DDR-Außenpolitik - Geschichte


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Schleicher, Ilona:

Antifaschismus und Solidarität gegen Apartheid - Zum Wirken von Heinz H. Schmidt und anderer Widerstandskämpfer im Solidaritätskomitee der DDR

Quelle: Autorin, veröffentlicht in: "hefte zur ddr-geschichte" Nr. 144, Berlin 2016 (Herausgeber und Vertrieb: „Helle Panke“ e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, Kopenhagener Straße 76, 10437 Berlin, Tel: 030/47 53 87 24, Fax: 030/47 37 87 75 oder 030/47 37 87 78, E-mail: info@helle-panke.de Internet: www.helle-panke.de

Inhalt

1. Solidarität auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens
1.1. Sechaba oder Solidarität in schwerer Zeit
1.2. Antifaschistischer Widerstand und Kampf gegen Apartheid
2. Heinz H. Schmidt: Bergmann, Journalist, Widerstandskämpfer
2.1. Prägungen in der Arbeiterbewegung Mitteldeutschlands
2.2. Exil in der Tschechoslowakei und Emigration nach Großbritannien
2.3. Weggefährten im Widerstand
2.4. Freie Tribüne: Für das Zusammengehen der deutschen Antifaschisten
3. Erfahrungen eines kritischen Geistes in der DDR
3.1. Misstrauen gegen „Westemigranten
3.2. „Neuer Kurs“: Satire und ihre Folgen
4. Solidarität auf Augenhöhe
4.1. Solidarität mit dem ANC im internationalen und nationalen Kontext
4.2. Politische Massenarbeit und bewaffneter Kampf
4.3. „Entlarvungskampagnen“ zur Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit Südafrika
Literatur
Abkürzungen

Leseprobe

1. Solidarität auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens

1.1. Sechaba oder Solidarität in schwerer Zeit

Im Oktober 1990 wurde ein bemerkenswertes Kapitel der Solidarität der DDR mit dem Kampf gegen Rassismus und Apartheid, für ein demokratisches Südafrika geschlossen: Die Herstellung der Zeitschrift Sechaba, Publikation der südafrikanischen Befreiungsbewegung African National Congress (ANC), in ostdeutschen Druckereien wurde beendet.1

Seit Januar 1967 war diese Zeitschrift, die erste eigene des ANC überhaupt, mit Unterstützung des DDR-Solidaritätskomitees, finanziert mit Spendengeldern aus der ostdeutschen Bevölkerung, gedruckt worden. Im Leitartikel der ersten Ausgabe hieß es: „Mit dieser ersten Ausgabe von ‚Sechaba‘ nutzen wir eine neue und mächtige Waffe, um die Wahrheit über Südafrika und die Stimme des Afrikanischen Nationalkongresses in jeden Winkel der Welt zu tragen. …‘Sechaba‘ ist als Forum für alle freiheitsliebenden südafrikanischen Patrioten gedacht, damit sie ihre Meinungen und Ziele zum Ausdruck bringen können. Vor allem aber soll ‚Sechaba‘ das Sprachrohr für die unterdrückten land- und rechtlosen Schwarzen Südafrikas sein, die keine Stimme haben; das Sprachrohr des ANC.“ (deutsche Übersetzung)2

Die Redaktion von Sechaba hatte ihren Sitz in London. Südafrikaner, die in der DDR im Exil lebten, begleiteten den Druck von Sechaba und brachten sie auf den Weg in die Welt. Einer von ihnen war der 2014 verstorbene Journalist Eric Singh. Er hat Sechaba einmal als das größte Geschenk der DDR an den ANC bezeichnet.3 Hervorzuheben ist, dass die inhaltlichen Belange der Zeitschrift ausschließlich der Redaktion in London und damit dem ANC oblagen.

Sechaba hatte großen Anteil daran, das Informations- und Propagandamonopol des Apartheidregimes auf internationaler Ebene zu durchbrechen, zu seiner Isolation beizutragen, über die Befreiungsbewegung zu informieren und internationale Solidarität zu mobilisieren. Sie erreichte eine Auflage von bis zu 25.000 Exemplaren.4 Die Mehrzahl wurde international vertrieben.

Die Monatsschrift ging an 15.250 exilierte ANC-Mitglieder; 4.550 Exemplare gingen über Bibliotheken, Universitäten, wissenschaftliche Institutionen, Journalisten und nicht zuletzt über politische und Solidaritätsorganisationen an die internationale Öffentlichkeit. Nur die verhältnismäßig kleine Anzahl von 200 Exemplaren jeder Nummer gelangte illegal nach Südafrika. Solidaritätskomitees in Kanada und Italien besorgten eine französische bzw. italienische Ausgabe von Sechaba.5

Auch Aktivisten der Anti-Apartheidbewegung (AAB) in der Bundesrepublik und in Westberlin hatten Anteil am Gelingen des internationalen Solidaritätsprojekts Sechaba. Ihre Aktionen gegen die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik der BRD mit Apartheid-Südafrika fanden Widerhall in den Spalten der Zeitschrift. Und: Ohne das Engagement des Westberliner Journalisten und Anti-Apartheidaktivisten Detlev Reichel6 wäre der komplizierte Weg der Manuskripte von der Redaktion in London über Blockgrenzen und Berliner Mauer hinweg zum Solidaritätskomitee und von hier in Druckereien in der DDR um einiges schwerer zu bewältigen gewesen.

Die Zeitschrift erschien zu einem Zeitpunkt, als der ANC große Anstrengungen unternahm, sich aus einer fast verzweifelten Lage zu befreien.7 Am 21. März 1960 waren bei Sharpeville in Südafrika 69 Menschen, die gegen diskriminierende Passgesetze des Apartheidregimes demonstriert hatten, unter dem Kugelhagel der Polizei gestorben. Der ANC und der mit ihm rivalisierende Pan-Africanist Congress (PAC) waren danach verboten und jeder Möglichkeit legaler Tätigkeit beraubt worden.8 Jahrzehntelang hatte der ANC gewaltlosen Widerstand gegen die Apartheid geleistet. Dessen Höhepunkt war der gemeinsam mit verbündeten Organisationen9 vorbereitete Volkskongress in Kliptown am 26. Juni 1955 gewesen. Er verabschiedete die Freiheitscharta, ein historisches Dokument der Befreiungsbewegung für ein demokratisches, nicht-rassistisches Südafrika. Angesichts der Eskalation von Unrecht und Gewalt seitens des Apartheidregimes entschloss sich die ANC-Führung nach langen Debatten, auch bewaffnete Methoden des Kampfes anzuwenden.10 Der ANC und die South African Communist Party (SACP), die bereits 1950 verboten worden war, bildeten 1961 den bewaffneten Flügel des ANC Umkhonto we Sizwe (MK Speer der Nation). Erster Führer von MK wurde Nelson Mandela, herausragender Organisator der politischen Kampagnen des ANC in den 1950er Jahren. MK wurde seit Ende 1961 mit Sabotageakten aktiv. Ziele waren Strommasten, Polizeistationen und Passbüros – Symbole der verhassten Apartheid-Passgesetze. Oberstes Gebot war damals, den Verlust von Menschenleben zu vermeiden. 1962 fiel Mandela der Polizei in die Hände, ein Jahr später wurden Walter Sisulu, kluger Stratege und trotz Bannung de facto Generalsekretär des ANC, sowie weitere ANC-Führungsmitglieder verhaftet. Im Rivonia-Prozess wurden sie 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt. Abram Fischer, einer ihrer Anwälte und Führer der SACP, setzte den illegalen Widerstand – die Partei hatte nach ihrem Verbot 1950 Untergrundstrukturen gebildet – fort. Er wurde 1966 gefasst und erhielt ebenfalls das Urteil „lebenslänglich“. Auch die Strukturen des illegalen Widerstandes gegen das Apartheidregime innerhalb Südafrikas waren in dieser Zeit nahezu zerschlagen, auch wenn es die Befreiungsbewegung vermochte einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Untergrund aufrechtzuerhalten.11 Sie mussten nun unter großen Schwierigkeiten und Gefahren wieder aufgebaut werden. Viele Anti-Apartheidaktivisten waren ins Exil gezwungen worden.

Angesichts der sich zuspitzenden Situation in Südafrika nach dem Massaker von Sharpeville hatte sich die Führung des ANC bereits 1960 entschlossen, bereits vorhandene Pläne zur Schaffung von Exilstrukturen der Organisation im Ausland rasch umzusetzen. Damit wurde Oliver Tambo, Vizepräsident des ANC, beauftragt. Nach dem Tod von Chief Albert Luthuli 1967, der 1961 mit dem Nobelpreis gewürdigt worden war, wurde Tambo Präsident des ANC.12 Die sogenannten Frontstaaten im südlichen Afrika – das Hauptquartier des ANC befand sich zunächst in Tansania und später in Sambia – sowie Großbritannien wurden Zentren des ANC-Exils.13

Der ANC musste Antworten auf schwierige Fragen finden: Wie war der Kampf gegen das scheinbar übermächtige Gewaltregime in Südafrika im Inneren des Landes und von außen her am Leben zu erhalten, mit welchen Methoden weiterzuführen? Wie konnten Verbindungen nach Südafrika organisiert werden? Wie konnten selbst minimale legale Möglichkeiten der Arbeit genutzt und mit illegalen Aktivitäten insbesondere bei der politischen Mobilisierung verbunden werden? Wie konnte die Wahrheit über Apartheid-Südafrika verbreitet, die internationale Solidarität für den Befreiungskampf organisiert und der rasch anwachsende Exil-ANC zusammengehalten werden? Sechaba reflektierte das Ringen des ANC, Antworten auf diese Fragen und Herausforderungen zu finden.

1.2. Antifaschistischer Widerstand und Kampf gegen Apartheid

Großen Anteil am Werden von Sechaba hatte seitens des DDR-Solidaritätskomitees Heinz H. Schmidt. Schmidt gehörte zu einer Reihe ehemaliger antifaschistischer Widerstandskämpfer, die mit ihren Lebenserfahrungen die Gründergeneration des 1960 gebildeten Komitees14 und dessen Zusammenarbeit mit antikolonialen Befreiungsbewegungen in den 1960er Jahren prägten. Hier sind neben Schmidt vor allem Horst Brasch, Vizepräsident des Nationalrats der Nationalen Front und zugleich erster Vorsitzender des Komitees (1960–1964), der Afrika-Sekretär des Komitees, Heinrich Eggebrecht (seit 1960 bis Mitte der 1970er Jahre), und der Sekretär des Vietnam-Ausschusses Willi Zahlbaum (1965–1975) zu nennen. Diese lebens- und politisch erfahrenen Persönlichkeiten bezogen ihre Motivation für internationale Solidarität in starkem Maße aus ihren Erfahrungen in der Arbeiterbewegung zur Zeit der Weimarer Republik und des Kampfes gegen den Faschismus. Sie hatten selbst Widerstand, Verfolgung und Exil erlebt, teilten also derartige prägende Erfahrungen mit ihren Partnern von Befreiungsbewegungen, insbesondere mit denen aus dem Süden Afrikas. Vor diesem Hintergrund entstanden schnell Verständnis füreinander, gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Von großem Gewicht bei der Vertrauensbildung waren die Allianz des ANC mit der SACP und die Tatsache, dass eine Reihe der südafrikanischen Partner in beiden Organisationen eine Führungsrolle spielten. Damit war von vornherein auch eine große politisch-ideologische Nähe gegeben.

Die Erfahrungen der südafrikanischen Apartheidgegner und der deutschen Antifaschisten waren in mancherlei Hinsicht ähnlich, aber sie hatten natürlich ihre eigene Spezifik. Sie wurden schließlich zu unterschiedlichen Zeiten unter unterschiedlichen nationalen und internationalen Bedingungen gesammelt.15 Aber antifaschistischer Widerstand und Kampf gegen Rassismus und Apartheid hatten in den Augen der Beteiligten viel Vergleichbares. Zwar ist die in der damaligen politischen Propaganda häufig anzutreffende Gleichsetzung des deutschen Faschismus mit den Zuständen in Apartheid-Südafrika problematisch. Gleichwohl bleibt festzustellen, dass Protagonisten der Apartheid beträchtliche Anleihen bei der NS-Rassenideologie aufgenommen, enge persönliche Verbindungen zu Nazi-Größen unterhalten und sich während des 2. Weltkrieges auf die Seite des faschistischen Deutschland geschlagen hatten.16 Dies führte dann andererseits zu einer auch emotionalen Nähe zwischen den ehemaligen deutschen Widerstandskämpfern und ihren Partnern im ANC und anderen Befreiungsbewegungen.

ANC und SACP zeigten frühzeitig großes Interesse an Erfahrungen des Kampfes gegen die Nazi-Diktatur.17 Seit Mitte der 1960er Jahre wandten sich Führungskräfte der Anti-Apartheidbewegung verstärkt an die SED mit der Bitte, ihnen Erfahrungen des antifaschistischen Widerstands für ihre illegale Arbeit in Südafrika zugänglich zu machen.18 So bat die Exil-Führung des ANC 1965 den Generalkonsul der DDR in Daressalam Gottfried Lessing um die Beschaffung von Literatur über den deutschen antifaschistischen Widerstand. Sowohl dokumentarische Materialien als auch schöngeistige Bücher in Englisch seien dafür gut geeignet. Sie würden dem ANC helfen, die Schulungsarbeit unter ihren Mitgliedern zu erweitern und Erfahrungen im Kampf gegen den deutschen Faschismus zu vermitteln.19 Lessing, jüdischer Herkunft und Kommunist, war 1938 von Deutschland nach Großbritannien und von dort in das damalige Südrhodesien emigriert.20 Er war mit den Verhältnissen im südlichen Afrika bestens vertraut und stand in Daressalam in engem Austausch mit ANC-Führern, insbesondere mit J. B. Marks, damals Vorsitzender der SACP und Mitglied des Nationalen Exekutivkomitees des ANC, sowie mit Moses Kotane, Generalsekretär des SACP und Schatzmeister des ANC.21

Noch Jahre später – das Apartheidregime war längst Geschichte – hoben südafrikanische Gesprächspartner hervor, wie wichtig für sie das Bekenntnis der DDR zur Tradition des antifaschistischen Widerstandes war. Die nach 1990 benannten und in Deutschland diskutierten Defizite in dieser Hinsicht spielten damals noch keine Rolle. Pallo Jordan, ein führender Analyst des ANC und Verantwortungsträger im Bereich Information und Propaganda, betonte: Allein schon die Tatsache, dass einerseits die Führer der Apartheid ihre Inspiration aus der Nazi-Ideologie bezogen und andererseits die DDR auf der Asche der Naziherrschaft erbaut worden war, hätte vielen in der Befreiungsbewegung das Gefühl gegeben, dass mancherlei Analogien in den Erfahrungen der DDR und Südafrikas existierten.22 Der Widerstand gegen den Faschismus habe, so der Autor, Filmemacher und langjähriger ANC-Aktivist Barry Feinberg, dem Austausch der Befreiungsbewegungen mit der DDR über die Bedingungen und Bedürfnisse ihres Kampfes eine ganz spezielle Bedeutung verliehen: „Es ging hier nicht einfach darum, dass die DDR Gastfreundschaft gewährte und Wünsche für Hilfslieferungen, die sie von Befreiungsbewegungen einschließlich des ANC erhielt, erfüllte. Es ging auch um sehr, sehr reiche Erfahrungen des Kampfes gegen Faschismus, des Kampfes gegen Rassismus und um Ratschläge für die Strategie und Taktik, die in diesem Kampf angewendet werden sollten.“23

Zu den Partnern des ANC in der DDR, die über einen solchen reichen Erfahrungsschatz verfügten, zählte Heinz H. Schmidt. Auch er kannte die Schwierigkeiten, den illegalen Widerstand im eigenen Land und vom Exil aus gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner zu führen, nicht zuletzt mit dem gedruckten Wort. Deshalb verstand er die Probleme und Bedürfnisse des ANC gerade auf dem Gebiet von Information und Propaganda, aber auch hinsichtlich der Entwicklung von Strategie und Taktik des Befreiungskampfes insgesamt gut. Und er wusste, dass eine erfolgreiche Strategie nicht ohne Diskussionen, Unsicherheiten und Konflikte zu haben war.

Immer ging es jedoch auch um ganz praktische Fragen der Unterstützung, wie sich zum Beispiel bei der Herstellung von Sechaba zeigen sollte. Der Druck der Zeitschrift traf trotz großen politischen Willens beider Seiten auf zahlreiche Schwierigkeiten. Dazu gehörten die permanente Papierknappheit in der DDR, die komplizierte Übermittlung der Manuskripte von London nach Berlin-Ost, Kapazitäts- und Planungsprobleme in den beauftragten Druckereien. Marimuthu Praglathan Naicker,24 als Verantwortlicher des ANC für Information und Propaganda mit der Herausgabe von Sechaba betraut, hatte großes Vertrauen zu Schmidt. Wiederholt wandte er sich an ihn, wenn sich die Drucklegung verzögerte, so wie im Falle des Novemberhefts 1970. Das Manuskript lag auf dem Flughafen Tegel in Berlin-West fest, ein direkter Transport von dort über die Mauer hinweg zum Solidaritätskomitee in Berlin-Ost war nicht möglich. Fast verzweifelt schrieb Naicker an Schmidt: Auch nach jahrelanger Kooperation mit dem Solidaritätskomitee bei der Herstellung von Publikationen seien immer wiederkehrende Probleme noch nicht gelöst worden. Er empfinde tiefe Dankbarkeit Schmidt und dem ganzen Komitee gegenüber und fühle sich schuldig, ihn erneut mit Problemen zu beladen. Aber er habe das Gefühl, dass Schmidt die einzige Person sei, die helfen könne, die Probleme dauerhaft zu lösen.25 Nach dem Umzug der Druckerei „Erich Weinert“ in einen modernen Betrieb in Neubrandenburg 1975 und dank der Kurierdienste von Reichel entspannte sich die Situation erheblich, ganz ohne Schwierigkeiten verlief die Herstellung von Sechaba auch danach nicht.

Heinz H. Schmidt starb am 14. September 1989. Durch den ANC erfuhr er mit einem ganzseitigen Nachruf in Sechaba eine bemerkenswerte Würdigung.26 Im Nachruf wird insbesondere der Anteil Schmidts am Gelingen der Zeitschrift hervorgehoben. Weiter heißt es hier: Jederzeit hat er enge und brüderliche Beziehungen mit dem Afrikanischen Nationalkongress unterhalten. ANC-Aktivisten, die zu unterschiedlichen Zeiten in der DDR waren, werden sich immer an das Erfassen unseres Kampfes und sein Verständnis erinnern. Er war immer ansprechbar, und er war ein guter Zuhörer was Probleme, Ideen und Vorschläge anging. Er war bekannt für seine Bereitschaft, auf jede Weise, die ihm und dem Solidaritätskomitee möglich war, zu helfen; kein Problem war für ihn zu groß oder zu klein, als dass er es nicht anpacken würde.(deutsche Übersetzung)27

Um diese Wertschätzung für Heinz H. Schmidt zu begreifen, ist ein Blick in seine Biographie sinnvoll ein Blick auf seine Herkunft und Jugend, auf die Zeit des antifaschistischen Widerstands und auch auf seine Erfahrungen in der DDR. Er hilft, die Persönlichkeit Schmidts, seine Wirkung auf Partner und Freunde im ANC und in anderen Befreiungsbewegungen und sein Herangehen an politische Probleme zu verstehen. Deshalb soll im Folgenden auf den Lebensweg Schmidts und dessen Verbindung mit den Biographien von Heinrich Eggebrecht, Horst Brasch und Willi Zahlbaum näher eingegangen werden.

Fußnoten:

1 Herstellerbetriebe: 1967 Druckerei Rotation in Dessau, ab Dez. 1968 Druckerei „Erich Weinert“ in Neustrelitz, nach Umzug der Druckerei ab Mai 1974 bis Okt. 1990 in Neubrandenburg. Sechaba erschien zunächst ohne, dann ab Ende 1968 mit dem Druckvermerk „Printed in Neustrelitz“, nach dem Umzug „Printed in Neubrandenburg“ und erst später „Printed in the German Democratic Republic“. Vgl. Schleicher/Schleicher (1997), S. 55–60; Singh (1994), S. 129–140.

2 Sechaba, 1967/1; S. 16 (deutsche Übersetzung).

3 Singh (2012), S. 52–59, hier: S. 58. Eric Singh, geb. 1932 in Durban, musste 1965 aus Südafrika fliehen. Er kam 1967 in die DDR, besuchte zunächst die Hochschule des FDGB in Bernau und erhielt eine Schriftsetzerausbildung, bevor er Sechaba betreute.

4 Ihre Auflage stieg von 6.230 im Jahre 1967 auf 20.000 Exemplare in den 1970er und 1980er Jahren und schließlich 25.000. Vgl. Singh (1994), S. 135.

5 Maqetuka (1989), S. 69–98. Die Zeitschrift erschien 1976 und 1977 nur vierteljährlich.

6 D. Reichel arbeitete bei der Zeitung der Sozialistischen Einheitspartei (SEW) Die Wahrheit und war ab 1975 „Sechaba-Kurier“. Siehe Schleicher/Schleicher (1997), S. 59.

7 Zur Geschichte des ANC bis Mitte der 1960er Jahre siehe Sampson (1999), S. 44–270; Sisulu (2014), Part 2, 3.

8 Der PAC trat für eine militante Interessenvertretung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit mit prononciert „antiweißer“ Stoßrichtung („treibt die Weißen ins Meer“) ein. Er lehnte das Konzept eines „non-racial“ Südafrika, wie es vom ANC und seinen Verbündeten vertreten wurde, und eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ab. Der ANC hatte für den 31. März 1960 Aktionen gegen die Passgesetze geplant, dem wollte der PAC mit der Demonstration am 21. März zuvorkommen. Vgl. Sisulu (2014), S. 201–208.

9 In der Kongress-Allianz arbeitete der ANC mit dem Congress of Democrats (COD – ihm gehörten viele Mitglieder der verbotenen SACP an), dem South African Indian Congress (SAIC), dem Coloured People’s Congress (CPC) sowie dem South African Congress of Trade Unions (SACTU) zusammen.

10 Vgl. Magubane und andere (2004), S. 53–146, zur Bildung von MK, S. 80–90.

11 Vgl. Suttner (2008), S. 59 und 253–317. Die SACP hatte den ANC unterstützt, nach seiner Bannung eigene Untergrundstrukturen zu entwickeln. Suttner zufolge spielten aber auch Bemühungen um die Verwirklichung des 1953 entworfenen Mandela-Plans (M-Plan), der den ANC angesichts der zunehmenden Repressionen des Regimes auf illegales Agieren vorbereiten sollte und gleichzeitig mit politischer Bildung verbunden war, eine Rolle. Eine ganze Reihe von ANC-Mitgliedern wurden für ein Verhalten im „Ernstfall“ vorbereitet, auch wenn der ANC den Plan nach einer Zeit insgesamt als gescheitert ansah.

12 Vgl. Callinicos (2004), S. 263–274.

13 Vgl. Schleicher, H.-G. (2004), S. 14. Diese Untersuchung konzentriert sich auf Exilerfahrungen und -prägungen in diesen beiden Zentren.

14 Das Komitee war auf der Grundlage eines Beschlusses des SED-Politbüros zur Afrikapolitik vom 04.01.1960 (SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/682) am 22.07.1960 als Komitee der DDR für die Solidarität mit den Völkern Afrikas unter dem Dach des Nationalrats der Nationalen Front gebildet und worden und entwickelte sich über verschiedene Stationen zum Solidaritätskomitee der DDR. Mehr dazu im Abschnitt 4.1.

15 Vgl. Schleicher, H.-G. (2004), S. 20–21.

16 Vgl. Schleicher/Schleicher (1997), S. 4. Mit den Verbindungen südafrikanischer Rassisten und ihrer Organisationen mit dem faschistischen Deutschland beschäftigte sich der südafrikanische Journalist und Publizist Brian Bunting, Führungsmitglied der SACP und Anti-Apartheidaktivist, bereits 1964 ausführlich. Vgl. Bunting (1964).

17 Vgl. Schleicher/Schleicher (1997), S. 65.

18 SAPMO-BArch, DY 30/IV A2/20/985: Brief von Dr. Yusuf Dadoo an die SED vom 07.08.1965. Der Arzt Y. Dadoo (1909–1983) war seit 1950 Präsident des SAIC, Führungsmitglied der SACP und seit 1972 bis zu seinem Tod deren Vorsitzender.

19 Das geht z.B. aus einem Brief des Generalkonsulats der DDR in Daressalam an die Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED (Abt. IV des ZK) vom 6.12.1965 hervor (SAPMO-BArch, DY 30/ IV A2/20/986).

20 Gottfried Lessing (1914–1997), von Beruf Jurist, wurde 1942 in Südrhodesien Mitbegründer der Rhodesischen Kommunistischen Partei und war in erster Ehe mit der späteren Trägerin des Nobelpreises für Literatur Doris Lessing verheiratet. Sie trennte sich von Lessing vor dessen Rückkehr in die DDR 1950. Seine zweite Frau Ilse, die in der Nazizeit als deutsche Jungkommunistin nach Südafrika emigrierte, war in erster Ehe mit Dr. Y. Dadoo verheiratet. Seit 1959 war Lessing im diplomatischen Dienst der DDR tätig. Er fiel 1979 auf tragische Weise den Kämpfen zwischen tansanischen und den Truppen des ugandischen Diktators Idi Amin zum Opfer. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried Lessing, 24.02.2016.

21 Zu Moses Kotane (1905–1978) siehe die Biographie von Bunting (1975); zu John Beaver (JB) Marks (1903–1972) siehe http://www.sahistory.org.za/people/john-beaver-jb-marks, 29.03.2016.

22 Interview von H.-G. Schleicher mit Pallo Jordan am 04.12.1995 in Pretoria. Jordan (geb. 1942), Leiter von Radio Freedom des ANC in Luanda, Forschungsdirektor des ANC, war ab 1989 als Leiter der Abteilung für Information bis zu seiner Rückkehr nach Südafrika 1990 auch Herausgeber der Zeitschrift Sechaba. Er war seit 1975 an der Konzipierung und Durchführung von Programmen zum politischen Training von MK-Angehörigen beteiligt und führte Kampagnen der Massenpropaganda im ANC. Jordan war maßgeblich an der Erarbeitung der Strategie und Taktik des ANC beteiligt. Siehe http://www.sahistory.org.za/people/zweledinga-pallo-jordan, 29.04.2016.

23 Interview von H.-G. Schleicher mit Barry Feinberg in Belville am 05.04.2000.

24 M. P. Naicker (1920–1977), Journalist und Publizist, Aktivist des Natal Indian Congress und Mitglied der SACP ging nach einer Gefängnishaft 1965 ins Exil nach London. Als Herausgeber von Sechaba und späterer Direktor für Information und Propaganda des ANC stellte er seine Arbeit in den Dienst des Exil-ANC. Er starb auf einer Flugreise von Berlin nach London. Vgl. South African History Online http://www.sahistory.org.za/people/marimuthupragalathan-mp-naicker, 26.02.2016.

25 BArch, DZ8/33: Brief Naickers an Schmidt vom 23.10.1970.

26 Die Nachrufe des ZK der SED (Neues Deutschland (ND), 16.9.1989) und des Solidaritätskomitees (ND, 03.10.1989) fielen dagegen eher formal aus und waren dazu noch fehlerhaft.

Siehe dazu auch Kretzschmar (1990), S. 57–58.

27 Sechaba, 1989/11, S. 24. Der Nachruf ist nicht namentlich gezeichnet.

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