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Thielicke, Dr. Hubert:

Wissenschaft im Umbruch

Die geopolitischen Ambitionen Russlands machen sich auch in der Wissenschaft bemerkbar. Mehr als 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion will das Land wieder in die Weltspitze zurückkehren.

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 11./12.02.2017

Emsiges Getriebe auf dem Campus des Moskauer Instituts für Physik und Technologie (MIPT) in Dolgoprudny am Stadtrand der russischen Hauptstadt. Studenten diskutieren in Grüppchen oder hasten zu den Hörsälen und Labors in den Gebäuden ringsum. »Das Institut entstand 1946 und erhielt 1995 Universitätsstatus «, berichtet gegenüber »nd« Tagir Aushew, Vize-Rektor für wissenschaftliche Angelegenheiten und Strategie. Das MIPT gehöre neben den Staatlichen Universitäten von Moskau und St. Petersburg zu den führenden russischen  Hochschulen. Unter den Absolventen und Professoren seien zehn Nobelpreisträger. Von Anfang an waren Physik und Mathematik die Hauptrichtungen für Studium und Forschung; später kamen Biologie, Chemie und Computerwissenschaft hinzu. Mehr als 6000 Studenten, davon etwa ein Zehntel aus dem Ausland, studieren hier. »Basis unserer Ausbildung ist das Phystech-System. Im ganzen Land werden hochtalentierte Schulabgänger ausgewählt, Wissenschaftler arbeiten sehr individuell mit den Studenten, darunter in den besten Laboratorien.«

Damit setzt das MIPT durchaus Maßstäbe in einem Land, das dabei ist, den in den 1990er Jahren eingetretenen Rückstand in Wissenschaft und Technik wieder aufzuholen. »Wir wollen die beiden Säulen der wissenschaftlichen Arbeit – die Ausbildung und Forschung an den Universitäten sowie die Grundlagenforschung – modernisieren und ausbauen«, betont Ludmilla Ogorodowa, stellvertretende Ministerin für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation. Die Universitäten – früher im Wesentlichen auf die Ausbildung beschränkt – sollen eine größere Rolle in der Forschung spielen.

Im wissenschaftlichen Bereich berücksichtige man vor allem die Erfahrungen Deutschlands, Großbritanniens und der USA. Zugleich macht die Vizeministerin aber deutlich, dass der Staat die entscheidende Rolle spielt: Die strategischen Ziele für die Wissenschaft gibt   Präsident Wladimir Putin vor, der von einem Rat für Wissenschaft und Bildung unterstützt wird. Dass hier noch vieles im Umbruch ist, zeigt die seit 2013 laufende Reform des akademischen Sektors. Einst gehörte die Sowjetunion mit ihrem riesigen Wissenschafts- und Forschungspotenzial zur Weltspitze. Dafür standen die Akademie der Wissenschaften, eine der ältesten und größten Wissenschaftseinrichtungen der Welt, wie auch die Erfolge auf solchen Gebieten wie Physik, Atomenergie oder Kosmosforschung. Der Zerfall der UdSSR führte nicht nur zur Aufsplitterung dieser Kapazitäten, die neu gegründete Russische Akademie der Wissenschaften (RAW) konnte sich unter den Turbulenzen der 1990er Jahre nur mühsam über Wasser halten. So manche Vertreter der neuen Eliten sahen Grundlagenforschung als »Luxus« an. Das änderte sich in den letzten 15 Jahren; mehrmals kam es zu Versuchen, die RAW umzugestalten und zu modernisieren.

Schließlich lag der Duma 2013 ein Gesetzentwurf vor, der nach Ansicht vieler Wissenschaften aber auf eine Zerschlagung der Akademie hinauslief und umgehend zu Protesten führte. Nach mehrwöchigen Debatten, die eine Reihe von Veränderungen zur Folge hatten, verabschiedete die Duma das Reformgesetz schließlich im September 2013. Die Akademien der medizinischen und landwirtschaftlichen Wissenschaften wurden mit der RAW vereinigt, Institute zusammengelegt oder aufgelöst, wissenschaftliche Zentren geschaffen. Während sich die Akademie auf die eigentliche wissenschaftliche Arbeit konzentrieren soll, ist die neue Föderale Agentur wissenschaftlicher Organisationen (FANO) zuständig für die finanzielle und wirtschaftliche Absicherung dieser Tätigkeit sowie die Verwaltung des Eigentums der RAW.

Es kam jedoch zu Reibereien zwischen der Akademieleitung und den Managern der FANO, die viele Wissenschaftler als »ineffiziente Bürokraten « ansehen. RAW-Präsident Wladimir Fortow kritisierte offen die mangelnde Abgrenzung der Kompetenzen zwischen RAW und FANO, die sich zu sehr in die wissenschaftliche Arbeit einmischen würde.

Ein schwieriges Erbe der 1990er Jahre ist die Abwanderung zehntausender Wissenschaftler ins Ausland. Dieser Trend scheint noch anzuhalten. Jährlich würden etwa 30 000 junge Leute ihr Studium in England fortsetzen, wovon etwa ein Drittel nicht zurück komme, so jedenfalls Viktor Sadownitschy, Rektor der Moskauer Universität. Ludmilla Ogorodowa sieht das entspannter: Die jungen Wissenschaftler müssten im Ausland Erfahrungen sammeln. Das sei doch normal; auch sie selbst war einige Jahre in Großbritannien. Allerdings sollten die jungen Fachkräfte auch wieder zurückkehren. Darauf wären nun entsprechende Maßnahmen gerichtet, insbesondere die Erhöhung der Gehälter im Wissenschaftsbereich und die stärkere Förderung jüngeren Leitungspersonals. Ein Beispiel dafür ist MIPT-Vizerektor Tagir Aushew. Der 40-jährige Doktor der  physikalischen und mathematischen Wissenschaften absolvierte das MIPT, setzte dann Studien und Forschung in der Schweiz und Japan fort. An Forschungszentren der RAW sind Absolventen des MIPT mittlerweile erfolgreich tätig, beteiligen sich im Kosmosinstitut am Programm ExoMars, entwickeln am Institut für Informationstransmission neue Maut- und Navigationssysteme, forschen über innovative Medikamente gegen Krebs, Multiple Sklerose, Alzheimer und andere Krankheiten im Institut für bioorganische Chemie.

Über einen besonderen Erfolg informierte kürzlich der Rektor der Moskauer Staatlichen Universität: Sie habe in einem internationalen Vergleich zur Qualität der Absolventen den dritten Platz nach den Universitäten von Stanford und Oxford belegt. Mit ihren Filialen in Astana, Baku, Duschanbe, Jerewan und Taschkent sei sie inzwischen auch in einigen postsowjetischen Staaten tätig

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