Rezension


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Ex Africa semper aliquid novi

Achille Mbembe über die weitere Entkolonialisierung in Afrika und ebenso notwendige Entkolonialisierung im Westen

Rezension zu: Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika. A. d. Franz. von Christine Pries. Suhrkamp

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 07.07.2017

In Berlin diskutiert man über die politische Korrektheit einer »Mohrenstraße« und über die Dekolonisierung des öffentlichen Raumes am Beispiel von Straßennamen im »Afrikanischen Viertel« in Wedding.

Was aber geschieht jenseits der afrikanischen Diaspora?

Der kamerunische Politikwissenschaftler und Historiker Achille Mbembe gilt als eine wichtige Stimme des heutigen Afrika. Seiner »Kritik der schwarzen Vernunft«, für die er 2015 den Geschwister-Scholl-Preis erhielt, folgte nunmehr auch in deutscher Übersetzung sein neues Buch »Ausgang aus der langen Nacht«.

Mbembe betrachtet die Überwindung des Kolonialismus, dieser besonders primitiven Form rassistischer Herrschaft, als Schlüsselmoment in der Geschichte der Moderne. Entkolonialisierung als »Welterschließung und Aufstieg zum Menschsein« ist für ihn keine eindimensionale Entwicklung und keinesfalls anti-europäisch angelegt. Er verweist darauf, dass Kolonisation durchaus Kräfte für Entwicklungen freigesetzt habe. Andererseits liege dem Kapitalismus von Anfang an rassistisches Denken zugrunde. In poetischer Sprache analysiert, ja seziert der Historiker Prozesse und brutale Exzesse des Kolonialismus, vom Sklavenhandel über koloniale Unterwerfung, Ausbeutung bis zum Widerstand gegen die Entkolonialisierung Afrikas im 20. Jahrhundert.

Eindrucksvoll schildert Mbembe »Erinnerungsfetzen «, die seine persönliche Identität beeinflussten, das Schicksal der eigenen Familie, Traumata der Unterdrückung. In seiner Kindheit waren Natur, Tradition und Religion eng verwoben mit historischen Geschehnissen. Der Totenschädel eines Verwandten dient ihm als Metapher. Mbembe bestätigt sich erneut als scharfer Analytiker kolonialer Macht und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus. Neben Erfahrungen autoritärer Regimes in seiner Heimat verarbeitet er solche aus dem postkolonialen Tansania, Senegal und Südafrika sowie aus Metropolen des Nordens.

Besonders wichtig ist ihm Südafrika und der dortige Umgang mit der Vergangenheit. Schonungslos geißelt er die weiße Kultur des Vergessens von Verbrechen. Andererseits sieht Mbembe in Südafrika mit Migrationsströmen aus allen Ecken des Kontinents und trotz vieler Konflikte die Chance der kulturellen Verschmelzung zum Sockel einer afropolitanen Moderne. Der Afropolitanismus, den Mbembe den Paradigmen Nationalismus, Panafrikanismus und afrikanischer Sozialismus entgegensetzt, schließt die Wiederaneignung und Transnationalisierung humanistischer Ideale ein und geht weit über Afrika hinaus.

Entkolonialisierung ist kein abgeschlossener Prozess und meint auch Demokratisierung. Auch die Europäer müssten sich entkolonialisieren. »Autoentkolonialisierung« sei notwendige Voraussetzung, um Rassismus, Gewalt und die Ausgrenzungen zu überwinden. So spricht Mbembe von der »Postkolonialität« früherer Kolonialmächte, die sich nicht selbst entkolonialisieren konnten und fokussiert dabei vor allem auf Frankreich nach einem »langen imperialen Winter«. Kolonialisierung als Teil der eigenen Geschichte werde dort nicht verschwiegen, aber umstilisiert. Kolonisten werden zu Opfern der Kolonialisierung. Dien Bien Phu und der Verlust Französisch-Algeriens werden – so Mbembe – fast so traumatisch empfunden wie Frankreichs Niederlage 1870/71.

Postkoloniale Probleme und Widersprüche in Afrika selbst beschreibt Mbembe detailliert an Beispielen aus dem Sahara- und Sahel-Bereich. Die Herausbildung von Identitäten fokussiert insbesondere auf Herkunftsgemeinschaften, Rasse und Religion. Der Autor spricht sodann von einem gesellschaftlichen Verfall in den letzten Jahrzehnten und sieht für Afrika auf dem Weg zur Demokratie entscheidende Hindernisse in der politischen Ökonomie, in imaginären Vorstellungen zu Macht und im Festhalten an überholten Strukturen.

Achille Mbembe bestätigt die uralte und ewig junge Weisheit Plinius des Älteren: »Ex Africa semper aliquid novi.« Aus Afrika gibt es immer etwas Neues zu berichten.

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika. A. d. Franz. von Christine Pries. Suhrkamp, 302 S., geb., 28 €.

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