Naher Osten / Libyen / Geschichte der Außenpolitik der DDR


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Reichardt, Achim

»Jeder meiner Schritte wurde observiert«

Interview mit der Zeitung "junge Welt" über die Tätigkeit als Diplomat der DDR in Libyen, Störmanöver aus Bonn und das politische Wirken Muammar Al-Ghaddafis. Das Interview führte Frank Schumann

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "junge Welt" vom 18.06.2016

Wenn Sie heute Libyen hören: Woran denken Sie?

Zuerst an die Menschen, die heute in einem von Krieg geschüttelten Land leben müssen. Libyen war ein wirtschaftlich prosperierender, politisch stabiler Staat – bis zur NATO-Intervention 2011. Der gewaltsame Sturz des Ghaddafi-Regimes führte zu Chaos und Bürgerkrieg und zur Abschiebung von etwa anderthalb Millionen Gastarbeitern, von denen sehr viele übers Mittelmeer nach Italien flüchteten; ich erinnere nur an Lampedusa.

Aber natürlich denke ich auch an die 60er Jahre, als ich ins damalige Königreich geschickt wurde, um normale zwischenstaatliche Beziehungen zwischen der DDR und Libyen vorzubereiten.

Auf dieses spannende Kapitel will ich gleich zu sprechen kommen. Bleiben wir aber erst einmal bei Muammar Al-Ghaddafi. Ihm wurde ein hohes Maß an Selbstherrlichkeit nachgesagt, die Welt schüttelte über seine Eskapaden nur den Kopf – etwa wenn er bei Staatsbesuchen lieber in einem mitgeführten Zelt als in einem Hotel nächtigte. Jahrelang wurde er zudem vom Westen als oberster Terrorist bekämpft.

Ich bin weit davon entfernt, Ghaddafi zu glorifizieren und alles gutzuheißen, was er getan hat. Doch wir sollten nicht vergessen: Ende der 60er Jahre stürzte eine Gruppe junger Offiziere die Monarchie, Ghaddafi kam aus ihrer Mitte. In den 40 Jahren der Existenz des von ihm geführten Regimes machte es sich viele Feinde im In- und im Ausland. Im Ausland, weil es die Erdöl- und Erdgasförderung und -verarbeitung verstaatlichte, die britischen und US-Militärbasen auflöste, den Boden nationalisierte und diesen an die Bauern gab. Die Petrodollar setzte Libyen – im Unterschied zu anderen arabischen Staaten, die die riesigen Einnahmen privatisierten – für eine staatliche gelenkte Sozialpolitik ein: Grundnahrungsmittel wurden subventioniert, die Mieten niedrig gehalten und günstige Baukredite vergeben, das Bildungs- und Gesundheitswesen wurde nachhaltig gefördert, die medizinische Versorgung war wie der Schulbesuch kostenlos. Mit dem Reichtum des Landes wurde die Infrastruktur modernisiert, große Bauvorhaben wurden in die Wege geleitet. Das wohl größte davon war ein 1980 begonnenes riesiges Projekt zur Wasserversorgung. Es sah vor, die großen unterirdischen Wasserreservoirs in der libyschen Wüste zu nutzen, um mittels eines Pump- und Leitungssystems sauberes Trinkwasser in die großen Städte im Norden zu pumpen, quasi die Küstenregion in einen blühenden Garten zu verwandeln. Die Planungen gingen noch weit darüber hinaus. Der erste Abschnitt wurde am 1. September 2010 in Betrieb genommen, das war fünf Monate vor Beginn der Unruhen. Das war’s dann.

Der Lebensstandard wuchs in diesen 40 Jahren enorm. 1970 betrug das Pro-Kopf-Einkommen lediglich 5.845 US-Dollar, bis 2010 hatte es sich mehr als verdoppelt: auf mehr als 12.020 Dollar.

Und wieso wollten die Libyer Ghaddafi trotzdem weghaben? Warum gab es soziale Unruhen?

Seine innenpolitischen Gegner trieb vieles. Der Islam war zwar Staatsreligion, spielte aber kaum eine Rolle. Ghaddafi trat gegen den radikalen Islamismus auf und vertrat säkulare Ansichten. Das entfachte zunehmend die Feindschaft der überzeugten Islamisten. Er versuchte, eine neue Sicht auf den Koran und die in seinem »Grünen Buch« dargelegten Ideen als Grundlage des politischen und sozialen Handelns zu vermitteln. Damit scheiterte er in der arabischen Welt ebenso wie bei seiner Suche nach einem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Bereits in den 80er Jahren gab es mehrere Attentatsversuche auf ihn, vor allem nachdem er eine antifundamentalistische Politik eingeleitet und die Muslimbruderschaft hatte verbieten lassen.

Und die anderen Gründe?

Die Unzufriedenheit vieler junger Menschen, die arbeitslos waren und für sich keine Perspektive sahen, der wachsende Widerstand von Stämmen, die sich benachteiligt fühlten ... Es gab keine förmliche Regierung. Als höchstes Organ wurde ein »Volkskongress« bestimmt, in dem das libysche Volk seine Mitbestimmung zum Ausdruck bringen sollte. Mit der Verfassung von 1977 wurden »Revolutionskomitees«, später umbenannt in »Volkskomitees«, geschaffen, um Entscheidungen auf kommunaler Ebene und in den Regionen zu fassen und direkt vom Volk bestätigen zu lassen. Parteien gab es nicht, die Medien waren gleichgeschaltet, es fehlten parlamentarische und demokratische Strukturen. Ghaddafi orientierte auf in westlichen Ländern übliche Organisationsformen, ohne jedoch bürgerliche Freiheiten zu akzeptieren.

Na ja, dieses Argument holte der Westen ja immer aus der Kiste, wenn ihm ein Staat nicht passt und er sich für legitimiert hält, die bestehende Ordnung zu stürzen.

Das sind zwei verschiedene Dinge. Ghaddafi persönlich fällte alle wichtigen Entscheidungen selbst, es gab keine Möglichkeit, gegen diese Einspruch zu erheben. Er fühlte sich als Führer des libyschen Volkes berufen und glaubte, die Welt nach seinen Vorstellungen verändern zu können. Der Versuch, seine Ideen in anderen arabischen Ländern einzuführen, misslang.

Ohne Krieg!

Ja, das muss man unbedingt hinzufügen. Auf der anderen Seite: Mit großer finanzieller Unterstützung trug Ghaddafi zur Festigung der »Afrikanischen Union« bei, und er unterstützte Befreiungsorganisationen auf dem Kontinent. Das fand Anerkennung bei zahlreichen afrikanischen Staaten. Den wirtschaftlichen Aufschwung Libyens erwähnte ich bereits. Kurz und weniger gut: Ghaddafi war eine sehr widersprüchliche Person, aber bei ihm wurde weder gefoltert noch nach der Scharia geurteilt. Es gab unter ihm keine reiche Oberschicht und keinen zur Schau gestellten Luxus. Ghaddafi selbst trat zwar publikumswirksam und theatralisch auf, galt jedoch als bescheiden und nicht korrumpierbar. Und so verbündete sich die innere Opposition mit den äußeren Kräften – oder umgekehrt –, um Ghaddafi und sein Regime zu stürzen.

Was ja bekanntlich 2011 auch gelang. Die tragischen Resultate sind nicht nur in Libyen zu besichtigen, sondern auch in anderen Staaten, über die der »arabische Frühling« kam. Lassen Sie uns darum in eine Zeit zurückschauen, in der die Welt ein wenig übersichtlicher war, nämlich als das DDR-Außenministerium Sie nach Tripolis schickte, um dort die bereits bestehenden Handelsbeziehungen auszubauen, normale zwischenstaatliche Beziehungen herzustellen und eine staatliche Vertretung einzurichten.

Na, ich stelle in Abrede, dass Mitte der 60er Jahre die Welt geordneter und friedlicher war. Da ging es kaum weniger aggressiv zu als heute, da waren viele politische Heckenschützen unterwegs, wobei ich einräume, dass Rufmord damals nicht tödlich war.

Aber schmerzhaft gewiss. Erzählen Sie mal. Wie ich hörte, haben Sie jetzt als erster DDR-Diplomat Ihre Akten im Archiv des Auswärtigen Amts einsehen können. Sie erfuhren also nach Jahrzehnten schwarz auf weiß, wie die Bemühungen der DDR um diplomatische Anerkennung in Libyen sabotiert wurden. Es war die Zeit der Hallstein-Doktrin(1). Waren Sie schockiert?

Schockiert nicht unbedingt, ich habe damals ja erlebt, wie ich gegen Wände rannte und sich Türen schlossen, die noch am Vortag offen zu stehen schienen. Dass dabei die umtriebigen Abgesandten der Bundesrepublik ihre Finger im Spiel hatten, war kein Geheimnis. Überrascht hat mich allenfalls zu lesen, welch immenser Aufwand meinetwegen betrieben, wie jeder meiner Schritte observiert wurde und welche Kreise davon in Aufregung versetzt worden sind.

Wo liegen überhaupt die Akten, die Sie einsehen konnten?

Akten des Bonner Außenministeriums wie auch des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR lagern in den Räumen des einstigen Zentralkomitees, wo sich heute das AA befindet.

Konnten Sie alles sehen, was Sie sehen wollen?

Im Prinzip ja. Ich hätte gern meinen roten Diplomatenpass angefasst, den ich seinerzeit wegen der vielen Visa-Stempel und Eintragungen zu DDR-Zeiten hatte abgeben müssen, weil er ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument darstellte, wie es hieß. Mir wurde freundlich zu verstehen gegeben, dass er vielleicht in dem Panzerschrank liegt, der bei ihnen verschlossen herumsteht. Die Schlüssel sind weg, und keiner kriegt ihn auf.

Das letzte ungelüftete Geheimnis der DDR befindet sich im ZK ... Schöne Geschichte. Aber zurück zu Ihrer ersten Reise nach Libyen.

Man schickte mich mit Hinweis auf meine auswärtigen Erfahrungen in Sudan und Ägypten im März 1964 nach Tripolis. Drei Jahre zuvor hatte eine libysche Parlamentsdelegation auf Einladung unserer Volkskammer die DDR besucht. Als erstes suchte ich darum den damaligen Delegationssekretär auf, meine einzige Adresse dort. Er hatte seinen Besuch in Berlin in guter Erinnerung und lud mich zu einer Parlamentssitzung ein, die zwei Tage später am Sitz des Königs in Beida stattfand. Dort arbeitete auch das Außenministerium.

Sprachen Sie arabisch?

Damals kein Wort. Aber die bereits akkreditierten Kollegen aus der Sowjetunion und der Tschechoslowakei halfen mir auch in dieser Hinsicht. Sie machten mich in den folgenden Tagen mit vielen wichtigen Leuten bekannt. Mein Ziel bei der 14tägigen Dienstreise: die Teilnahme der DDR an der Internationalen Messe im Frühjahr 1965 in Tripolis, kurz TIF, zu erreichen.

Die BRD-Botschaft unterrichtete am 21. März 1964 das Auswärtige Amt in Bonn über meine Teilnahme an der Parlamentssitzung und dass mich der TIF-Direktor und ein Staatssekretär im Wirtschaftsministerium hätten abblitzen lassen. Weiter las ich in den Akten: »Es konnte bisher nicht herausgefunden werden, wer die Delegation hier betreut und wer ihr Zugang zu der ›allgemein öffentlichen‹ Parlamentssitzung verschafft hat. Erkundigungen sind eingeleitet worden. « Am 7. April berichtete die Botschaft: »Bei dem sowjetzonalen Abgesandten handelt es sich um einen Achim Reichardt, der sich als ›First Secretary‹ im Außenministerium der sogen. DDR ausgibt.«

Sie lagen jedes Mal falsch: Ich hatte angenehme Gespräche geführt und auch die Zusage der libyschen Seite für die Messeteilnahme erhalten.

Nach meiner Rückkehr nach Berlin wurden der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, Ministerpräsident Willi Stoph und Außenhandelsminister Julius Balkow darüber informiert. Im Herbst schickte man mich erneut nach Tripolis. Und wenn ich schon einmal dort unten sei, könne ich auch gleich in Tunesien vorstellig werden.

Es ging, um es festzuhalten, um die Überwindung der internationalen Isolation. Die DDR war lediglich von den sozialistischen Verbündeten anerkannt.

Genau. Wir wollten über Handelsbeziehungen die diplomatische Anerkennung erreichen. Ich bekam einen Gesprächstermin mit dem libyschen Wirtschaftsminister Mansour Coobar, der um Verständnis bat, der DDR lediglich die Tätigkeit einer Handelsvertretung erlauben zu können, aber die Zusage für eine Messeteilnahme gab er mir schriftlich – mit der Bitte, keine Flagge zu hissen, keine Nationalhymne zu spielen, keine Empfänge im Pavillon zu geben.

Im Januar 1965 reiste ich, von der DDR-Führung zur Errichtung einer Handelsvertretung autorisiert, zum dritten Mal nach Tripolis. Vier Wochen später öffnete die Messe. Zur gleichen Zeit besuchte Walter Ulbricht mit einer Staatsdelegation Ägypten. In Bonn fürchtete man einen diplomatischen Dammbruch.

Bonn hatte, aus Furcht vor einer drohenden Anerkennung der DDR durch Ägypten, am 12. Mai 1965 Israel anerkannt, worauf zehn arabische Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zur BRD abbrachen ...

Es war ja nicht nur die Anerkennung Israels, sondern es waren vor allem die jahrelangen geheimen Waffenlieferungen der Bundesrepublik via Frankreich an Israel, die zu diesem Aufstand der Araber führten. Diese Lieferungen waren im Oktober 1964 bekannt geworden, worauf Ägyptens Staatspräsident Nasser Ulbricht demonstrativ zum Staatsbesuch einlud.

Und mit diesen Waffen führte Israel dann 1967 seinen Sechstagekrieg gegen Ägypten, Syrien und Jordanien. Wie verhielt sich Libyen?

Die BRD-Botschaft meldete am 10. Mai 1965 nach Bonn: »Wir können uns auf die libysche Regierung hinsichtlich ihrer zukünftigen Haltung in der Nahostkrise nicht verlassen.« Für mich aber standen nun viele Türen offen. Am 8. September 1965 konnte ich ein Haus in der Murad-Agha-Straße in Tripolis beziehen: meine/unsere Residenz. Und ich hatte noch immer kein Visum für Libyen. Was die BRD-Botschaft genau wusste. Am 4. September kabelte sie: »Aus Anlass des 800jährigen Bestehens der Leipziger Messe gaben der Vertreter der SBZ(2) in Libyen, Herr Reichardt und seine Frau, einen Empfang in Tripolis/Grand Hotel. Reichardt war nach der TIF allein in Tripolis verblieben. « Man warnte Bonn: »Aktivität von Reichardt darf nicht unterschätzt werden. Obwohl Visum jeweils nur acht Tage, scheint er sich doch fester stabilisiert zu haben. (...) Politisch konnte SBZ noch nicht Fuß fassen. Herr Reichardt firmiert unter ›The Representative of the Government of the GDR for Economy and Trade‹.«

Aus Ihren Erinnerungen(3) erfuhr ich, dass es in der BRD-Botschaft zum Jahresende zu einem Wechsel kam, auf Dr. Ludwig Beye folgte Dr. Hans Seydel, der bereits 1939 als nazideutscher Botschaftsrat in Tripolis war.

Das nennt man Kontinuität der deutschen Außenpolitik. Seydel veranlasste, darüber informierte mich die Leitung der TIF vorab, dass Libyens Ministerpräsident beim Messerundgang den DDR-Pavillon ausließ. Und über sein Gespräch im libyschen Außenministerium meldete Seydel am 16. März 1966 nach Bonn: »Status hiesigen sowjetzonalen Vertreters Reichardt bezeichnete Staatssekretär Hussein Ghannai als unklar und äußerte, Reichardt bereite ihm Kopfschmerzen. « Und der Botschafter versicherte seinem Arbeitgeber: »Botschaft wird nachdrücklich darauf hinwirken, dass Visum anlässlich Messe eingereister Mitarbeiter Reichardts nicht verlängert werden.«

Wenn man die verschiedenen Darstellungen miteinander vergleicht, bleibt einem eine gewisse Wankelmütigkeit der libyschen Seite nicht verborgen.

Das stimmt, manchmal schob man mich ganz schön auf die Nudel, weshalb die BRD-Botschaft befriedigt am 28. Januar 1967 nach Bonn telegrafieren konnte: »Obwohl ›DDR‹(4) mit aller Macht auf Errichtung einer HV drängt, kam es auch im Jahre 1966 nicht zur Errichtung einer Ostberliner Vertretung. Ostberliner Aktivitäten im Gegenteil im II. Halbjahr merklich nachgelassen. « Gleichwohl: Auf der VI. Tripolis-Messe im März 1967 besuchten den Stand der DDR sowohl Ministerpräsident Hussein Mazik als auch die Königin und die Frau des Kronprinzen.

Aber eine DDR-Anerkennung gab’s dennoch nicht.

Auf die Aktivitäten der BRD-Seite habe ich verwiesen. Für uns gab es eine gute handelspolitische Entwicklung. Die Exporte nahmen zu. 1965 machten 22 DDR-Frachter im Hafen von Tripolis fest, 1967 bereits 70. Im Sommer 1967 wechselte der König nach Unruhen, Streiks und Straßenschlachten die Regierung aus, die Bundesrepublik machte dieser umgehend ihre Position klar. Seydel in seinem Jahresbericht am 2. Januar 1968: »In dtsch. Frage konsequent und unbeirrbar Nichtanerkennung ›DDR‹. Drängen ›DDR‹ nach Vertretung nicht stattgegeben. (...) Auf TIF Flagge verhindert. Formelle Anerkennung ›DDR‹ nicht zu erwarten.«

Wohl aus Angst wurde weiter interveniert. Vor der VII. Messe, TIF 1968, kam eine BRD-Delegation mit Bundesschatzminister Kurt Schmücker, CDU, nach Tripolis und verhandelte mit dem Premierminister. Neun Tage später, am 27. Februar, wurde vom libyschen Außenminister die Entfernung des DDR-Schildes am Pavillon verlangt. Falls wir der Forderung nicht nachkämen, würde es übermalt werden. Wir kamen ihr nach. Am dritten Tag, nachdem Schmücker abgereist war, konnte man am Pavillon wieder lesen: »German Democratic Republic«, und es wehte die DDR-Fahne. Die Botschaft berichtete entrüstet: »SBZ-Flagge während der beiden letzten Wochen diesjähriger Messe vor SBZ-Pavillon von Libyen erstmals geduldet.«

Am 1. September 1969 übernahm ein »Revolutionärer Kommandorat« die Macht in Libyen und ließ uns am 8. September wissen: »Dem Beauftragten der Regierung der DDR wird gestattet, die Fahne seines Landes auf dem Gebäude der Botschaft zu hissen.«

Die offizielle Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Libyen und der DDR erfolgte dennoch erst am 11. Juni 1973.

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Achim Reichardt … Jahrgang 1929, war von 1956 bis 1982 im diplomatischen Dienst tätig, zuletzt Botschafter der DDR in Libanon. Danach, bis 1990, arbeitete er als Generalsekretär des Solidaritätskomitees der DDR und anschließend einige Jahre als Geschäftsführer beim Nachfolgeverein SODI e. V., dem Solidaritätsdienst International.

1) Alleinvertretungsanspruch, nach dem Staatssekretär Hallstein benannte Doktrin, wonach die Bundesrepublik die Interessen aller Deutschen vertrat. Offizielle Kontakte zur DDR wurden als unfreundlicher Akt gegenüber der Bundesrepublik betrachtet und wurden mit der Androhung von Sanktionen bis hin zum Abbruch diplomatischer Beziehungen bestraft

2) SBZ, Sowjetische Besatzungszone. Die DDR wurde im offiziellen Bonn als Staat nicht akzeptiert, Kanzler Adenauer sprach abfällig sogar nur von »Pankoff«, wenn er die zweite deutsche Republik meinte, weil es in der BRD die Vorstellung gab, dass die Mitglieder der DDR-Regierung in Berlin-Pankow residierten

3) Achim Reichardt: Abenteuer eines DDR-Diplomaten. Meine Jahre in Libyen. Verlag am Park, Berlin 2015

4) In Bonn regierte seit 1966 eine Große Koalition, die SPD stellte mit Willy Brandt den Außenminister, der die DDR, wenngleich in Anführungszeichen, auch so nannte

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