Südafrika / Geschichte


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Schleicher, Ilona:

Speer in das Herz der Apartheid - Die ANC-Zeitschrift »Sechaba« aus Südafrika ging vor 50 Jahren erstmals in Druck

Vor 50 Jahren, im Januar 1967 erschien das erste Heft der offiziellen Zeitschrift des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) »Sechaba«. Das Oberthema: Leser zum Kampf gegen die Apartheid zu ermutigen.

Quelle: Autorin, zuerst veröffentlicht in "Neues Deutschland" vom 17.01.2017

Er ist das Symbol für den Anti-Apartheid-Kampf: der traditionelle Speer Umkhonto. Und er schmückte neben den Porträts von Mandela und anderen Führern der südafrikanischen Befreiungsbewegung die Titelseite der Zeitschrift »Sechaba«. Das Blatt des des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) war ein Kind der internationalen Solidarität. Die Redaktion der Zeitschrift befand sich in London, ihr Herausgeber war zunächst Marimuthu Pragalathan »MP« Naicker, Informationssekretär des ANC.

Gedruckt jedoch wurde »Sechaba« in der DDR, zunächst in Dessau, dann in Neustrelitz und schließlich in Neubrandenburg. Erst nach einigen Jahren verwies ein Druckvermerk auf die Printwiege der Zeitschrift. Dieses offene Geheimnis zu hüten, war obsolet und hinderlich für den Pressevertrieb geworden. Südafrikaner, die in der DDR im Exil lebten, begleiteten den Druck der ANC-Publikation und organisierten von Berlin aus ihren weltweiten Versand. Der Journalist Eric Singh, später auch Autor für »Neues Deutschland«, war einer von ihnen.

Die tatkräftige Unterstützung durch das DDR-Solidaritätskomitee und Spendengelder aus der ostdeutschen Bevölkerung ermöglichten die Herstellung von »Sechaba« von 1967 bis Oktober 1990. Mit einer Auflage von bis zu 25 000 Heften monatlich hatte die Schrift großen Anteil daran, das Informations- und Propagandamonopol des Apartheidregimes zu durchbrechen und zu dessen internationaler Isolierung beizutragen. Sie ging an Tausende exilierte ANC-Mitglieder. 4550 Exemplare erreichten über Bibliotheken, Universitäten, wissenschaftliche Institutionen, Journalisten und nicht zuletzt über Solidaritätsorganisationen die internationale Öffentlichkeit.

Eine verhältnismäßig kleine Anzahl gelangte illegal nach Südafrika. Solidaritätskomitees in Kanada und Italien besorgten eine französische beziehungsweise italienische Ausgabe von »Sechaba«.

Auch die Anti-Apartheidbewegung in der Bundesrepublik und in Westberlin hatte Anteil am Gelingen des internationalen Solidaritätsprojekts. Ihre Aktionen gegen die Kollaboration der BRD mit Apartheid-Südafrika, darunter die auf atomarem Gebiet, fanden ein Echo in »Sechaba«. Der Westberliner Journalist Detlev Reichel half, den hürdenreichen Weg der Manuskripte von der Redaktion in London über Blockgrenzen hinweg zum DDR-Solidaritätskomitee zu bewältigen.

Die Zeitschrift betrat die internationale Pressebühne in einer für den Kampf gegen die Apartheid außerordentlich kritischen Zeit. Der ANC, die mit ihm verbündete kommunistische Partei (SACP) und andere Anti-Apartheidorganisationen waren bereits seit Jahren verboten. Aller Möglichkeiten legaler politischer Arbeit beraubt, hatten sich ANC und SACP nach dem Massaker der Apartheidpolizei an Demonstranten in Sharpeville 1961 durchgerungen, auch bewaffneten Widerstand zu leisten. Aber Mitte der 1960er Jahre waren die Führer der Befreiungsbewegung um Mandela zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden. Legale und illegale Strukturen des Widerstands waren fast völlig zerschlagen. Sie mussten nun unter großen Gefahren wieder aufgebaut werden.

Viele Anti-Apartheidaktivisten waren ins Exil gezwungen worden. Dort sah sich die Exilführung unter ANC-Präsident Oliver Tambo schwierigen Fragen gegenüber: Wie konnte die Befreiungsbewegung am Leben erhalten und der Widerstand im Landesinneren gestärkt werden? Wie waren Verbindungen nach Südafrika zu organisieren? Wie konnten selbst minimale legale Möglichkeiten genutzt und mit illegalen Aktivitäten zur politischen Mobilisierung verbunden werden? Wie konnte die Wahrheit über die Politik Südafrikas verbreitet, internationale Solidarität organisiert und der rasch anwachsende Exil-ANC zusammengehalten werden? »Sechaba« reflektierte den Kampf gegen die Apartheid unter schwierigsten Bedingungen und das Ringen um eine realistische Strategie der Befreiungsbewegung.

MP Naicker und andere ANC-Vertreter suchten damals in der DDR das Gespräch über Erfahrungen des antifaschistischen Widerstandskampfes. Sie fanden verständnisvolle, kompetente Partner, darunter Heinz H. Schmidt. Schmidt war in den 1960er Jahren Vorsitzender des Solidaritätskomitees. Er hatte selbst illegalen Widerstand gegen die Nazis geleistet, kannte Folter und Haft, Flucht und Exil aus eigenem Erleben. Die langen Gespräche mit Vertretern von Befreiungsbewegungen betrachtete er als den wichtigsten Aspekt der solidarischen Zusammenarbeit mit ihnen.

Wichtiges Thema des Austausches war das Verhältnis von legaler und illegaler Arbeit, von politischer Arbeit und bewaffnetem Kampf. Schmidt wird vom Schmuggel antifaschistischer Flugblätter und Schriften aus der Tschechoslowakei nach Deutschland bis zum Münchener Abkommen 1938 und von der Zeitung »Freie Tribüne«, Forum deutscher Nazi-Gegner im späteren Londoner Exil erzählt haben. Er war Chefredakteur dieser Zeitung. Mit Sicherheit hat der Kommunist Schmidt, der sich als kritischer Geist damals in der eigenen Partei und später in der DDR nicht wenige – wie er es nannte – »Beulen am Helm« geholt hatte, seine Erfahrungen nicht in rosarotem Licht dargestellt. Für Schmidt war eine lebensnahe, überzeugende politische Massenarbeit von entscheidender Bedeutung für den Befreiungskampf. Deshalb unterstützte er »Sechaba« leidenschaftlich.

Akteure des digitalen Zeitalters mag das damalige mediale Agieren urzeitlich anmuten. Aber die kritische Reflexion historischer und gegenwärtiger Erfahrungen, Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang mit neuen Problemen bleiben hochaktuell, nicht nur im heutigen Südafrika. Daran wird sich die Regierungspartei ANC erinnern müssen, wenn sie den erlittenen Vertrauensverlust bei den Menschen durch eine an den Werten und Zielen der Befreiungsbewegung orientierte Politik wettmachen will.

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