Rezension


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Schleicher, Dr. Hans Georg:

Reich und doch arm - Tom Burgis beklagt die Ausplünderung Afrikas

Rezension zu: Tom Burgis: "Der Fluch des Reichtums. Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas". A. d. Engl. v. Michael Schiffmann. Westend Verlag.

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 23.03.2017 - Beilage zur Leipziger Buchmesse

Hedgefondsmanager überschlugen sich zeitweise mit euphorischen Prognosen zum Rohstoffpotenzial Afrikas. Der Kontinent ist tatsächlich reich an Rohstoffen und Ressourcen und ist gleichzeitig geplagt durch Kriege, Flucht, Armut und Elend. Auch deshalb spricht der ehemalige britische Afrika-Korrespondent Tom Burgis in seiner Momentaufnahme Afrikas Anfang des 21. Jahrhunderts vom »Fluch des Reichtums «. Er macht die Kontraste anschaulich. Dem Bericht über ein kleines sterbendes Flüchtlingsmädchen in Kongo stellt der Autor die Begegnung des dortigen Staatspräsidenten mit einem millionenschweren israelischen Geschäftsfreund gegenüber – ein Protagonist der »Plünderungsmaschine«, wie Burgis die internationalen Konzerne nennt.

Rohstofflieferungen aus Afrika übertreffen um ein Mehrfaches die internationale Entwicklungshilfe dorthin. Der Autor recherchierte wirtschafts- und  machtpolitische Hintergründe der Ausbeutung und stieß dabei immer wieder auf ein internationales und afrikanisches Geflecht unternehmerischer und staatlicher Macht. Burgis schlägt den Bogen vom britischen Imperialisten Cecil Rhodes im 19. Jahrhundert, dessen Unternehmen De Beers immer noch existiert, bis hin zu modernen Monopolen. Europäische Kolonialreiche haben seit langem Allianzen afrikanischer Herrscher mit multinationalen Konzernen aus West und Ost Platz gemacht.

Mit geübter journalistischer Hand macht Burgis seine Einschätzung an konkreten Orten, Personen und Ereignissen fest. Es geht um Zugang, Kontrolle und Ausbeutung von Rohstoffen, es geht um politische Macht und viel Geld. Der Autor benennt Ross und Reiter, gestützt auf zahlreiche eigene Interviews. Er war vor Ort – in den Konzernzentralen in Luanda und Harare, in Hongkong und New York, bei Warlords im Niger-Delta und in primitiven Coltan-Minen in Ostkongo. In der kritischen Analyse des Netzwerks der Rohstoffausbeutung in Afrika porträtiert Burgis eine Reihe zwielichtiger nationaler und internationaler Akteure und hinterfragt ihre Geschäftskonstrukte. In der Ära der Globalisierung sind Wirtschaftsmagnaten und Konzerne auch politisch gut vernetzt. So tauchen im verwirrenden Spiel der Machtkämpfe in Guinea auch schon mal Ex-Premier Tony Blair und der Milliardär George Soros als Berater des dortigen Präsidenten auf.

Während die traditionellen Zentren westlicher Rohstoffpolitik detailliert nur am Beispiel Frankreichs in Niger behandelt werden, wird die »Großzügigkeit Beijings« als neuer Global Player in Afrika in zwei gesonderten Kapiteln kritisch hinterfragt. Dabei sieht Burgis als Trend zur  Ausbeutung der Rohstoffe Afrikas mehr und mehr die Kooperation, nicht die Rivalität alter und neuer Akteure.

Chinas Angebot, Afrika zu wirtschaftlicher Diversifizierung und Industrialisierung zu führen, ist natürlich primär an eigenen Rohstoffinteressen orientiert. Günstige chinesische Kredite bieten dennoch Alternativen zu den erpresserischen Bedingungen von Weltbank und IWF. Mafiöse Strukturen in verschiedenen afrikanischen Rohstoffländern ähneln einander, trotz mancher nationaler Besonderheiten.

Burgis konzentriert sich auf Nigeria, Kongo, Angola, Guinea, Niger, Simbabwe. In Nigeria, einer der größten Wirtschaftsmächte Afrikas, wird die verheerende Dominanz des Rohstoffsektors für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung des Landes dargestellt, der Anteil des verarbeitenden Sektors am wirtschaftlichen Output ist dort sogar geschrumpft. Nigerianische Warlords und Petropolitiker dominieren in einer Schattengesellschaft, dargestellt am Zusammenspiel von Shell und den Warlords im Niger-Delta. Der Kongo ist wie kaum ein anderer afrikanischer Staat exemplarisch geprägt durch den »Fluch des Reichtums«, auch das System Kabila ist dieser Gemengelage entsprungen. Zuvor war über Jahrzehnte der von verschiedenen US-Präsidenten gestützte Diktator Mobuto »einer der räuberischsten Kleptokraten des Jahrhunderts«.

Im Mittelpunkt des Buches steht die aktuelle Situation. Das reicht zum Verständnis beispielsweise der Entwicklung in Angola jedoch nicht aus. Dort wird der Bürgerkrieg, einer der »schlimmsten Stellvertreterkonflikte des Kalten Krieges«, als Hintergrund anhaltender Probleme weitgehend ausgeblendet. Immerhin wird die UNITA beim Diamantenschmuggel doch noch für ihre Mitverantwortung an diesem Bürgerkrieg benannt. Das Thema scheint endlos.

Im Epilog kritisiert der Autor angesichts des ungehinderten Abflusses von Rohstoffen aus Afrika die massive Abschottung des Westens gegenüber afrikanischen Flüchtlingen.

Tom Burgis: "Der Fluch des Reichtums. Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas". A. d. Engl. v. Michael Schiffmann. Westend Verlag. 351 S., geb., 24 €.

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