meine Jahre im Außenministerium der DDR und an meine Tätigkeit als Leiter der Künstleragentur der DDR. Es sind Erinnerungen an besondere Gastspiele und Ereignisse in den kulturellen Beziehungen, an Höhepunkte meines Arbeitslebens und an Begegnungen mit bekannten Künstlern und Ensembles aller Genres. Und es sind auch Erinnerungen an zuweilen schwierige Situationen, aber auch an in der DDR entgegen anderen Darstellungen mögliche und nützliche Diskussionen. Zahlen und Fakten sowie Informationen über die Förderung von Kultur und kultureller Betätigung, über die Bemühungen um die kontinuierliche Entwicklung des kulturellen Potentials der DDR und ihre Auswirkungen auf Umfang und Inhalt der internationalen Gastspieltätigkeit unserer Künstler und Ensembles sollen meine Erinnerungen untermauern.

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